NS-Mahnmal Verwirrte Sinne, verlorene NamenSeite 2/2

In dieser werden wir nicht auf ein Drittes verwiesen, sondern in lauter Paradoxien verwickelt: werden durch Sicherheit verunsichert, bedrängt durch Weite, verwirrt durch Klarheit. So sind wir dankbar, am Ende dem Steinmeer zu entsteigen, die Aufsicht zurückzugewinnen. Die Welt zerfällt nicht länger in links und rechts, wir können den Blick schweifen lassen, die Perspektive frei wählen.

Eine solche Inszenierung mag einem banal vorkommen, dem Holocaust-Gedenken völlig unangemessen. Doch muss man Eisenman zugute halten, dass er mit seiner Performance-Kunstlandschaft, die stark an die Wahrnehmungsexperimente der sechziger und siebziger Jahre erinnert, in keine der Klischee- und Moralfallen getappt ist. Nur zu leicht gerät ja das Erinnern zum hohlen Ritual, zumal die Geschichte des »Dritten Reichs« uns stark entrückt. Dem setzt Eisenman den Versuch einer neuen Unmittelbarkeit entgegen. Erinnerung, das ist für ihn eine Wanderung mit offenem Ausgang, eine körperliche Erfahrung, in der wir uns selbst und damit der Geschichte wieder nahe kommen.

Gewiss, da schwingt die eher vage Hoffnung mit, Kunst könne Zeiten überbrücken und Menschen umkrempeln. Aber auch für den, der diesem Glauben nicht anhängt, bilden sich im Gehen, Tasten, Sehen ungeahnte Eindrücke. Und vielleicht werden sie für manche am Ende zur lebendigen historischen Metapher: Dass Menschen vor unseren Augen im Unentwirrbaren abtauchen. Dass Harmlosigkeit umschlägt ins Bedrohliche. Dass auch das Rationale einen irrationalen Unterstrom hat.

So ist das mit Eisenman, er mutet uns die Offenheit der Kunst zu. Und nimmt es dafür in Kauf, dass vielleicht manche ihre Stelenwanderung missverstehen und glauben, hier werde die dunkle jüdische Erfahrung nachgestellt und sie dürften sich selbst als Opfer fühlen. Einige werden schauerromantisch angerührt sein, andere Eisenmans System- und Vernunftkritik loben; alle aber werden gezwungen sein, eine eigene Form der Annäherung zu suchen, im realen wie im übertragenen Sinne. Wir müssen selbst entscheiden, wie weit wir uns in diese Stelen- und Seelenlandschaft vorwagen und für welche Lesart wir uns entscheiden. Und so wird wohl aus dem vermeintlichen Sinnbild ein Selbstbild der Deutschen werden. Wie unter einem Brennglas kann sich zeigen, wie wir uns der Geschichte nähern. Ob sie uns kalt lässt, uns ergreift oder ob die Erlebnis- und Sportgesellschaft siegt und die Stelen fürs Picknick herhalten müssen oder um von einem Quader zum nächsten zu hüpfen.

Ganz allerdings ist die Erinnerung doch nicht ins Belieben gestellt. Schließlich gibt es den Ort der Information, und der führt uns den Holocaust sehr bildlich vor Augen. Auch hier ist das Wogen des Irrationalen noch zu spüren, die Decke wellt sich, und die Stelen der Oberwelt wachsen in die Unterwelt hinab. Doch der hermetische Beton bricht hier auf und wird zum Schaukasten, zeigt vernichtete Familien, verlorene Namen. Ohne dies Aufklärende unten wäre das Ungeklärte oben nur ein Mythenfeld. Störend wirken allein die sechs Treppen, die alle in die Stelenlandschaft münden und mit ihren Gittern das minmalistische Spiel der Schneisen unterbrechen. Ebenso wie der Fahrstuhlturm, der dem Ungerichteten so etwas wie Richtung gibt.

Doch ist das kein großer Schaden. Eisenmans steinernes Gefilde wird auch so ein Eigenleben führen. Viele Fragen, viele Bedenken können aus ihm aufsteigen. Und mit Glück wird es wirklich unfertig bleiben, eine Baustelle deutschen Erinnerns.

 
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