Kino Stark geschminkt

Colin Farrell als schwule Tucke, Angelina Jolie als Hexe: Das hätte der Alexander-Film von Oliver Stone zeigen können, wenn sich der Regisseur nur mehr getraut hätte

Oliver Stones Alexander-Film umgibt ein Rätsel. Man könnte auch von gähnender Leere sprechen. Was hat den Regisseur, der ein Meister fiebernden Irrsinns, eskalierender Verschwörungen, düsterer Seelendelirien ist, an einer Figur gereizt, die zu den blassesten der Weltgeschichte gehört? Selbst Plutarch, der als Biograf im Allgemeinen nicht zimperlich war in der Verarbeitung von Klatsch und schlecht verbürgten Skandalgeschichten, hat es nicht vermocht, Alexander den Großen in einen farbigen Charakter zu verwandeln. Seine Größe, man mag es drehen und wenden, beschränkt sich auf das Feldherrntalent und die ungeheure historische Wirkung, die in der Verbreitung griechischer Sprache und griechischer Lebensart über die ganze damals bekannte Welt bestand. Heute würde man von Kulturimperialismus sprechen. Alexanders Eroberungen haben erst den Raum geschaffen, in dem sich später das Römische Reich, vor allem aber das Christentum ausbreiten konnte. Die griechische Sprache war das Medium der christlichen Mission, und ohne Alexanders Feldzüge und ohne die Diadochenreiche, die sich in seiner Nachfolge im östlichen Mittelmeerraum festsetzten, wäre das Griechische niemals zur Koine, zur Weltsprache der Antike, geworden.

Das ist die Wirkung. Aber wer ist der Mann? Trunksucht ist von ihm überliefert, auch ein Verdacht auf mehr als die üblichen homoerotischen Ausschweifungen. Es war ja nicht nur Hephaistion sein Busenfreund; auch die Söhne des makedonischen Hochadels, die ihn als militärischer Kadernachwuchs begleiteten, bildeten wohl eher eine Art reisenden Harem, aus dem er sich nach Belieben bediente. Aber alles andere ist Spekulation, mit anderen Worten: Die Schwäche der Überlieferung wäre auch eine Chance für die künstlerische Fantasie.

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Doch kann man nicht behaupten, dass Oliver Stone sie nutzt. Vielmehr erzählt er recht dröge entlang der Memoiren des ägyptischen Diadochenkönigs Ptolemaios I., vormals Generaladjutant Alexanders. Diese Memoiren sind heute nur noch in der Kompilation des nachchristlichen Historikers Arrian überliefert, das heißt, sie stimmen wahrscheinlich nicht, klingen aber trocken genug, um den Eindruck authentischer Langeweile zu erzeugen. Der alte Ptolemaios (Anthony Hopkins) diktiert also seine Erinnerungen, damit beginnt der Film, und man hört noch weiterhin seine Stimme aus dem Off, während auf der Leinwand sich das übliche, teils dekorative, teils lächerliche Sandalenfilmgeschehen entfaltet. Nur in einigen Kampfszenen zeigt sich ansatzweise etwas von dem rasanten Wahnsinn, den Wirbelschnitten und extravaganten Kamerapositionen, für die Oliver Stone berühmt geworden ist. Niemals aber erreicht er das Delirium seines Nixon- Films und nie die mythische Magie von Natural Born Killers.

Jedes satanische Kichern wird gleich im Ansatz wieder unterdrückt

Eine vergleichbare Dämonisierung des Geschehens ist freilich mit dem Alexander-Darsteller Colin Farrell auch nur schwer vorstellbar. Dieser liebe Junge mit dem klassischen Stupsnäschen eines amerikanischen Collegeboys könnte wahlweise einen reinen Toren spielen, der nicht weiß, wie ihm geschieht, oder einen durchtriebenen kleinen Stricher, aber niemals einen makedonischen Königssohn. In dieser Fehlbesetzung könnte sogar eine grandiose Ironie liegen, wenn sich Stone entschieden hätte, ob er mehr aufs Schwule oder mehr aufs Tumbe setzen wollte. Er sucht aber eine kuriose Balance, die nicht gut gehen kann, weil nun das Schwule ebenso wie das Törichte als unfreiwillige Wirkung erscheinen. Farrell, stark geschminkt im Kreis seiner ebenfalls stark geschminkten Generäle, hätte durchaus das Zeug zur Cheftucke der Antike, aber dann müssten er und seine Mittucken auch mit dem Herrentäschchen in die Schlacht ziehen und nicht mit dem Schwert.

Oliver Stone ist ein Regisseur, der nur in der hemmungslosen Übertreibung groß wird. Aber sein Alexander-Film, ohnehin arm an Einfällen, versucht selbst diese Einfälle noch im Rahmen des Seriösen zu halten. Anders als die griechischen Anwälte meinten, die gegen die schwule Darstellung Alexanders Klage führten, übertreibt es Stone mit der Homosexualität leider nicht. Er nutzt nicht einmal den historisch verbürgten Eifersuchtsaufstand, den es in Alexanders Harem gab, die so genannte Pagenverschwörung. Weit bleibt der Film hinter dem zurück, was Fellini in seinem Satyricon mit der Beschwörung antiker Ausschweifungen gelang – obwohl Stone zuzutrauen wäre, Fellini mühelos zu übertreffen.

Es ist, als habe der berühmt verrückte Regisseur sich diesmal ein Taschentuch in den Mund gestopft, um allzu heftige Beißreflexe zu unterbinden und den ehrwürdigen Alexander-Stoff unzermalmt ans Publikum weiterzugeben. Wir, die Stone-Fans, hätten den Stoff aber lieber zermalmt serviert bekommen, als gepfeffertes oder mit halluzinogenen Drogen versetztes Teufelsbreichen. Doch wird jedes satanische Kichern gleich im Ansatz wieder unterdrückt. Selbst Alexanders herrschsüchtige und verbürgt monströse Mutter Olympias wird nur ansatzweise zu der großen Hexe entwickelt, vor der Alexander – das wäre doch ein schönes Motiv! – mit seinen Truppen bis ans Ende der Welt fliehen muss. Auch die Schauspielerin der Olympias ist eine Fehlbesetzung, aber diesmal eine, die allzu schrille Fantasien schon im Keim erstickt: Angelina Jolie, mit goldenen Strähnchen im Haar wie eine Vorstadtfriseuse, entwickelt wenig mehr als die Dämonie einer sinistren Discomaus. Sie spielt mit Schlangen im Schlafzimmer. Aber das ist schon alles.

Vor Jahren scheiterte Gabriel García Márquez mit einem Roman über Simón Bolívar, weil der legendäre Befreier Lateinamerikas sein Leben schon in seinen Tagebüchern zu Literatur gemacht, vor allem aber keine Minute undokumentiert gelassen hatte. Die Fantasie des Schriftstellers fand keinen freien Raum mehr. Oliver Stone scheitert an Alexander dem Großen aus dem umgekehrten Grund. Es gibt in der kargen Überlieferung zu viel Raum für die Fantasie und zu wenige Punkte, an denen sie sich entzünden könnte. Alexander, um für ein Kunstwerk zu taugen, müsste vollkommen neu und frei erfunden werden. Das hat offenbar selbst Stone überfordert. Vielleicht ist er, aller nachgesagten Paranoia zum Trotz, am Ende doch ein enttäuschend vernünftiger und redlicher Mann.

 
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