Drei Dinge sollte man besser unterlassen, wenn man bei einer amerikanischen Großbank arbeitet: Man sollte sein persönliches Interesse nicht über das der Firma stellen. Man sollte keine Geschäfte in den Sand setzen. Und auf gar keinen Fall sollte man im Flur des Frankfurter Büros die rote Fahne der kommunistischen Vietcong-Guerilla aufhängen. "Einen Tag später war ich gefeuert", sagt Claus Peter Zeitinger.

Heute kann er darüber lachen. Die Bankmanager von Chase Manhattan wahrscheinlich auch – schließlich ist es schon mehr als 30 Jahre her, seit ihr damaliger Praktikant ein Zeichen gegen den amerikanischen Bombenangriff auf Nordvietnams Hauptstadt Hanoi setzen wollte. Seinen Werdegang hat der Rauswurf nicht behindert. Zeitinger blieb der Finanzbranche treu. Und trotzdem: "Mit denen will ich nichts zu haben", sagt er und deutet mit seinem Kopf verächtlich über die linke Schulter in Richtung Fenster; dorthin, wo hinter den Bäumen die Bank- und Bürohochhäuser von Frankfurt zu sehen sind.

Zeitinger nimmt einen Schluck Pastis. Nichts hier erinnert an die Tempel der Hochfinanz, die nur ein paar Kilometer entfernt stehen. Nicht das schlicht eingerichtete Büro in einem Mietshaus im Stadtteil Ginnheim. Nicht die Musik der Rolling Stones, die Anrufer mit dem Lied Sympathy for the Devil voll dröhnen. Nicht Zeitinger, der in Jeans und offenem Hemd in seinem Bürosessel lehnt.

Und erst recht nicht seine Kunden, zu denen eine Papaya-Verkäuferin aus El Salvador ebenso gehört wie ein privater Bauherr in Mosambiks Hauptstadt Maputo und die Besitzerin einer Fabrik für Kinderkleider in Georgien. Zeitinger vergibt Kredite an jene, die normalerweise keinen Zugang zum offiziellen Bankensystem haben: die Kleingewerbetreibenden in Afrika, Lateinamerika und Osteuropa. Gewöhnlich bleiben diesen Menschen nur zwei Möglichkeiten, an Geld zu kommen. Entweder über Freunde und Verwandte oder über Geldverleiher, die Wucherzinsen verlangen. Genau dort setzt Zeitingers Geschäft an. Er verleiht kleine Summen zu niedrigen Zinsen. "Ich mache das, was der Marx immer gesagt hat – ich teile das Geld unter den Menschen auf", sagt Zeitinger. Was ihn bewegt? "Etwas auf dieser gottverdammten Welt zugunsten der Armen besser zu machen."

Ein Rückblick: Es ist 1968, die Studentenbewegung übt Kritik am System der Republik. Sie organisiert Demonstrationen in Frankfurt, auch Volkswirtschafts-Student Claus Peter Zeitinger ist dabei – als Buchhalter der Organisation. "Das Reden habe ich anderen überlassen, ich wollte etwas Konkretes machen", sagt er. Politisch, nein, das sei er nie gewesen – jedenfalls nicht so richtig. Er habe bloß Spaß daran gehabt, gegen das Establishment zu rebellieren. Bloß Spaß? "Claus Peter war wahnsinnig engagiert", erinnert sich sein Studienfreund, der heutige Frankfurter Wirtschaftsprofessor Reinhard Schmidt. "C. P." – wie ihn seine Freunde nennen – rede nicht lange, sondern nehme die Dinge in die Hand. "Er war der schumpetersche Unternehmer in der Studentenbewegung", so Schmidt. "Und eine charismatische Führungspersönlichkeit", fügt er hinzu.

Was ist geblieben aus dieser Zeit? "Gegen das Establishment", Sympathie für Marx – all dies kommt Zeitinger leicht über die Lippen. Die Häufigkeit jedoch, mit der er die Symbole der 68er- Bewegung verwendet, klingt fast abgedroschen – so ganz nimmt man es ihm nicht ab. Ist Zeitingers "Kampf gegen das Establishment" nur ein Werbeslogan für seine Firma? "Damit kokettiert er gern zum Wohle des Unternehmens", sagen die einen. "Die fehlende Hochachtung vor Übergeordneten, das kommt aus dieser Zeit", meinen die anderen.

Fehlende Hochachtung – davon hat Zeitinger reichlich. Zeitinger liebt und sucht den Streit. Nach dem Studium promovierte er über den Begriff des Volksvermögens. Dass sein Doktorvater, ein konservativer CDU-Mann, komplett anderer Meinung war, tat nichts zu Sache. Der "reaktionäre" Professor habe es mit Humor genommen. "Bei ihm habe ich eine Größe kennen gelernt, die ich so vorwiegend bei Konservativen kenne", sagt Zeitinger. Wählen würde er sie nie. Die Konsequenz, mit der Konservative für ihre ethischen Vorstellungen eintreten, bewundert Zeitinger dennoch.