London

Offenen Gesetzesbruch kündigte dieser Tage ein gewisser Jeremy Clarkson an. Der Mann, Kolumnist der Sunday Times, eine TV-Berühmtheit und sorgsam auf seinen Ruf als notorisch widerborstiger, politisch höchst inkorrekter Charakter bedacht, will fortan gegen "14 neue Gesetze und 7 soziale Tabus verstoßen, die nicht existierten, bevor seine ›Tonyness‹ kam". Folglich wird Clarkson weiterhin das Handy am Steuer benutzen, seinen Hund belohnen, wenn er eine Ratte zerfetzt, den Begriff "siamesische Zwillinge" verwenden, der in bürokratischem Sprachgebrauch gerade durch "verbundene Zwillinge" ersetzt wird, vollfetten Käse verzehren und seinen Kindern schon mal eine Ohrfeige versetzen, "aus reiner Gaudi". Was macht’s, dass die Liste, mit einem leichten Augenzwinkern dargeboten, Irreführendes enthält. Die verschärfte Mahnung in einem Weißbuch der Regierung, auf vernünftige Ernährung zu achten und Kinder in nicht noch größerer Zahl in übergewichtige Couch-Potatoes zu verwandeln, stellt kein gesetzliches Verbot dar. Doch Clarksons Tirade trifft einen Nerv. Zumal Labour mit dem unsinnigen Aus für die Fuchsjagd mit Hunden just ein Beispiel unschöner Gängelung lieferte.

Die meisten Briten mögen wenig übrig haben für den "Blutsport"; doch lehnt eine klare Mehrheit ein Verbot ab. Prinz Charles, der selbst gerne zur Jagd ausreitet, hatte vor zwei Jahren Tony Blair in einem Brief darauf hingewiesen, dass niemand es wagen würde, die Fuchsjagd zu untersagen, wäre sie die Tradition einer ethnischen Minorität. Womit er den Finger auf einen wunden Punkt legte.

Nun ist der Schlamassel da. Während die Hinterbänkler der Labour Party noch ihren Sieg über die toffs, über die feinen Pinkel, feiern, blickt Downing Street mit mulmigen Gefühlen in die Zukunft. Sieben Jahre lang hatte die Regierung versucht, diesen Akt des Klassenkampfersatzes zu verhindern. Nun wird man ausgerechnet kurz vor den geplanten Wahlen im Mai 2005 den Sturm ernten. Die Anhänger der Jagd wollen eine Welle des zivilen Ungehorsam inszenieren. Vom 19. Februar an werden sie massenhaft mit Hunden ausreiten. Nicht um den Fuchs zu jagen, versteht sich, sondern um Pferden und Jagdhunden Auslauf zu geben. Sollte ein Fuchs von der Meute zerrissen werden, müsste die Polizei erst einmal Absicht nachweisen. Die Polizei nannte das Jagdverbot bereits "undurchsetzbar". Füchse aber werden so oder so sterben, nur eben durch Kugeln und Gift.

"Political correctness gone mad", rufen nun mit neuer Zuversicht die Tories, die angesichts trostloser Umfragewerte ansonsten wenig zu lachen haben, "verrückt gewordene politische Korrektheit". Auf klassischem Politterrain haben die Konservativen wenig gegen New Labour zu bestellen. Die Wirtschaftslage ist nach wie vor blendend. Doch wittert die Opposition zumindest den Hauch einer Chance auf gesellschaftspolitischem Feld, wo Werte und die politics of behaviour , die Anstandspolitik, dominieren. Das Phänomen, das bei den jüngsten Präsidentenwahlen in Amerika sichtbar wurde, hält die Strategen in den britischen Parteizentralen in Atem.

Die Briten, wohlhabender denn je, sind gleichwohl grummelig und leicht irritierbar. Sie reagieren empfindlicher als zuvor auf Fehlentwicklungen, auf den Kollaps der Familie, auf die eskalierende Gewaltkriminalität, auf exzessiven Hedonismus. Nirgendwo in Europa geben sich Teenager so häufig und intensiv Drogenkonsum wie binge drinking hin, dem hemmungslosen Saufen bis zur Bewusstlosigkeit. Während Konservative und Labour um bessere Rezepte wetteifern und danach trachten, sich an Härte zu überbieten, muss sich die Regierung Blair zugleich des Vorwurfs erwehren, sie plane einen Anschlag auf die Meinungsfreiheit. Der gummigesichtige Komiker Rowan Atkinson, international als Mr. Bean bekannt, setzte sich an die Spitze des Protestes gegen eine neue Initiative von David Blunkett. Der Innenminister, Befürworter knallharter Law-and-Order-Politik, will künftig nicht nur rassistische Hetze bestrafen, sondern auch die Anstiftung zu religiösem Hass. Das Gesetz, seit langem vom Rat britischer Muslime gefordert, läuft in zweiter Lesung durchs Parlament. Bislang steht in Großbritannien aus Respekt vor dem Prinzip der offenen Rede nicht einmal die Leugnung des Holocaust unter Strafandrohung.

Der Labour-Regierung bläst also erneut von ganz unterschiedlichen Seiten der Wind ins Gesicht. Von rechts und links wird sie als bossy, als herrisch und bevormundend, gescholten. Das Gouvernement würde den Gouvernanten-Staat, den "Nanny State", schaffen, lautet der Vorwurf. Es hagele ein Verbot nach dem anderen, geradezu lustvoll haue der Staat den Leuten auf die Finger, überziehe Stadt und Land mit CCTV, mit Sicherheitskameras, bespitzle die Bürger mittels des Zwangs zum bislang unbekannten Personalausweis, und überhaupt kommandiere er sie nur noch herum. So wird nun der Gebrauch von Feuerwerkskörpern das ganze Jahr hindurch untersagt. Auch sehe es so aus, als wolle die Regierung am liebsten Rauchen und Junkfood ganz verbieten. Mit wachsender Begeisterung verhängen lokale Behörden so genannte "Asbos", Antisocial Behaviour Orders, die neueste Waffe aus dem Arsenal New Labours im Kampf gegen antisoziales Verhalten. Eingesetzt wird sie gegen jugendliche Randalierer, gewalttätige Kinder in Jugendbanden und neighbours from hell, die das Leben anderer zur Hölle machen. Aber auch gegen Eltern, die trotz mehrfacher Mahnung ihre Sprösslinge nicht zur Schule schicken. Im Extremfall wurde dies bereits mit Haftstrafen geahndet.