MEDIENKUNST Knutschen statt Knatsch
Klaus Wowereit betreibt Partypolitik, Bundeskanzler Schröder inszeniert sich als liebevoller Vater einer Dreijährigen. Und während das Privatleben der Politiker immer öffentlicher wird, hüten sie ihre politischen Ansichten wie intime Geheimnisse
R echt zu behalten ist auch nicht immer schön. Es kann furchtbar sein. Als Gerhard Schröder und Doris Schröder-Köpf das russische Mädchen adoptierten, sollte ich darüber einen Artikel schreiben. So viel Ärger hatte ich seit Jahren nicht. In dem Artikel stand, dass Gerhard Schröder früher oder später die kleine Viktoria zur Verbesserung seines Images einsetzen wird, ähnlich, wie er es mit der Oderflut getan hat. Viele Leser waren empört. Das sei eine gemeine und zynische Unterstellung. Ich las die Briefe und dachte: Die Leute haben wahrscheinlich Recht. Der Artikel war blöd. Dann, vor ein paar Tagen, schlug ich die Zeitung auf. Unter der Überschrift stand als Unterzeile ein Schröder-Zitat: »Viktoria ist ein wunderbares Menschenkind«.
Schröder war also bei Beckmann und hatte dort die Viktoria-Platte aufgelegt. Daneben war ein Foto zu sehen, das Gerhard Schröder zeigte, mit Viktoria auf seiner Schulter. Das Mädchen war nur als Umriss zu sehen, aber das Wichtige an dem Foto war ja auch nicht sie, sondern der Kanzler in seiner Rolle als liebevoller Vater. Ein Paparazzo-Foto war es nicht, das ging aus dem Bildtext hervor.
Warum macht er das, warum jetzt? Solche Bilder sind, so wird hier frech behauptet, kein Zufall. Nicht bei einem Vollprofi, wie unser Kanzler es ist. Solche Bilder werden mit Beratern durchgesprochen und genau getimt. These: Schröder zeigt demonstrativ Familie vor, weil seine Rivalen keine haben. Angela Merkel hat kein Kind, Guido Westerwelle keine Frau, Schröder hat neuerdings beides. Ein größeres Reformprojekt dagegen besitzt er nicht mehr, jetzt, wo Hartz IV durch ist. Das Wort »Reform« können viele Leute sowieso nicht mehr hören. Die Zeit bis zu den Wahlen muss aber irgendwie totgeschlagen werden. Dazu sind Kinder und Haustiere bestens geeignet.
In derselben Zeitung sprach Doris Schröder-Köpf, wie es hieß, »freimütig über ihren Familienhund Holly«. Sie sagte, ganz freimütig: »In unserem Fall war es besonders wichtig, den Welpen in der entscheidenden Prägephase bis zur zwölften Woche bekommen zu können, denn mit uns lebt noch Kater Schnurri. Schnurri ist jetzt mehr als sieben Jahre alt und sollte – sicher ist sicher – von einem Hund auf jeden Fall als ranghöher akzeptiert werden.« Doris Schröder-Köpf hat persönlich eine Kollektion von 44 Hundeartikeln für die Drogeriekette Rossmann entworfen, darunter Kauknochen, Fress- näpfe, Hundeshampoo und Nassfutter. Auf dem Werbefoto für die Produktreihe sieht man Holly. Er trägt eine Nikolausmütze. Erst muss er Bundeskater Schnurri als oberste Autorität akzeptieren, und dann muss er sich auch noch öffentlich zum Deppen machen lassen. Die Parallelen zu Friedrich Merz sind unübersehbar.
Möglicherweise haben sich die Politiker mitsamt Lebensgefährten in eine Art Androiden verwandelt. Damit wir das nicht merken, verkaufen sie Hundefutter und tragen Babys spazieren. Das ist alles nur Tarnung.
Über Kochrezepte und Hundefutter reden Politiker nur zu gern
Wenn man im Fernsehen Politikerinterviews über Politik sieht, mit Schröder, mit Angela Merkel oder mit Marieluise Beck, egal, dann sagen sie fast immer fast nichts. Dann kommen meistens vorgestanzte Phrasen und Allgemeinplätze in der »Davon gehe ich aus«-Politiker-Spezialsprache. Neulich hat Ulrich Wickert im Fernsehen eine gefühlte Viertelstunde lang versucht, aus der Ausländerbeauftragten Marieluise Beck einen normalen menschlichen oder wenigstens menschenähnlichen Satz herauszubringen, aber es war hoffnungslos. Sie kann gar nicht mehr normal reden. Auch aus den Zeitungsinterviews streichen die Politiker fast immer vor der Veröffentlichung fast alles heraus, was Rückschlüsse auf ihre persönliche Meinung oder ihre Zukunftspläne zulassen würde. Sobald es aber nicht um Politik geht, sondern um Sachen wie Kochrezepte oder Hundefutter, drehen die meisten auf und sind in ihrem Mitteilungsdrang nicht mehr zu stoppen. Ich wüsste zum Beispiel gerne, was Angela Merkel in Deutschland alles verändern würde oder zumindest zu ändern versuchen würde, falls sie Kanzlerin wird. Das sagt sie nicht. Da hält sie sich eher bedeckt. Stattdessen sagt sie, dass sie gerne Rouladen zubereitet und gerne mal nach Hawaii reisen würde. Aber ich will Angela Merkel weder als Köchin einstellen, noch möchte ich mit ihr verreisen. Was wird aus meiner Rente, falls Edmund Stoiber Superminister wird? Das weiß ich nicht. Stattdessen weiß ich, dass Stoiber seine Ehefrau Muschi nennt. Das hilft mir nicht weiter, Herr Stoiber.
In den großen deutschen Debatten der letzten Jahre hatten Politiker selten etwas Aufregendes oder Geistvolles beizutragen. Etwas Originelles zu formulieren birgt nämlich immer ein gewisses Risiko – man könnte sich irren, wird angreifbar, könnte sich lächerlich machen. Risiken vermeiden die meisten Politiker, wo es nur geht. Weil sie zur Politik nicht viel sagen möchten oder zu sagen haben, verursachen sie lästige oder peinliche Hintergrundgeräusche. Kein normales Paar würde doch seine privaten Kosenamen in aller Öffentlichkeit herumerzählen oder ein Interview über die psychischen Probleme seiner Katze geben. So etwas ist gaga. Wenn sie wirklich menschlich wirken wollten, müssten Politiker völlig andere Dinge tun. Zum Beispiel könnte ein Politiker oder eine Politikerin sagen: »Bei den vielen Problemen in Deutschland weiß ich auch manchmal nicht weiter.« Das wäre menschlich. Angela Merkel oder Gerhard Schröder könnten mal etwas aus tiefster Seele heraus Ehrliches sagen, zum Beispiel: »Die arrogante Art, wie mich dieser Merz immer angeguckt hat, so von unten nach oben, das hat mich immer völlig wuschig gemacht, so hätte ich nie regieren können, mit dem im Nacken, dazu ständig das Geräusch, wie er an meinem Stuhl sägt, da musste einfach was passieren.« Dies wäre eine Form der Offenheit und Intimität, die uns die Politiker als Menschen wirklich näher bringen würde. Dass sie bessere Menschen sind als wir Nichtpolitiker, glaubt ihnen sowieso keiner.
- Datum 09.12.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 09.12.2004 Nr.51
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