Frauen in Irak Nationalismus, Stammesrecht und Scharia

Bildungsprogramme und Wirtschaftswachstum verhalfen Frauen im Irak in den siebziger Jahren zu einer kurzen Phase stabiler gesellschaftlicher Verhältnisse. Seit Saddam Hussein 1980 den Krieg mit dem Nachbarland Iran begann, verschlechterte sich die Lage wieder

Täglich werden Schreckensmeldungen über Vergewaltigungen, Entführungen und Misshandlungen irakischer Frauen öffentlich. Die Gewalt gegen Irakerinnen erscheint allgegenwärtig, und offenbar wollen nationalistisch und islamistisch ausgerichtete Terroristen dort, wo sie Macht erlangt haben, diese auch durch absolute Frauenunterdrückung dokumentieren. Ein Vorgang, der im Irak traurige Tradition hat.

Schiitische Muslime stellen die religiöse Mehrheit im Irak. Ali ibn Abi Talib, Vetter und Schwiegersohn des Propheten Mohammed sowie vierter Kalif und eigentlicher Gründer der Schia, bemerkte zum Thema Frauen: "Das Weib ist ganz und gar übel, aber das Übelste an ihr ist, dass man sie unbedingt braucht." Das war um 656 n. Chr. Ein Satz aus einem längst vergangenen und dunklen Zeitalter könnte man meinen, doch auch heute werden im Irak Frauen dazu benutzt, Gesellschaftsstrukturen zu verändern und Macht zu festigen.

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Bevor die in Syrien gegründete sozialistische Baath-Partei 1968 die Kontrolle über das Land erlangte und die Erdölindustrie verstaatlichte, waren Irakerinnen vielfach noch in traditionellen Frauenrollen verhaftet und auf die Organisation des eigenen Haushaltes reduziert. Durch das hohe Wirtschaftswachstum, das die Erdölindustrie der irakischen Wirtschaft bescherte, wurden dringend Arbeitskräfte benötigt. Die steigenden Ölpreise und die Entwicklungspolitik der Regierung förderten dazu einen hohen Lebensstandard, so dass eine Familie, in der eine Frau zusätzliches Geld verdiente, auch hohes Ansehen genießen konnte.

Die Baath-Partei begann im Rahmen eines Fünf-Jahres-Programms, vor allem für Frauen Schulen zu gründen, da diese am wenigsten lesen und schreiben konnten. Männern, die ihrer Frau oder Tochter verboten, Schulen aufzusuchen, wurden Haftstrafen angedroht. Nach Unesco-Angaben konnten bereits 1987 75 Prozent der Frauen lesen und schreiben. 1974 bestimmte ein Regierungsdekret, dass alle Hochschulabsolventen - Männer wie Frauen - automatisch beschäftigt werden sollten. Im öffentlichen Sektor wurden Frauen gleiche Berufschancen, einjähriger Mutterschaftsurlaub und Schutz vor sexueller Belästigung gesetzlich eingeräumt. So waren nach Statistiken von 1976 38 Prozent der Lehrer, 31 Prozent der Ärzte und 15 Prozent der Buchprüfer Frauen. Außerdem wurde das Wahlrecht für Irakerinnen eingeführt - soweit man von freien Wahlen in einem totalitären System sprechen konnte.

Nachdem Saddam Hussein 1979 an die Macht kam und das Land ab 1980 in einen achtjährigen Krieg mit dem Nachbarn Iran verstrickte, änderte sich die Situation der Frauen erneut. Zunächst verschlechterten sich die wirtschaftlichen Verhältnisse. Dann begann das Regime den zweiten Golfkrieg gegen Kuweit, mit einer bitteren Folge für die Zivilbevölkerung: Die UNO verhängte ab 1991 wirtschaftliche Sanktionen gegen das Land. Viele Iraker waren inzwischen verarmt und Menschenrechtsorganisationen schätzten, dass 1,5 Millionen Männer, Frauen und Kinder aufgrund dieser Politik starben.

Saddam Hussein fürchtete, den Rückhalt im Volk zu verlieren, besann sich daraufhin auf traditionelle islamistische Werte und reglementierte die Frauenrechte. Dazu hatte der Zusammenbruch der Wirtschaft das Alltagsleben für Frauen drastisch verändert. Wie die UNDP 2000 berichtete, fiel die weibliche Beschäftigungsquote von 23 Prozent vor 1991 - die höchste in der Region - auf nur noch 10 Prozent 1997. Angesichts hoher Inflationsraten und Lebenshaltungskosten konnten die Löhne nicht mehr mithalten. Viele Mädchen und Frauen hatten keinen Zugang zu Bildungseinrichtungen, denn deren Familien konnten es sich nicht mehr leisten, Kinder zur Schule zu schicken. Die Folge: Irakerinnen wurden in ihr Heim und in die traditionellen Rollen als Mutter und Hausfrau zurückgedrängt. Durch die Lebensmittelknappheit waren sie bald nur noch mit der Grundsicherung beschäftigt.

Eine arbeitende, selbstbewusste Frau war kein Prestige mehr für Familien: Der radikale Nationalismus der Baath-Partei war von einer männlichen Vorstellungswelt geprägt und wurde immer hemmungsloser nach außen getragen. So beschrieb 1991 die staatseigene Zeitung „Al-Jumhurriyah“ die Aufgabe der Frauen folgendermaßen: "Jede irakische Mutter muss ihrem Säugling beibringen, wie man schießt, kämpft und heldenhaft stirbt.“ Saddam änderte auch das bisher säkulare Rechtssystem. So konnten Männer, die einen so genannten „Ehrenmord“ verübt hatten, straffrei ausgehen. Die Praxis der Ehrentötungen steht für die vollständige Verfügungsgewalt von Männern über Frauen. Es wird definiert als Tötungsdelikt, in denen „eine Frau ermordet wird aufgrund tatsächlichen oder unterstellten moralischen Missverhaltens." Was dabei Fehlverhalten ist, steht im Ermessen des Mannes. Das kann eine Forderung nach Scheidung sein, aber auch die simple Weigerung, eine Arbeit auszuführen. Die UN-Frauenorganisation UNIFEM schätzt, dass mehr als 4.000 Frauen im Rahmen dieses Gesetztes legal ermordet wurden. Frauen, die der Prostitution beschuldigt wurden, mussten dazu mit öffentlicher Enthauptung rechnen.

Da immer weniger Mädchen zur Schule gingen, konnten im Jahr 2000 nur noch wenige Frauen Texte lesen und verstehen: Die Alphabetisierungsrate lag bei 25 Prozent. Bereits vor der amerikanisch-britischen Invasion war die Frau im Irak wieder zum rechtlosen Wesen geworden, das auf den Mann und dem Familienverband angewiesen ist. Zwangsehen und Genitalverstümmelungen sind in ländlichen Gebieten des Iraks wieder sehr verbreitet.

Doch diese angespannte Situation verschlechterte sich 2003 noch weiter. Der Grund: Nach der Besetzung sind die öffentliche Sicherheit und die staatliche Gerichtssystem weitgehend zusammengebrochen. Die Besatzungstruppen haben ein paralleles Justizsystem aufgezogen. Radikal-islamistische Schiitenimame unterhalten in einigen Gebieten bereits die Scharia. Andere Iraker greifen auf traditionelles Stammesrecht zurück. Selbst ein simpler Autounfall mit minimalem Blechschaden kann für eine Frau, die ihn verursacht hat, üble Folgen haben. Nach Stammesrecht wird sie der Familie des Unfallopfers als Wiedergutmachung zugesprochen.

Islamistische und auch nationalistische Rebellensöldner zwingen Frauen zur Verhüllung und besetzen Schultore, damit Mädchen und Frauen nicht in die Gebäude gelangen. Jede Frau, die sich dem Zwangsregime widersetzt, muss damit rechnen, ermordet zu werden. So wurde im September 2003 Aqila al-Hashimi, Angehörige des damaligen Regierungsrates, getötet. Während eines gezielten Anschlages verstarb im März 2004 die amerikanische Frauenrechtlerin Fern L. Holland. Außerdem wurde die britische Care-Mitarbeiterin Margaret Hassan entführt und erschossen. In einem Video flehte die Britin vergeblich um ihr Leben. Frauenaktivistinnen, die in der Öffentlichkeit auftreten, werden regelmäßig bedroht. Human Rights Watch berichtet von einer hohen Zahl an Entführungen und Morden an Frauen.

Irakischen Frauenorganisationen bleibt nur die Hoffnung auf Unterstützung im Prozess der Rekonstruktion eines irakischen Staates, der den Frauen menschenwürdige und gleichberechtigte Lebensbedingungen garantiert.

 
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