Nichts reckt sich zum Zeichen, nichts bläht sich zum Symbol. Kein Mahn- und kein Warnmal, kein Schmach-, kein Angst-, kein Wundmal und auch kein Mal des Sündenstolzes. Wie also soll man ihn nennen, diesen Ort zwischen Brandenburger Siegestor und den Siegestürmen der Konzerne am Potsdamer Platz? Nicht mal vom wogenden Feld der Stelen mag man sprechen. Denn zu sehen ist ja nur ein Haufen grauer großer Steine, weit und wirr verstreut, unaufdringlich, unscheinbar. Wieder eine dieser Endlosbaustellen, denkt wohl mancher Autofahrer beim Vorüberbrausen. Und vielleicht haben sie ja Recht. Vielleicht ist dies wirklich ein Ort, der nichts vorstellt, an dem nichts fertig ist und mit dem wir nicht fertig werden. Auch nicht, wenn die Absperrzäune fallen.

Bereits in ein paar Tagen wird der letzte Betonquader auf sein Fundament gehievt werden, Wolfgang Thierse wird kommen, der Bundestagspräsident, und Peter Eisenman, der Architekt. Und natürlich einige Dutzend Schreiber und Filmer. Dann könnte es eröffnet werden, dieses Antimal, das doch Mahnmal heißt, Mahnmal für die ermordeten Juden Europas. Nur wenige Pflastersteine fehlen noch und auch das Museum unter dem Denkmal, der tief eingegrabene "Ort der Information" mit seinen vier Ausstellungsräumen, wird bereits Mitte kommenden Monats ausstaffiert sein. Der 27. Januar dann, an dem die Deutschen ihres Völkermords gedenken, wäre das richtige Datum für die Einweihung. Doch wird er wie gewöhnlich verstreichen. Erst am 10. Mai, zum Kriegsende, zu den Gedenktagen der Befreiung, darf sich die Steinwüste mit Menschen beleben. So, als sei auch das Eröffnen eine Befreiung, als komme mit dem Mahnmal die Erlösung.

Merkwürdig, diese symbolpolitische Instinktlosigkeit, auch wenn sie dem Ort kaum etwas anhaben wird. Er taugt nicht zum Staatsakt, zur Kranzabwurfstelle. Es gibt dort keinen Platz für so etwas, nicht im Museum, nicht zwischen den Stelen. Viel zu eng stehen sie, viel zu dicht. Sie folgen nicht der Logik des Zeremoniells, nicht der Ökonomie der Aufmerksamkeit. Zu sehen ist, dass nichts zu sehen ist. Und damit ist schon viel gewonnen.

Eisenman hat auf alles Großtuerische verzichtet, hat kein schlechtes Gewissen aus Stein gebaut, nichts, das uns tagein, tagaus zur Gedenkpflicht riefe. Bei ihm bleibt uns alle Freiheit, wir kommen offenen Auges. Und erblicken, weil die Betonquader sich in eine tiefe Senke wegducken, zunächst nur den Geschichtsmischmasch drumherum. Wo einst Goebbels seine Dienstvilla hatte und einen Bunker, da mäandern DDR-Plattenbauten, die verzickten Botschaftsgebäude der Bundesländer und die Rückseiten vom Hotel Adlon und von der kinderbunten Akademie der Künste. In diesem Wirbelsturm der Gegensätze wirkt die Weite des Stelengeländes, groß wie drei Fußballfelder, beruhigt, übersichtlich, ja, eingewachsen. Einige Kiefern scheinen vom Tierpark herübergewandert zu sein. Hier gedeiht ein Strauch zwischen den Steinen, dort ein Bäumchen. Fast surreal dies Bild.

Es zieht uns hinein, hält unseren Blick. Und plötzlich wird das vermeintlich öde Auf und Ab der Stelen zum lebendigen Spiel der Formen und Farben, kein Quader wirkt mehr wie der andere. Manche neigen sich ein wenig, und so bricht sich das Licht auf den Oberkanten in vielen Schattierungen, mal kieselhell, mal schieferdunkel. Aus dem surrealen Bild wird ein kubistisches, ein Flackern der Rhomben. Das Verlangen wächst, sich auf einen dieser Steine niederzulassen, dort, wo sie so hoch sind wie Gartenbänke. Sie anzufassen, ihre Samtglätte zu spüren und ihre scharfen Kanten. Die Kräuselmuster zu bestaunen, von Staub und Regenwasser hinterlassen. Und dann weiterzugehen, tiefer hinein in die Senke. Bald schon stehen uns die Quader bis zur Hüfte und dann, es geht ganz rasch, wachsen sie uns über den Kopf. Es ist ein Versinken, ein Wegtauchen ins Ungewohnte. Von Ferne sehen wir noch den Bus fahren, doch wir hören ihn nicht mehr. Die Steine machen taub, sie schlucken das Alltägliche. Die Stadt da draußen ist nur noch dumpfes Brodeln. Nun gelten die Regeln der Stadt hier drinnen.

Und die sind weit weniger beschaulich, als von außen angenommen. Nicht dass dies ein babylonisches Dickicht wäre. Im Gegenteil, es herrscht die reine Geometrie. Wie Mannheim, wie Manhattan wird auch diese Stelenstadt von einem Schneisenraster durchzogen, und so kann niemand verloren gehen. Rechts oder links, vorn und hinten, immer bleibt der Blick auf die Bauten ringsum in Ausschnitten frei. Dennoch fühlt man sich schnell seekrank hier unten, anlehnungsbedürftig und haltlos. Immer tiefer zieht es einen hinein in die Mulde (bis auf 2,4 Meter unter Straßenniveau), und immer höher wachsen die Betonscheiben (bis auf fast 5 Meter). Auch sie sind ganz streng und klarkantig, sind exakt so schmal wie die Schneisen (95 Zentimeter) und von stabiler Länge (238 Zentimeter). Und doch kippen einige aus der Ordnung, ganz sanft, nur ein paar Grad. Genug aber, um uns zu bedrängen und unser Normbewusstsein anzukratzen. Vorsichtig, jeden Schritt wägend, gehen wir voran – oder geht es mit uns?

Der Boden bringt das Gewohnte vollends aus dem Lot, er schlägt Wellen und buckelt, strebt aufwärts, dann gleich wieder in die Seitenlage. Auch wenn alles sorgsam, aseptisch fast, gepflastert ist, bewegen wir uns wie auf kabbeliger See und können uns nicht mal aneinander festhalten, dafür sind die Wege zu schmal. Hier bleibt jedem nur der Alleingang, jeder muss für sich entscheiden, um welche Ecke er biegt, welche Richtung er wählt. Ein Ziel ist nicht auszumachen, es zählt allein der nächste Schritt. Die reinste Kontemplation, könnte man meinen, doch Irrtum. Immer wieder müssen wir uns an anderen vorbeihangeln, wie in einem überfüllten Zug. Und weil wir weit sehen, aber nichts überblicken, scheint hinter jeder Ecke die Gefahr des Zusammenpralls zu lauern.

Unweigerlich kommt irgendwann die Frage, was das Ganze bloß soll. Und warum überhaupt diese Betonblöcke hier herumstehen. Skeptisch umstreichen wir sie, versuchen ihnen etwas zu entlocken. Vergeblich. Sie sind so glatt, so edel vergütet, dass ihnen kein Sinn anhaften will. Manchen erinnern sie womöglich an die Megalithkultur mit ihren Steinstumpen, etwa in der Bretagne. Andere denken an den mit Quadern übersäten Friedhof am Ölberg in Jerusalem. Doch wollen solche Kurzschlüsse zu der industriellen Perfektion der Stelen nicht passen und verlieren sich in ihrer unüberschaubaren Vielzahl und peniblen Reihung. Nein, ein Zeichen mögen sie nicht sein. Höchstens ein Nicht-Zeichen, ein Hinweis darauf, dass hier, wo doch von Vergangenheit die Rede sein müsste, über das Vergangene nichts zu erfahren ist. Dass nicht Geschichte gegenwärtig wird, sondern Gegenwart. Keine Erinnerungslandschaft entstanden ist, sondern Erfahrungslandschaft.