Lyrik Erdabgewandter Haarausfall
Vor 25 Jahren starb Nicolas Born. Geblieben sind seine wunderbar an der Wirklichkeit entlang geschriebenen Gedichte
Da war das ebenso frontale wie empfindsame Hineingehen in die Dinge, Landschaften und Menschen, und ein fast müheloses Einverwandeln in Sprache, so als hätte nicht auch er Schreiben erst mühselig gelernt. Und als die Krankheit ihn zu entstellen begann, hörte er einfach auf, für mich Brandes zu sein. Erst als er gestorben war, merkte ich, wie er langsam wieder in mir zu sich kam.«
Dies schreibt Hermann Peter Piwitt in seinem 1982 erschienenen Band Deutschland. Versuch einer Heimkehr. In Piwitts Aufzeichnungen wird er Brandes bleiben – gestorben aber ist er 1979 als jener Nicolas Born, dessen Romane, Gedichte und Erzählungen auch heute, 25 Jahre nach seinem Tod, unverändert herausfordernd, gebrochen melancholisch, ja bis zu einem gewissen Grad aufrührerisch vor uns liegen. Texte, die – scheinbar unempfindlich geworden gegen die Raserei der Moden – noch immer jenes »frontale wie empfindsame Hineingehen in die Dinge« aufweisen, das sie über die Jahre nur hat wertvoller werden lassen: Romane wie seine bohrende Medienkritik Die Fälschung von 1979 oder der drei Jahre zuvor erschienene, literarisch auf die Spitze getriebene Beziehungskrieg Die erdabgewandte Seite der Geschichte, für den Born 1977 den Bremer Literaturpreis erhielt und damit schlagartig einem größeren Publikum bekannt wurde.
Hinterlassen hat Nicolas Born ein nicht eben umfangreiches Werk, das, wenn zuletzt auch ein wenig in Vergessenheit geraten, in der deutschen Literaturlandschaft dieser Jahre fest verankert ist.
Wie wohl kein zweiter bundesdeutscher Schriftsteller seiner Generation war Klaus Born, wie er mit bürgerlichen Namen hieß, in seinen Büchern, seinem Auftreten und seinen Reden in der Öffentlichkeit ein engagierter Ankläger der modernen Medien- und Industriewelt; jener »Megamaschine«, wie er sie nannte, die menschliche Gefühle per Werbespot simuliert und nur noch Fälschungen, Leben aus zweiter Hand produziert.
Eine widerständige Haltung, die auch die von seiner Tochter Katharina zusammengestellte und vorzüglich kommentierte Neuausgabe seiner Gedichte dokumentiert. Ein längst überfälliger Schritt, der ungeteilten Beifall verdient. Denn die nun endlich in Gänze vorliegenden Gedichte Borns sollen den Auftakt zu einer Gesamtausgabe seiner Werke bilden. Die Sammlung, die neben den seit langem vergriffenen Bänden Marktlage, Wo mir der Kopf steht und Das Auge des Entdeckers die Folge Keiner für sich, alle für niemand aus den Jahren 1972 bis 1978 enthält, stellt auch eine ganze Reihe neuer, bislang unveröffentlichter Gedichte aus dem Nachlass vor. Allem voran den frühen Zyklus Echolandschaft, den Born wohl Mitte der sechziger Jahre selbst zur Veröffentlichung vorgesehen hatte, später aber aus guten Gründen verwarf. Denn gerade diese frühen, in ihrer Qualität stark schwankenden Versuche erscheinen noch allzu geprägt von der Suche nach einem eigenen Ton. Gleichwohl entdeckt man in Gedichten wie Etat bereits den »späten« Born, der sich virtuos die Klischees der Alltagssprache auf der Zunge zergehen lässt.
Man lernt Born kennen als einen Autor, der alles persönlich nimmt und in seinen wundervoll ungeschützten Ich-Gedichten listig Widerstand gegen die Zumutungen des modernen Lebens leistet, ja gegen alles, was ihn einengt, festlegt, determiniert. Denn was Born vor allem auszeichnet, ist sein unprätentiöser Umgang mit sich selbst. Schonungs- und tabulos schreibt er den eigenen antrainierten Automatismen nach, auf der Suche nach den Deformationen des Individuums an sich. So heißt es in dem berühmten Gedicht Selbstbildnis: »Oft für kompakt gehalten / für eine runde Sache / die geläufig zu leben versteht – / doch einsam frühstücke ich / nach Träumen / in denen nichts geschieht. / Ich mein Ärgernis / mit Haarausfall und wunden Füßen / einssechsundachtzig und Beamtensohn / bin mir unabkömmlich / unveräußerlich kenne ich / meinen Wert eine Spur zu genau / und mach Liebe wie Gedichte nebenbei. / Mein Gesicht verkommen / vorteilhaft im Schummerlicht / und bei ernsten Gesprächen. / Ich Zigarettenraucher halb schon Asche / Kaffeetrinker mit den älteren Damen / die mir halfen / wegen meiner sympathischen Fresse und / die Rücksichtslosigkeit mit der / ich höflich bin.«
Born glaubt bei aller Subjektivität an die Moral, die er gleichwohl zu ironisieren versteht. Er glaubt daran, dass Erkenntnis und Bewusstmachung einen besseren Menschen hervorbringen. In dem Gedicht Notausgang heißt es: »Wechsele den Arzt / wenn es dir wieder besser geht / aber vergiss nicht / dir eine Wunde offenzuhalten.«
Lesend verfolgen wir den Weg des Dichters: vom Gebrauchslyriker, der die genau Alltagsbeobachtung jeder Metapher vorzieht, zum späteren, ins Gelingen verliebten Utopisten und weiter zu einem engagierten »Träumer nach Vorne«, einem Aufklärer, dessen Lyrik in ihren besten Momenten visionäre Züge trägt. Doch wer war jener »Gedichtmann«, als den ihn Peter Handke einmal bezeichnete, wer jener »Brandes«, den Piwitt rückblickend als »einsamen Wolf auf dem geraden Weg vom Ruhrpott nach Burg Todeslust« beschreibt?
- Datum 09.12.2004 - 13:00 Uhr
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- Serie belletristik
- Quelle (c) DIE ZEIT 09.12.2004 Nr.51
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