Vor einiger Zeit saß ich mit Vlastimil Hort im Studio des WDR. Wir mussten auf den Beginn einer Aufnahme über das WM-Match Kramnik gegen Leko im schweizerischen Ort Brissago warten und wurden, nicht zum ersten Mal, von einem liebenswürdigen Requisiteur mit selbst gebackenem Kuchen, Tee und Kaffee verwöhnt. Der Abend war schon längst hereingebrochen, das Gespräch über die Malaisen des Weltschachbunds und des Alters – zwei unserer Lieblingsthemen, im besten Einklang mit deutsch-tschechischer Klagekultur – hatte sich erschöpft, die Perfektionsdrang des WDR bannte uns immer noch auf unsere Wartestühle.

Auf einmal kramte Vlastimil ein tschechisches Schachspiel von anno dazumal hervor und baute darauf das Problem von Carlo Guerini aus dem Jahr 1920 auf, das ich Ihnen heute im Diagramm vorstellen möchte.

Bei Schachproblemen ist meist vornehme Zurückhaltung in Form eines unerwarteten, stillen Auftaktzugs gefragt, man fällt nicht mit der Tür ins Haus, grobe Kost mit dem Holzhammer wird nicht goutiert. Dementsprechend machte ich mich auf die Suche nach dem zweizügigen Matt und hatte auch bald den Zugzwang – dieses schöne deutsche Wort hat auch Eingang ins Englische, Russische und sogar in das so melodische Italienische, die Sprache unseres Problemautors, gefunden – in der Diagrammstellung erkannt. Sprich: Wäre Schwarz am Zug, setzte Weiß im nächsten Zug matt. Nur, wo findet sich ein geeigneter, nichts verderbender Wartezug für Weiß? Bis mir schließlich in meiner Not die heilige Teresa von Avila, die Schutzpatronin der spanischen Schachspieler, einfiel: "Wer nicht Schach bieten kann, der kann auch nicht matt setzen!"

Tja, und vielleicht können jetzt auch Sie mit Vladimir Nabokov jauchzen: "…wie ich vor lebhaftem geistigen Vergnügen zusammenzuckte, während sich unversehens die Knospe eines Schachproblems in meinem Kopf öffnete und mir eine Nacht der Mühsal und Glückseligkeit versprach."

Aber möglicherweise lösen Sie diesen wunderschönen und doch herzhaft-direkten Zweizüger sogar vor dem Morgengrauen. Allerdings: Weniger Mühsal, weniger Glückseligkeit. Wie geht’s?Helmut Pfleger

Auflösung aus Nr. 50: