Literatur Kiew 1918

Michail Bulgakows »Weiße Garde« als ukrainisches Lehrstück

Das Jahr 1918, in dem nicht zufällig Mi-chail Bulgakows berühmter Roman spielt, war das Schicksalsjahr der Ukraine. 1918 marschieren in Kiew nacheinander ein: die Rote Armee (im Februar), die deutsche Armee (im März), der ukrainische Nationalist Symon Petljura (im Dezember). 1918 herrschen in Kiew: die russischen Bolschewisten, das ukrainische Hetman-Regime von deutschen Gnaden, das ukrainische Petljura-Regime von eigenen Gnaden. »Groß war es und fürchterlich, das eintausendneunhundertachtzehnte Jahr nach Christi, das zweite nach Beginn der Revolution.«

Das Fürchterlichste für Bulgakow aber war nicht die bolschewistische Revolution, die der Theologensohn aus Kiew von Herzen hasste, sondern die Entstehung des modernen ukrainischen Nationalismus. Die Deutschen hatten, um ihr Marionettenregime zu legitimieren, aus der Tiefe der Geschichte die Hetman-Verfassung des 17. Jahrhunderts wieder ausgegraben und nach dem Vorbild des Hetmans Bogdan Chmielnicki, der sich 1648 gegen die Polen erhoben hatte, den Hetman Pavlo Skoropadsky erkoren. Skoropadskys Leute kommen mit Fellschwänzen auf den Kosakenmützen und der ukrainischen Grammatik eines gewissen Ignati Perpillo. Sie leisten keinen Widerstand gegen die deutsche Besetzung, aber treiben Identitätspolitik. »Wer hat die Aufstellung einer russischen Armee verboten? Der Hetman. Wer hat die russische Bevölkerung terrorisiert mit dieser scheußlichen Sprache, die es gar nicht gibt? Der Hetman. Wer hat das ganze Pack mit den Schwänzen auf dem Kopf herangezüchtet? Der Hetman.«

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Der ukrainische Nationalismus beginnt für Bulgakow mit der Neuerfindung der ukranischen Sprache. »Vorgestern fragte ich diese Kanaille Doktor Kurizki, der kann seit November vorigen Jahrs plötzlich kein russisch mehr. Früher Kurizki, jetzt ukrainisch Kuryzky. Ich frage ihn also, wie Kater (russisch Kot) auf ukranisch heißt, das wußte er noch ( Kit), aber als ich ihn fragte, wie der Wal (russisch Kit) heißt, glotzt er mich an und schweigt.«

Die Pointe der Anekdote besteht nicht nur darin, dass sich das Ukrainische offenbar mühelos aus dem Russischen herstellen lässt, indem der Vokal o durch i ersetzt wird (russisch Charkow, ukrainisch Charkiw), sondern auch darin, dass die Bauernsprache der Ukrainer naturgemäß keine Namen für Tiere hat, die es in Feld und Flur nicht gibt. Mit der Selbstbornierung einer Nation aber beginnt für Bulgakow das Unheil. Das Hetman-Regime bleibt zwar unter deutscher Kontrolle, es bereitet aber den ideologischen Boden für Petljura.

Unter dessen Herrschaft beobachtet Bulgakows Held das erste Pogrom seines Lebens. Am Eingang zur großen Brücke wird ein Jude von Petljura-Milizen zu Tode geprügelt. Diese Szene, von dem damals 26-jährigen Autor wahrscheinlich selbst erlebt, wird in seinem Werk wieder und wieder erzählt. Es ist der Glutkern seines Entsetzens über die Barbarei der Moderne.

Der Technokrat der Macht, eine Erbse in der Schote

Noch allerdings, zu Beginn des Jahres 1918, ist es nicht so weit. Im Winter 1918 wird Kiew zum Fluchtpunkt der Bourgeoisie aus dem bolschewistischen Moskau: »Es flüchteten Kokotten, anständige Damen aus aristokratischen Familien, ihre verwöhnten Töchter, blasse Petersburger Halbweltdamen mit karminrot gefärbten Lippen. Es flüchteten die Sekretäre der Departementsdirektoren, junge passive Päderasten. Es flüchten Fürsten und Knauser, Dichter und Wucherer, Gendarmen und Schauspielerinnen der kaiserlichen Theater.« Kiew lag wie eine Intarsie inmitten des Krieges und der Revolution.

Aber nicht weit stand schon »auf grell erleuchteten Gleisen ein Salonwagen. Darin kullerte wie eine Erbse in der Schote ein glattrasierter Mann umher, während er seinen Schreibern und Adjutanten in einer seltsamen Sprache, mit der selbst Perpillo seine Mühe gehabt hätte, etwas diktierte.« Noch ist die Schote nicht geplatzt, aber man muss sich Petljura, den modernen glatt rasierten Technokraten der Nation, als die Drohung vorstellen, vor der sich das fiebernde Leben im umlagerten Kiew abspielt.

Im Dezember endet die Idylle. Petljura rückt ein, verliert die Stadt 1919 an die Rote Armee, dann die Westukraine an Polen. Im April 1920 verbündet er sich mit den Polen, die daraufhin Kiew den Bolschewisten wieder abnehmen, mit beispielloser Gewalt, aber ohne Unabhängigkeitserfolg für die Ukraine. Denn im Frieden von Riga 1921 teilen Russland und Polen das Land, ungefähr entlang jener Grenze, die heute die Anhänger Jankukowitschs und Juschtschenkos teilt.

Aber im Rückblick auf die polnischen Zerstörungen schreibt Bulgakow 1923: »Es kommt der Tag, und die Polen werden uns nicht mehr böse sein, sondern uns eine neue Brücke bauen, schöner als die frühere… Die Stadt ist jetzt erschöpft nach den furchtbaren Donnerjahren. Sie ist still. Aber ich höre schon das Vibrieren des neuen Lebens. Die Stadt wird ausgebaut werden, ihre Straßen werden wieder brodeln, und sie wird sich erheben über den Fluss, den Gogol liebte, und wieder eine majestätische Stadt sein. Die Erinnerung an Petljura aber möge vergehen.«

Wie es aussieht, könnte Bulgakow Recht behalten. Die Ukraine, der Stalin 1940 den polnischen Westen wieder einverleibte, hat sich mit Polen versöhnt, und die Freiheitsliebe, die sie in unseren Tagen artikuliert, scheint endgültig gesäubert von dem Nationalismus der Petljura-Zeit.

 
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