Geht das Waldsterben weiter, wie es jetzt wieder heißt? Oder wächst so viel Holz heran wie nie zuvor, was kürzlich die Bundeswaldinventur ergab? Unser Autor Günter Keil betreute von 1990 bis zu seiner Pensionierung 2002 im Bundesforschungsministerium die Waldschadens- und Waldökosystemforschung. Als intimer Beobachter deutscher Waldpolitik und Waldforschung zieht er Bilanz, mit einem kritischen Blick auch auf die Rolle der Medien. Außerdem befragten wir Matthias Berninger, den zuständigen Staatssekretär der Bundesregierung, nach der Wahrheit im Walde. DZ

Am Anfang war der Frost. Wiederholt hatte harter Witterungsstress die deutschen Wälder gegen Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre getroffen. Zur Jahreswende 1978/79 sackte in Süddeutschland das Thermometer innerhalb weniger Stunden um fast 30 Grad. Forstleute wussten, Frostschäden im Wald waren unausweichlich. Zur gleichen Zeit zeigten verschiedene Baumarten andere Schadsymptome, die auf Nährstoffmangel hindeuteten. Zunehmend wurde darüber berichtet, und manche begannen, an eine gemeinsame, böse Ursache zu glauben.

Eine passende Erklärung lieferte 1979 der Göttinger Bodenforscher Bernhard Ulrich. Er diagnostizierte Luftverunreinigungen, insbesondere Schwefeldioxid und den sauren Regen, als wahrscheinliche Ursache von Waldschäden und stellte 1981 die extreme Prognose, dass »die ersten Wälder schon in fünf Jahren sterben« würden. Sie seien nicht mehr zu retten. Seither galten die Luftschadstoffe als Hauptverdächtige.

Das Panikwort »Waldsterben« setzten Forstleute selbst in die Welt

Ulrichs wichtigster Mitstreiter war der Münchner Forstbotaniker Peter Schütt. Er entdeckte 1981 im Forstamt Sauerlach für ihn unerklärliche Baumschäden, die er als »neuartige Waldschäden« bezeichnete. Dass ein Professorenkollege diese Schäden als altbekannte Pilzerkrankung diagnostizierte, konnte den Siegeszug der neuartigen Waldschäden nicht mehr aufhalten. Sie wurden zur Bezeichnung für alle möglichen realen und vermeintlichen Baumschäden, für die man die Industriegesellschaft verantwortlich machte. BILD

Die Ironie der Geschichte wollte es, dass die Forstleute selbst – in ihrem Fachjargon hieß jede Baumkrankheit »Sterben« – den Paniknamen »Waldsterben« in die Welt setzten. Eine PR-Bombe von ungeheurer Wirkung. Für Laien war jetzt klar: Der ganze Wald stirbt.

Die Politik geriet ins Trommelfeuer der aufgeregten Presse und der Umweltverbände, sie musste handeln. Die Bundesregierung ließ vom Landwirtschaftsministerium (BML) ein Sofortprogramm »Rettet den Wald« verkünden, das Bundesforschungsministerium (BMFT) startete ein großes Programm »Waldschadensforschung«. Und die Franzosen, die deutsche Ängste seit je nicht ganz ernst nehmen, fügten ihrem Vokabular le waldsterben hinzu.

Nun mussten erst einmal die Waldschäden bilanziert werden. Aber was war eigentlich ein Waldschaden? Es wurde ein Expertenkreis gebildet und ein provisorischer Vorschlag diskutiert: Man könnte die Verluste der Bäume an Nadeln oder Blättern zum Maßstab von Schädigungen machen und dies für alle Baumarten in allen Regionen in so genannten Schadstufen zusammenfassen – zunächst versuchsweise für ein Jahr. Vielen Fachleuten erschien diese Methodik oberflächlich, ungenau, mehrdeutig und daher unbrauchbar. Auch bot sie keine Chance zur Feststellung der Ursachen. Aber die Politik brauchte sofort eine Generaldiagnose der Wälder, sei sie auch noch so grob. Also wurde das Verfahren angewendet.

Die erste bundesweite Erhebung von 1984 zeigte jedoch unerwartete Wirkung. Ihr böse aussehender Befund wirkte in der Öffentlichkeit wie ein Paukenschlag. Zu spät bemerkte die Regierung, dass dieses Verfahren nicht nur ungenau war. Viel schlimmer: Es lieferte systematisch viel zu hohe Zahlen über angebliche Schäden. Die Kritik der Wissenschaftler erwies sich als nur zu berechtigt. Aber der Versuch, nun – wie geplant – ein besseres Verfahren einzuführen, stieß auf vehemente Proteste der Umweltverbände und Medien, die darin den Versuch der Politik witterten, »den sterbenden Wald gesundzulügen«. Die Regierung kapitulierte, erhob die provisorische Blatt-Nadel-Verlust-Methode zum Regelverfahren – und entließ unliebsame kritische Forstwissenschaftler aus dem BML-Expertenkreis. Seither liefert das Ministerium Jahr für Jahr einen Bericht ab, der das stets traurige Ergebnis aller Blatt- und Nadel-Verlust-Zahlen zusammenfasste.

Im Forschungsministerium türmten sich alsbald Förderanträge aus den Universitäten. Ein schwedischer Forscher zählte mehr als 170 Arbeitshypothesen um die neuartigen Waldschäden zu erklären. Aber das würde dauern.

Die verzweifelte Regierung Kohl hatte jedoch einen Trumpf, denn ihre Vorgänger hatten vorgearbeitet. Schon in den siebziger Jahren gab es eine internationale Debatte über den sauren Regen und seine Folgen. Vor allem schwefelhaltige Abgase der Kohlekraftwerke gingen zum Teil weit entfernt als Säureregen nieder. Er zerfraß Gebäude, ließ vitale Seen absterben, schädigte Pflanzen und bedrohte auch die Gesundheit der Menschen. Bereits im 1.Umweltprogramm der Regierung Brandt von 1971 wurde dieses Problem detailliert samt entsprechenden Aktionen vorgestellt. Die Stockholmer UN-Umweltkonferenz von 1972 und das Genfer Übereinkommen 1979 führten zu internationalen Verträgen mit weitreichenden Maßnahmen. Bereits im März 1974 konnte Bundesinnenminister Werner Maihofer beachtliche Erfolge vorzeigen. Zur Reinhaltung der Luft war das Bundesimmissionsschutzgesetz mit seinen Verordnungen und Verwaltungsvorschriften wie der TA Luft erlassen worden. Die Wirkung trat ein: Die Schwefeldioxid-Emissionen hatten 1973 ihr Maximum mit 3,85 Millionen Tonnen erreicht und sanken dann von 1979 an drastisch. Die Regierung Kohl, seit 1982 im Amt, setzte diese Umweltpolitik fort mit noch notwendigen Ergänzungen der Gesetze und Verordnungen zur Luftreinhaltung. So hatte der deutsche Wald unbemerkt schon das Schlimmste hinter sich und war vor dem sauren Regen gerettet, bevor die Waldsterbepanik begonnen hatte.

Der Geldregen aus Bonn für die Wissenschaft hatte seltsame Wirkungen. Einem Forscher gelang zum Beispiel 1984 das Kunststück, zwei der beliebtesten Presse-Horrorthemen zu verknüpfen: Waldsterben und Atomkraftwerke. Dieser Professor Reichelt verortete das KKW Würgassen als Quelle der Waldvernichtung – das Medienecho war enorm. Als ihm der Forschungsbeirat Waldschäden bereits ein Jahr darauf Fehler über Fehler nachwies und seine These verwarf, nahm die Presse dies nicht zur Kenntnis. Die Grünen starteten 1990 eine Kleine Anfrage im Parlament: »Zu den Problemen von Waldsterben … durch Einwirkung von Richtfunk und Radarwellen«. Es erwies sich ebenfalls als Unsinn.

Das Waldsterben bot auch die Möglichkeit, endlich dem Hauptfeind der Umweltschützer, dem Auto, die Schuld anzuhängen. So verkündete im Oktober 1988 die SPD: »Waldsterben: Kfz-Abgase sind die Hauptsünder«. Auch das entpuppte sich später als falsch.

Es fehlte Magnesium im Boden – durch Düngen einfach zu beheben

Sieben Jahre nach der Entdeckung angeblich neuartiger Waldschäden bei Sauerlach durch Peter Schütt wurde festgestellt, dass sich die vom Förster gekennzeichneten Bäume wieder erholt hatten und lebten. Die weitaus meisten angeblich »neuen Baumschäden« erwiesen sich so bei genauerer Betrachtung als wohlbekannt. Andere Schadtypen beruhten auf natürlichen Ernährungsstörungen. So fand Reinhard Hüttl heraus, dass im Boden des Schwarzwalds Magnesiummangel herrschte, was vorübergehend zu Nadelschäden führte – und durch Düngen behebbar war. Auch das zunächst rätselhafte gleichzeitige Auftreten verschiedener Erkrankungstypen zwischen 1980 und 1985 fand eine normale Erklärung: großräumiger Witterungsstress durch Trockenheit oder Frost.

Einen letzten Schlag versetzte 1995 der Göttinger Ökologe Heinz Ellenberg der Hypothese neuartiger Waldschäden. Er schloss seine Analyse mit dem Urteil, dass man »mit naturwissenschaftlichen Mitteln nicht kausal erklären kann, was als solches überhaupt nicht stattfindet und was nur als Folge ungeeigneter Methoden vermutet worden war«.

Doch 1981 hatten die Kritiker noch keine vernehmbare Stimme. Der stern titelte im September 1981: Über allen Wipfeln ist Gift, gefolgt vom Spiegel im November mit der dreiteiligen Serie Saurer Regen über Deutschland. Der Wald stirbt. Es folgte eine Negativberichterstattung, in der fast zehn Jahre lang kaum ein kritischer Wissenschaftler direkt oder durch einen Bericht zu Wort kam. Sie mussten sich auf Fachzeitschriften beschränken. Lediglich die Neue Zürcher Zeitung ließ in dieser dunklen Periode kritische Stimmen zu Wort kommen.

Wie man mit Kritikern umging, zeigte ein Vorfall im August 1996. Das Europäische Forstinstitut EFI präsentierte in Freiburg im Breisgau eine Studie über Wachstumstrends der Wälder Europas. Damals war zufällig Professor Spiecker von der dortigen Universität Vorsitzender des EFI. Deshalb stellte er die Ergebnisse der Studie vor, mit der er selbst nichts zu tun hatte. Ein Ergebnis lautete nun, dass sich das Wachstum der Wälder in Europa überall beschleunigt hatte. Das wussten die Fachleute schon länger; es lag überwiegend an den gestiegenen Stickstoffeinträgen. Bei den Journalisten klingelten aber sofort die Alarmglocken: Wenn die Wälder rascher wachsen, so ihre Logik, dann sterben sie offenbar nicht. Eine Verleugnung des Waldsterbens also. Süddeutsche Zeitung und Stuttgarter Zeitung starteten am 2. September den Angriff: Es handle sich um eine Auftragsarbeit für die Industrie des »in Finnland beheimateten« EFI. Ein für Alarmnachrichten bekannter Forscher aus dem Ulrich-Institut in Göttingen erklärte im Bonner Generalanzeiger, die rasch wachsenden Bäume seien sterbenskrank. Dieser bereits drei Jahre zuvor von einem seiner Göttinger Kollegen verbreitete Schwachsinn wurde mehrfach gedruckt, und Hubert Weinzierl vom BUND prägte dafür den Begriff »krankhaftes Wachstum«, den der Spiegel gern verbreitete.

Die Entwarnung interessierte nur noch 4 von 54 Tageszeitungen

In einer Sendung des Fernsehens wurden dem EFI und dem Leiter der Studie korruptes Handeln vorgeworfen. Spiecker wurde beschimpft und verdächtigt. Seine Hoffnung, die Universität Freiburg stelle sich schützend vor ihn, erwies sich als trügerisch. Der Rektor und alle sonstigen Würdenträger duckten sich weg und warteten passiv und geduldig das Ende der Steinigung ab.

Massive Kritik kam jedoch von außen. In der Zeitschrift Nature erschien im November 1988 ein umfangreicher Artikel, der gründlich mit der in Deutschland gängigen Vorstellung vom Waldsterben aufräumte. Die Benutzung dieses Begriffs sei zu beenden. Es habe sich gezeigt, dass die festgestellten Schäden stets von selbst heilten, wenn die Bäume nicht sehr stark geschädigt seien. Damit falle der Löwenanteil der im deutschen Waldzustandsbericht als geschädigt gezählten Bäume weg – der Bericht sei schlicht falsch und irreführend . In den USA und England könne man nun die Lehren aus Deutschland ziehen und diese falschen Konzepte vermeiden.

Dieser Donnerschlag reichte aber noch nicht. Es dauerte weitere Jahre, in denen kaum kritische Beiträge in deutschen Zeitungen erschienen. Eine der Ausnahmen war Der krank geschriebene Wald (ZEIT Nr. 49/91). Der Artikel beschrieb gravierende Schwächen im Waldzustandsbericht und gab der massiven Kritik Raum, die von Forschern wie Professor Rehfuess und Professor Führ geübt wurde. 1992 veröffentlichte die ZEIT einen weiteren kritischen Text über die fragwürdige Baumkronenbegutachtung als Maß für Gesundheit. Aber der Spiegel hielt mit der Dokumentation Der Wald stirbt weiter dagegen.

Beträchtliches Rauschen im Blätterwald erzeugte kurz danach am 2. Februar 1993 das Bundesforschungsministerium (BMFT), als es eine Zwischenbilanz mit einer Stellungnahme seines Expertenkreises veröffentlichte. Dieses Gremium, dem auch Professor Ulrich angehörte, kam zu der klaren Aussage, »dass ein Absterben ganzer Wälder in Zukunft nicht mehr zu befürchten« sei. Ulrich räumte damit in respektabler Manier ein, dass er damals mit seiner Prognose zu weit gegangen war. Nur 4 von 54 Tageszeitungen brachten diese Nachricht, 50 berichteten stattdessen über die Probleme, die zu viel Stickstoff im Wald hervorruft. Der Spiegel erfand dafür den neuen Begriff »das zweite Waldsterben« – eine recht drastische Verfälschung der BMFT-Aussagen.

Bis zum Sommer 1996 herrschte relative Ruhe an der Medienfront. Dann brachte plötzlich am 7.September die Süddeutsche Zeitung einen ganzseitigen Artikel: Holzwege und andere Irrtümer – stirbt der Wald wirklich? Es war die erste umfassende Zusammenstellung der Kritik in einer Tageszeitung. Eine Woche darauf verteidigte Christian Schütze an gleicher Stelle (Wunderheiler und andere Grünschnäbel) empört das Waldsterben. Als Kernbeweis führte er »die amtlichen Berichte an, von denen niemand behaupten wird, dass sie der Waldsterbepanik Vorschub leisten wollen«. Dies offenbarte die ganze Tragik der Untergangsgläubigen: Sie konnten sich nicht vorstellen, dass ausgerechnet Berichte der Regierung Kohl wissentlich ein viel zu pessimistisches Bild wiedergaben. Unmöglich; die Lage konnte nur noch schlimmer sein.

Die Regierung saß hilflos in der selbst gestellten Falle. Um die Umweltverbände zu beschwichtigen, hatte sie leichtsinnig die dauerhafte Waldschadenserhebung beschlossen – und zum Dank wurde sie nun alljährlich für neue und stets falsche Schreckenszahlen geprügelt. Zu dieser Zeit hatte sich ein handfester Streit zwischen Landwirtschafts- und Forschungsministerium entwickelt. Ein von 18 führenden Experten für das BMFT im Herbst 1996 erstelltes Gutachten kam einhellig zu dem vernichtenden Ergebnis: Abschaffung des Verfahrens der Waldzustandserfassung wegen Unbrauchbarkeit. Das Gutachten wurde dem BML vorgelegt. Keine Reaktion. Dann reichte das BMFT einen Kompromissvorschlag zur Neufestsetzung der grob falschen Schadstufen nach. Das war zwar ehrenwert, aber taktisch ein großer Fehler. Nun gab es eine Reaktion: Das vertrauliche Papier landete sofort bei den Umweltverbänden und einigen Zeitschriften, die laut protestierten. Die taz titelte: Waldsterben verboten!, der Spiegel: Forschungsminister Rüttgers will den Wald per Dekret für gesund erklären, der BUND erklärte Rüttgers zum größten Wunderheiler, und der Nabu forderte seinen Rücktritt.

Trotz der Niederlage des BMFT hatte dieser Streit einen unerwartet positiven Effekt auf die Presse. Plötzlich erschienen kritische Artikel. Die VDI-nachrichten meldeten: Der kranke Wald – nur ein Simulant?, die FAZ: Der Wald stirbt – und wächst in den Himmel. Auch die jährlichen Waldzustandsberichte wurden zunehmend bissig kommentiert. Ein sicheres Zeichen für den Abstieg des Themas in der Öffentlichkeit war auch das Nachreichen von Rechtfertigungslegenden. Es hieß nun mehrfach, die ganze Aufregung habe doch ihr Gutes gehabt, denn ohne sie wäre die Politik nicht zur konsequenten Luftreinhaltung gezwungen worden – und zur Rettung des Waldes.

Um jedoch an diese Legende zu glauben, muss man mehr als zehn Jahre deutscher Luftreinhaltungspolitik unter den Regierungen von Willy Brandt und Helmut Schmidt vollständig ausblenden. Es war nur ein letzter schwacher Versuch, dem Ganzen nachträglich etwas Gutes abzugewinnen.

Die politischen Parteien jedoch hielten unverdrossen am Waldsterben fest. Noch im Mai 2000 stellten die Fraktionen der CDU/CSU und der SPD gleichlautend fest, »dass es keinen Grund zur Entwarnung gibt«. Dieser Satz dient seit Jahren der umweltpolitischen Geisterbeschwörung – vor allem für die Umweltverbände, die auf Entwarnungen allergisch reagierten. Im März 2001 erklärte Landwirtschafts-Staatssekretär Berninger im Parlament, »dass wir zusätzliche Strategien gegen das Waldsterben entwickeln«. Und im Januar 2002 forderten die Fraktionen der SPD und der Grünen, die Anstrengungen zur Reduktion und Beseitigung der »neuartigen Waldschäden« zu verstärken.

Dann kam die Überraschung: Im Sommer 2003 erklärte Ministerin Renate Künast das Waldsterben für beendet. Immerhin zehneinhalb Jahre nach dem Bundesforschungsministerium. Und inzwischen schallt es wieder aus ihrem Haus, dem Wald gehe es so schlecht wie lange nicht mehr (siehe nebenstehendes Interview). Die weitgehend in den Köpfen ablaufende Katastrophe ist also noch nicht zu Ende. Dabei ist die Bilanz der Geschichte bereits traurig genug.

Der Schaden für die Wissenschaftler ist enorm. Nun glaubt ihnen keiner mehr

Da ist zum einen das Geld. Bund und Länder haben von 1982 bis 1998 für die Waldschadensforschung 367 Millionen Mark ausgegeben. Hinzu kommen die Waldökosystemforschung mit weiteren 180 Millionen Mark und die seit 1984 bis heute von den Ländern durchgeführte und finanzierte Waldzustandserhebung. Dass die Medien so lange einseitig berichtet haben, ist ebenfalls ein tristes Kapitel.

Auch die Wissenschaft hat Blessuren davongetragen. Leider sind einzelne Wissenschaftler der Versuchung erlegen, sich medienwirksam mit dramatisch negativen Aussagen nach vorn zu spielen. Sie wurden mit größter öffentlicher Aufmerksamkeit belohnt, und einige von ihnen übernahmen bald eine Rolle als ständig wachsame Sofortkritiker anders denkender Kollegen. Der Schaden für die Wissenschaft ist erheblich. Denn wer als Bürger die insbesondere von Wissenschaftlern angefachte und jahrelang geschürte Panik erlebt hat und den allmählichen Zusammenbruch der Potemkinschen Kulissen verfolgt, der glaubt Forschern nichts mehr. Die Glaubwürdigkeitsprobleme der Klimaforscher heute haben hier ihre Wurzeln. Auch ein absolut integrer Wissenschaftler kann die Bürger nicht mehr überzeugend warnen, wenn andere den Kredit der ganzen Zunft vorher verspielt haben.

Die Umweltverbände können ebenfalls nicht erfreut sein. Sie haben viele Jahre ihre Macht gegenüber der Politik ausgespielt, sie haben maßlos übertrieben und werden letztlich mit Vertrauensverlust bezahlen. Bleibt die Politik. Auch für sie sollte es ein Lehrstück sein. Ihr stand Sachverstand zur Verfügung, aber man hat ihn beiseite geschoben, um Pressure-Groups zu gefallen. Es ist jedoch müßig, Politikern Ratschläge für mehr Zivilcourage zu geben; sie haben es von allen angesprochenen Gruppen gewiss am schwersten.

Was ist nun mit unserem Wald? Ist er gesund? Natürlich nicht. Der Forstschutz-Professor Michael Müller aus Tharandt hat eine für idealistische Laien enttäuschende Antwort: Der gesunde Wald ist eine idyllische Vorstellung, eine Projektion. Es hat ihn nie gegeben. Wo der Wald lebt, kränkelt er auch.

Aber er muss deshalb nicht gleich sterben.