EU-Beitritt Pack den Tiger in die EU

Allen Ängsten und Warnungen zum Trotz - vier gute Gründe, warum die Türkei zu Europa gehört

Geschichte wiederholt sich nur als Posse. Eine peinliche Vorstellung gibt gerade der bayerische Ministerpräsident Stoiber, der den Deutschen verspricht, »alles« zu tun, damit die Türkei kein Mitglied der Europäischen Union werde. 300 Jahre nach den Siegen des habsburgischen Prinzen Eugen über die Osmanen nimmt Prinz Edmund auf dem Kies vor der Münchner Staatskanzlei Anlauf, die EU vor der Türkei zu retten.

Anders jedoch als der Habsburger ist Bayerns Türkenschreck hinter seiner Zeit zurückgeblieben. Im Jahr 2004 muss niemand mehr die Türken fürchten. Der Islam ist in der säkularen Türkei besser eingehegt als in der westeuropäischen Diaspora. Ankara ist mit Europa eng verflochten und erfüllt nun auch die Kriterien für EU-Beitrittsgespräche. An diesem Freitag will die EU Verhandlungen mit dem Land beschließen. Die EU-Chefs nehmen Stoiber die Entscheidung ab - mit gutem Grund: Die Türkei ist der erste Kandidat im Osten, der Europa stärken würde, ein Land, das auch Bürde, aber vor allem Bereicherung wäre. Verhandlungen sind kein Stabilitätsprogramm für Ankara, sondern in Europas Interesse. Die Schreckensgemälde der Verhandlungsgegner wirken nur noch blass.

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Türkenschwemme? Die EU-Länder wollen bei einem Beitritt die Freizügigkeit für Türken aussetzen. Das dürfte unnötig sein. In einem Jahrzehnt wird aus Anatolien kaum noch jemand nach Westen fliehen. Seitdem Ankara 1999 zum Kandidaten erhoben wurde, hat sich die Zahl der Asylbewerber halbiert. Das war zu erwarten. Arme Mittelmeerländer wie Griechenland und Portugal sind mit dem EU-Beitritt gar zu Einwanderungsländern geworden. Gastarbeiter kehrten in Scharen zurück. Daheim wuchs der Wohlstand und sank die Kinderzahl. Nur wer die Türkei von Europa fern halten will, lädt die Immigranten zum Kommen ein.

EU-Grenze mit Iran und Irak? Nicht erst als Nachbarn einer Eurotürkei machen uns diese Länder Sorgen. Europäische Soldaten stehen bereits in Bagdad, eine EU-Troika verhandelt mit Teheran, um künftige Nuklearraketen mit Autopilot gen Westen zu verhindern. Die Türken würden die Brüsseler Diplomatie im Nahen und Mittleren Osten erheblich stärken - als muslimische Europäer, als Kenner der Region, als große Nation. Seit 1999 hat die Türkei mit ihren Nachbarn zu einem friedlichen Ausgleich gefunden. Das türkische Heer marschierte nicht in den kurdischen Nordirak ein. Heftigen Streit wegen des Irakkriegs hatte Ankara dagegen mit den Amerikanern - und folgte damit alteuropäischer Etikette.

Kostenklotz für Brüssel? Die Trennung der Türkei in einen darbenden Osten und einen boomenden Westen ist europäischen Ländern nicht fremd. Zu beneiden ist die Türkei dagegen um Wachstumsraten von chinesischem Format. Die junge Bevölkerung strömt in neue Fabriken, während in Westeuropa eher Rentenkassen Zulauf haben. Dennoch sichert sich die EU ab. Am Agrarmarkt und an den Strukturfonds der Union soll die Türkei nicht teilhaben. Als werdendes Tigerland dürfte sie es verschmerzen.

Überdehnung Europas? Der Tumult um die Türkei-Verhandlungen zeigt, dass die EU aus ihrer Erweiterungslethargie erwacht ist. Eine erneute Gewichtszunahme ohne EU-Reformen wird es mit Ankara, anders als bei der Osterweiterung, nicht geben. Die Größe des Landes zwingt Europa, seine Institutionen auf jene Beweglichkeit zu trimmen, die die Union der 25 schon heute nötig hätte: die Türkei als Therapie für die EU und Maßstab für künftige Kandidaten. Der EU-Beschluss wird nämlich kein bloßer Passierschein nach Brüssel sein. Europa überwacht die Metamorphosen der Türkei strenger als bei bisherigen Neuzugängen. Sollte Ankara vom europäischen Kurs abkommen oder die EU noch nicht aufnahmebereit sein, behält sich Brüssel vor, die Gespräche auszusetzen oder abzubrechen. Ein Beitrittsdatum wird nicht genannt. Natürlich hätte Brüssel schon Polen und Tschechien in dieses Korsett zwängen müssen. Auf jeden Fall sollte die EU für alle künftigen Antragsteller (Beispiel Ukraine) bereithalten, was Ankara heute übergestülpt wird.

Verhandlungen dürfen allerdings nur ein Ziel haben: die Mitgliedschaft. Gleichzeitig über »privilegierte Partnerschaft« zu reden, den Wahlkampfgimmick der CDU/CSU, wäre Anleitung zum Chaos. Die EU sollte die uralte Geschichte »Westeuropa wider die Osmanen« nicht wiederholen. In Europas Zukunft sind die Türken dabei.

 
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