Bei ihm ist alles möglich. Kim Ki-Duks Filme folgen einer eigenen, ganz und gar extremen Logik, die nicht unbedingt durchschaut werden muss. Sein Kino ist eines der Metaphern, Verweise und Symbole, die jedoch nicht immer restlos aufgehen, weil er seinen Figuren und Geschichten ein unkontrollierbares, ja erschreckendes Eigenleben zugesteht.

Im Grunde dreht dieser Regisseur Filme über die seltsamen Verirrungen der menschlichen Seele, und wer kann diese schon wirklich verstehen, geschweige denn erklären? Gerade weil Kim Ki-Duk sich nicht anmaßt es zu tun, kann er ihren Deformationen und Abgründen so vorbehaltlos entgegentreten. Man muss sich seine Kamera wie einen konfessionslosen Beichtvater vorstellen, dem nichts Menschliches fremd ist. Mit ungeheurer Offenheit registriert sie in seinem neuen Film Samaria Exzesse und Obsessionen. Etwa wie ein Mann den anderen in einer öffentlichen Toilette berserkerhaft zu Tode prügelt. Verdutzt blickt das Opfer ins Objektiv, während es abgeschlachtet wird. Dennoch ist die Szene weder dumpf noch reißerisch. Eher folgt sie einem seltsamen Rhythmus, der dem Lauf der Dinge näher steht als alle Psychologie und Moral. Ähnlich folgerichtig ist auch das Lächeln des toten Mädchens. Gerade hat sich Jae-Young aus dem Fenster gestürzt, obwohl ihre Freundin und die Polizei verzweifelt versuchten, sie davon abzuhalten.

Vasumitra nennt Kim Ki-Duk den ersten Teil seines filmischen Triptychons Samaria , das mit Jae-Youngs Selbstmord endet. Vasumitra, so wollte das stets quirlige Mädchen genannt werden – wie die Prostituierte aus einer indischen Sage, die jeden Mann mit dem sie schlief, zum Buddhismus bekehrte. Jae-Young ist ein Schulmädchen aus Seoul, ein eher kindliches Wesen. Nach dem Unterricht streift sie die Uniform ab, die Krawatte, die weißen Strümpfe, lässt sich von ihrer Freundin Yeo-Jin schminken und sucht dann die Freier auf. Yeo-Jin managt Jae-Young, koordiniert per Handy die Termine mit den Kunden. Gewissenhaft wird das Geld in einem abschließbaren Schatzkäst-chen aufbewahrt, für eine gemeinsame Reise nach Europa. Eine infantile Traumfabrik, fest verankert in der Ökonomie von Geld und Körpern.

Kim Ki-Duk erzählt von zwei Generationen, die sich längst aus den Augen verloren haben, während ihre Rollen – Vater, Mutter, Kind – wie Relikte einer entschwundenen Zivilisation erscheinen. Der große Teddy, an den sich Yeo-Jin im Bett verzweifelt klammert, wirkt wie ein Fetisch aus einer anderen Epoche, in dem die verlorene Kindheit eingeschlossen ist. Der Anblick der schlafenden Kleinen mit dem Bären im Arm versichert den Vater einer Kinderwelt, die zur kitschigen Werbefassade erstarrt ist.

Vielleicht ist das eigentlich Erschreckende an Kim Ki-Duks neuem Film, dass seine Figuren gar nicht mehr wissen, was ihnen überhaupt fehlt oder wonach sie sich letztlich sehnen. Wie zwei heimatlose Seelen ziehen Yeo-Jin und Jae-Young durch gespenstisch-menschenleere Stadtlandschaften. Die Farben sind aus den Bildern herausgespült, das brummende Grundgeräusch der Metropole wurde von der Tonspur gelöscht. Auch der Verkehr, die Menschenmengen, das großstädtische Leben haben sich aus dieser trostlosen Szenerie verflüchtigt. In Samaria ist Seoul ein ausgebleichter, unwirklicher Ort.

Immer wieder verpflanzt Kim seine Figuren an Schauplätze, die aus jedem Koordinatenkreuz gefallen sind, erkundet ihr Verhalten und ihre Reaktionen im rechts- und moralfreien Raum. Liebe, Zuneigung und Nähe können hier nur noch in extremen Ausformungen erlebt werden.

Als Prostituierte kann Jae-Young Liebe geben, ihre Freier, so sagt sie, erinnern sie nach dem Sex an kleine, glückliche Babys. Auf den Spuren von Vasumitra, der Hure, die den Männern Frieden schenkte, opfert sie ihren kleinen Körper einer verwahrlosten Erwachsenenwelt. Mit seligem Lächeln springt sie in den Märtyrertod, als die Polizei sie mit einem Freier im kargen Hotelzimmer erwischt. Stets spielen Kim Ki-Duks Filme im Übergangsreich zwischen Mythos und brachialer Sozialkritik, theologischem Diskurs und alltäglichem Leben. So bleiben sie unfassbar, in einem elementaren Sinne. Womöglich wären seine Geschichten ansonsten auch nicht zu ertragen.

Den auf christliche Motive wie Schuld und Sühne anspielenden Mittelteil des Films nennt Kim Ki-Duk Samaria ("Reinheit"). Nach dem Selbstmord möchte Yeo-Jin ihrer Freundin die Unschuld wiedergeben. Sie ruft deren Freier an, prostituiert sich selbst und zahlt den Männern anschließend das gesparte Geld aus der Kiste zurück. Eines Tages wird das Mädchen bei seiner Mission zufällig vom Vater beobachtet. Mit bodenloser Verzweiflung entlädt sich dessen Wut gegen die Kunden der Tochter. Es mag paradox klingen, doch in Kim Ki-Duks radikaler Weltsicht wird die verlorene Kreatur erst durch den Rückgriff auf die Gewalt wieder menschlich. Wenn der Vater brutal auf den Freier eindrischt, das Blut an die Kacheln spritzt, erobert er sich seine Funktion als Beschützer und Erzieher zurück. Kim Ki-Duk betrachtet solche extremen Eruptionen der menschlichen Seele und folgt ihnen, ohne sich mit ihnen gemein zu machen. Vielmehr gibt er seinen Figuren Würde, lässt sie nicht allein, sondern bettet sie ein in die Schönheit einer meditativen Filmsprache, die stets mehr bedeckt, als sie preisgibt.