FUSSBALL Die Spielmacher
Die erste Regierung Klinsmann: Wie die Politik versucht, an der Fußball-WM 2006 teilzunehmen
Er lacht, seine Augen strahlen kanzlerblau. Er sagt: »In Deutschland wird oft gegrübelt. Mit vielen Bedenken. Man wünscht sich, dass die Dinge positiver angefasst würden – offensiver.« Er benutzt gerne Wörter wie »Kraft«, »Selbstvertrauen«, »Tempo«. Er begeistert, er hat es geschafft, dass seine Leute wieder an sich glauben. Er gilt als Deutschlands mutigster Reformer. Der Mann ist nicht Bundeskanzler, sondern Bundestrainer. Er heißt Jürgen Klinsmann, und er wird langsam so etwas wie der heimliche Regierungschef des FC Deutschland.
Von so viel Zuspruch und Reformbegeisterung kann Gerhard Schröder nur träumen. Seine Agenda 2010 hat er in einem Kraftakt durchgesetzt. Aber was die Regierung bis 2006 noch vorhat, kann derzeit niemand so recht sagen. Kein Wunder, dass sich der Bundeskanzler gerne ein wenig im Glanz des Bundestrainers sonnen würde. Immerhin haben beide ein gemeinsames Ziel: Sie wollen 2006 gewinnen. Klinsmann die Weltmeisterschaft, Schröder die Wahl.
Die Regierung arbeitet daran, dass es so aussieht, als ob das irgendwie dasselbe ist. Zusammen mit dem Bundesverband der deutschen Industrie und dem Regisseur Sönke Wortmann (Das Wunder von Bern) will das Bundespresseamt vom nächsten Februar an eine Standort- und Imagekampagne anlaufen lassen, mit dem Arbeitstitel »FC Deutschland 06«. Kosten soll das rund 20 Millionen Euro, die Hälfte davon trägt der Bund. Der Reichstag soll als Fußball verkleidet werden. »Deutschland, da geht was« wollen Schröder und sein Vize Joschka Fischer bundesweit plakatieren lassen.
»Wir sind noch wer«, diese Botschaft soll von der Weltmeisterschaft ausgehen – politisch wie sportlich. Es ist die letzte Gelegenheit für lange Zeit, den deutschen Fußball und die deutsche Nation gemeinsam aus der Depression der letzten Jahre herauszureißen. Natürlich glaubt niemand im Kanzleramt, dass die Nationalmannschaft dem Kanzler einfach so die Wahl gewinnen kann. Aber die Deutschen werden wild entschlossen sein, gute Laune zu haben, so lautet die Arbeitshypothese. Opposition und Bild- Zeitung werden es schwer haben, im WM-Jahr diese Stimmung mit Arbeitslosenzahlen oder schlechtem Wirtschaftswachstum zu verderben. Vielleicht aber zieht die Wirtschaft ja bis 2006 ein wenig an, vielleicht sinken die Arbeitslosenzahlen. Dann könnte die WM als Stimmungsverstärker wirken.
Als Reformer sind sie beide angetreten, Schröder und Klinsmann. Was dem einen die SPD und der DGB, ist dem anderen der DFB. Nur dass Klinsmann binnen drei Monaten nicht nur jahrzehntelang eingespielte Rituale beendet hat, sondern auch bis dorthin unangreifbare Figuren kühl ins Abseits laufen ließ. »Der Laden muss auseinander genommen werden«, befand Klinsmann schon, bevor er wusste, was auf ihn zukam. Im Gegensatz zu Schröder beherzigte Klinsmann Macchiavellis Rat, dass man alle Grausamkeiten am Anfang der Regierungszeit begehen soll. So machte er sich gleich nach seinem Amtsantritt im Juli daran, sein Kabinett kräftig umzubauen. Er komplimentierte die DFB-Funktionäre aus dem Speisesaal des Teams, wo anlässlich von Banketten schon mal ganze Tische für den Präsidenten Meyer-Vorfelder und dessen Familie reserviert worden waren. Dann erklärte er die deutsche Torwartfrage für offen und entzog dem bis dahin unantastbaren Oliver Kahn die Kapitänsbinde. Wenige Wochen später folgte der Rausschmiss von Bundestorwarttrainer Sepp Maier, Kahns Fürsprecher und Bayern-Kumpel. Im Übrigen handelte Klinsmann so, wie Manager dies in den ersten Lektionen ihrer Führungsseminare lernen: Er verbannte Repräsentanten des alten Systems wie den Manager Bernd Pfaff oder den früheren Assistenztrainer Michael Skibbe geräuschlos auf die Tribüne und berief stattdessen einen engen Kreis persönlicher Vertrauter. Seither treffen Klinsmann, sein Trainerkollege Joachim Löw und der Teammanager Oliver Bierhoff die sportlichen Entscheidungen. Wenn es sein muss, wird das mit dem DFB-Präsidium noch abgestimmt. Doch begnügt sich die neuerdings doppelt besetzte Führungsspitze des Präsidiums oft damit, zu bekunden, dass sich alle einig seien, dass die sportliche Perspektive »absolute Priorität« habe.
Dafür kassiert man dann auch schon mal die festen Versprechungen. So in der vergangenen Woche, als die Entscheidung gekippt wurde, während der WM mit der Mannschaft Quartier in Leverkusen zu nehmen. Nachdem die Nomenklatura vor der neuen sportlichen Leitung kapituliert hatte, sprach Teammanager Oliver Bierhoff großzügig von Dankbarkeit dafür, »dass alle unseren Argumenten gefolgt« wären. Jetzt logiert die Nationalelf während des Turniers in Berlin. Dann wird wohl auch Klinsmann, der seinen Job bislang vorwiegend von Kalifornien aus macht, für längere Zeit in Deutschland Quartier nehmen. Als in einem Tagungshotel im Freizeitpark Rust der Umzug besiegelt wurde, war seine physische Anwesenheit nicht einmal nötig. Löw und Bierhoff genügten, um das DFB-Präsidium zu überzeugen. Dieses hatte nach Klinsmann erster Avance in der Angelegenheit noch öffentlich darauf gedrungen, die Zusagen gegenüber Leverkusen und dem Management von Bayer 04 zu erfüllen.
Klinsmann hat – noch bevor er wirklich gefordert wurde – die Schwachpunkte in den eigenen Reihen behoben. Er hat auf Offensive umgeschaltet und auf die Jugend gesetzt. Schröder hingegen hat zu lange gewartet. Er hat nach dem Kraftakt der Agenda 2010 auf Defensive geschaltet. Zu einer Mannschaftsumbildung konnte er sich bis heute nicht entschließen, stattdessen musste er seinen Posten als Parteichef räumen. Er hat überlebt, immerhin, aber ein strahlender Sieger sieht anders aus.
Der Reformtrainer soll dem Reformkanzler helfen
Wird nun also der Reformfußballer den Reformkanzler retten, als eine Art geheimes Kabinettsmitglied? Der »coolste Deutsche seit Marlene Dietrich« (The Observer) spricht lieber über Fußball, zum Beispiel über die Asienreise, zu der die Nationalmannschaft in der kommenden Woche aufbricht – wieder mit drei jungen, sogar im Liga-Alltag verhältnismäßig unerfahrenen Spielern. Auch ein so genannter Mentaltrainer wird mitreisen, ein Psychologe, ein Seelenmasseur, der bei Verspannungen helfen soll.
Vor der Bundestagswahl 2002 sprach sich Klinsmann für eine »zweite Halbzeit« Schröders aus, der Kanzler wiederum ist Schirmherr bei seiner Stiftung Jugendfußball. Jetzt geht der Fuballtrainer diplomatisch auf Distanz. »Mein Verhältnis zum Bundeskanzler ist von persönlicher Sympathie und Respekt geprägt, für seine parteipolitischen Interessen würde ich mich trotzdem nicht vereinnahmen lassen«, sagt Klinsmann. Über allem stehe das sportliche Ziel: Weltmeister werden. »Dazu brauchen wir die Unterstützung der Menschen im Land. Deshalb beteiligen wir uns an allem, was sinnvoll ist, um die Stimmung im Land zu verbessern«, sagt Klinsmann und rät: »Die Power, die der Fußball hat, muss man ausnutzen.«
Das finden auch Schröder und die Seinen. Die letzte Phase der Standortkampagne muss sechs Wochen vor der Bundestagswahl enden, das schreibt das Bundesverfassungsgericht so vor. Doch die Regierung setzt darauf, dass der Schwung des Spiels bis zur Wahl im September anhalten wird – erst recht, sollten die Deutschen tatsächlich Weltmeister werden.
Man muss nicht an die »nahtlose Übereinstimmung zwischen Fußball und Politik« glauben wie Norbert Seitz, Lehrstuhlinhaber für Neuere und Neueste Geschichte in Bochum. Aber ein paar psychologische Wechselwirkungen gibt es wohl schon. Als Deutschland 2002 wider Erwarten Vizeweltmeister wurde, sah Schröder prompt den Beginn einer »Epoche« und merkte an, man könne auch »in der politischen Auseinandersetzung von dieser Weltmeisterschaft einiges lernen«, dass Deutschland nämlich besser sei, als viele gedacht hätten, und dass ein gemeinsames Ziel lohne.
Auch Klinsmann spricht gerne darüber, wie wichtig es ist, ein Ziel zu haben. Sein Auftreten ist verbindlich, aber er denkt und handelt amerikanisch. Schnell. Kühl. Hart.
»Es kommt letztlich nur darauf an, ob der Ball vom Innenpfosten ins Tor oder wieder ins Feld springt« ist so ein Schlüsselsatz aus seinen ersten Tagen als Fußballbundestrainer. Damals klang das ein bisschen fatalistisch, fast feige. Spricht so nicht einer, der für seinen Job mächtig Geld kassiert und gleich am Anfang sagt, dass für ihn 2006 sowieso alles zu Ende ist? Doch rückblickend liest der Satz sich wie eine Art Regierungserklärung.
Inzwischen wissen wir, worauf Klinsmann die Nation einstimmen wollte: auf eine Amtszeit ohne Kompromisse. Am Ende, so Klinsmanns Botschaft, werde ich allein am Erfolg gemessen. So sieht sich auch der Kanzler gerne.
Und so haben beide einen harten Gegner gedreht: Die Bild- Zeitung, das Zentralorgan des deutschen Populismus, hat anscheinend vor beiden schon kapituliert. Schröder war der Erste, der zweimal gegen Bild Kanzler wurde. Auch Klinsmann mochten die Zeitung und deren Kolumnist Franz Beckenbauer anfangs nicht. Man enthüllte seinen »Geheim-Vertrag« und redigierte die wirren Worte des bewährten Bild-Zuliefers Lothar Matthäus zu Klinsmann-Beschimpfungen in Schlagzeilenformat hoch ( Klinsmann im Chaos ). Inzwischen ist Bild durchgängig zur kuscheligen Anrede »Klinsi« übergegangen und repetiert Heilsversprechungen aus dem fernen Kalifornien. Die Bild am Sonntag hat Klinsmann dort besucht, auf einer Doppelseite darf er erzählen, dass er deutsches Bier schätzt, die Sportschau guckt und morgens um 5.30 Uhr mit der Arbeit beginnt.
Natürlich wird die Regierung in ihrer Kampagne nicht den Kanzler plakatieren, das wäre zu plump. Aber es wird viele Gelegenheiten geben, all die schönen Geschichten zu erzählen über Schröder, der sich als Stürmer beim TuS Talle in der Dorfkneipe Schnitzel erspielte und 1963 zusammen mit einem Freund per Anhalter nach Bern fuhr, um den Platz zu sehen, auf dem der Held Helmut Rahn die deutsche Nation mit einem Tor aus der kollektiven Nachkriegsdepression riss. Ein Stück vom Rasen liegt übrigens heute hinter dem Kanzleramt, Schröder hat es selbst eingegraben. Über den Vizekanzler Joschka Fischer weiß man, dass er auf dem Rasen früher eine solche Leidenschaft entfaltete, dass es bisweilen an Körperverletzung grenzte. Fischer sei sein »persönlicher Favorit«, »menschlich und politisch«, wurde Oliver Kahn vor kurzem zitiert.
Und Angela Merkel? Von der ist bekannt, dass sie als Kind keinen Berg runterlaufen konnte. Außerdem ist die CDU-Chefin natürlich, wie ihre Leute versichern, leidenschaftliche Fußballanhängerin, und auf dem Parteitag dieser Woche hat sie gesagt, dass Deutschland Weltmeister werden könne und das Land Menschen wie Klinsmann brauche. Aber als Lieblingsvereine gibt sie Hansa Rostock und Bayern München an. Angela Merkel eben: Den Osten hat sie, der verliert aber gerade, den Westen hätte sie gerne, der passt aber besser zu anderen, in diesem Fall ausgerechnet zu Edmund Stoiber. Auch Schröder hat sicherheitshalber gleich mehrere Lieblingsvereine, je nach Bedarf: Dortmund, Hannover, manchmal auch Cottbus.
Die CDU rät sich: Bloß nicht den Spielverderber spielen
Kein Wunder, dass die Opposition hinter der Standortkampagne eine verkappte Wahlhilfe für Rot-Grün wittert. Das »typische schlimme Verhalten der Bundesregierung« sieht CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer: »Die Regierung versucht, von ihrer jämmerlichen Politik abzulenken, indem sie den Fußball instrumentalisiert.«
Das aber, redet sich die Union ein, kann sowieso nie und nimmer gelingen, »weil die Deutschen seit den Olympischen Spielen von 1936 eine tief sitzende Aversion dagegen haben, wenn der Sport zu politischen Zwecken missbraucht wird«, wie Eckart von Klaeden meint, Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU. Klaeden ist entschlossen, dem Presseamt auf die Finger zu schauen, die Summe von zehn Millionen Euro für die Kampagne hält er für übertrieben hoch. Ansonsten rät der Parlamentarische Geschäftsführer der CDU-Fraktion seiner Partei, sich nicht als Spielverderber in die Schmollecke zu verkriechen. Dass gute Laune der Regierung eher als der Opposition nütze, das sei nun mal so, »das zu ertragen gehört zum sportlichen Wettbewerb«.
Im Umfeld Merkels sieht man die Sache nicht so gelassen. Dass sich die Wirtschaft an der Aktion des Bundespresseamtes beteiligt, macht die Union besonders nervös. Nachdem bekannt wurde, dass der soeben abgelöste Präsident des BDI Manfred Rogowski die Kampagne der Regierung unterstützen will, bedrängte die Union den Wirtschaftsmann. Und der für Sport zuständige Innenminister Schily höhnt, er könne ja mal beim Fifa-Präsidenten Blatter anrufen, um eine Verlegung der WM um ein Jahr zu beantragen.
Nun muss sich die Agentur Zum goldenen Hirschen, die bereits zahlreiche Kampagnen für die Regierung entworfen hat und die das Projekt ursprünglich allein umsetzen sollte, einem Wettbewerb mit drei anderen Agenturen stellen. So wollen Regierung und Wirtschaft den Vorwurf der Parteilichkeit verhindern. Gut möglich, dass die Hirschen nun leer ausgehen, obwohl der FC Deutschland 06 eine Idee von ihnen und Sönke Wortmann war. Was dann aus dem Namen FC Deutschland 06 wird, ist ungewiss. Möglich, dass Wortmann auf eigene Faust den FC Deutschland 06 vermarktet, möglich, dass es eine ganz andere Kampagne gibt.
Die Opposition setzt indes auf eine so genannte Doppelstrategie: Versuche, den Fußball zu instrumentalisieren, sollen schärfstens beobachtet und angeprangert werden. Gleichzeitig werde man sich »mit der Nationalmannschaft identifizieren«, kündigt Meyer an. Mit der Kraft der Autosuggestion hat die Union es bei der Selbstidentifizierung schon beträchtlich weit gebracht. Im Prinzip, so hat Meyer nämlich herausgefunden, sei Klinsmanns Motivationsmethode doch »nichts anderes als das Motto beim vorletzten Parteitag der CDU«: »Deutschland kann mehr«. Sind wir nicht alle ein bisschen Klinsmann?
- Datum 09.12.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 09.12.2004 Nr.51
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