Mythos Einsteins Erben
Der »Ingenieur des Universums« konnte nicht alle Rätsel lösen. Bis heute suchen Physiker nach der letzten großen Formel, die alle Widersprüche auflöst
Sollte Einstein sich geirrt haben, werden es die Feministinnen vielleicht zuerst erfahren. Oder Joschka Fischer. Denn der ultimative Test der Relativitätstheorie wird in diesen Tagen im achten Stock eines Berliner Hochhauses vorbereitet, drei Stockwerke über dem Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterforschung und einen Steinwurf entfernt vom Außenministerium. Hier haben Physiker der Humboldt-Universität ein Experiment aufgebaut, mit dem sie Einstein noch einmal auf die Probe stellen wollen. Mit einer Genauigkeit von 18 Dezimalstellen, so präzise, wie nie jemand zuvor gemessen hat. Sollten sie etwas Spektakuläres messen, wird der Außenminister die Sektkorken knallen hören.
»Bis jetzt konnten wir dem guten alten Einstein noch keine Fehler nachweisen«, kommentiert Juniorprofessor Achim Peters die ersten Testläufe. Das mag aber auch an Sat.1 liegen. Der Fernsehsender hat gegenüber seine Satellitenschüsseln platziert und funkt den Physikern direkt ins Labor. Und unter dem Hochhaus rauscht die U2 durch den Berliner Untergrund und schickt elektromagnetische Wellen nach oben. Keine Idealbedingungen für ein ultraempfindliches Präzisionsexperiment. Noch ringen die Berliner Physiker mit Hilfe von Abschirmungen und Antistörelektronik um die 16. Stelle nach dem Komma.
Es ist hundert Jahre her, dass Einstein die Fachwelt mit seinen Theorien überrumpelte, aber noch heute hält er die Physik in Atem. Wer zum Einstein-Jahr eine Bilanz zieht, wird feststellen: Fünfzig Jahre nach seinem Tod ist Einstein hochaktuell. Im kollektiven Arbeitsspeicher der Physik, der Online-Bibliothek www.arxiv.org , wurden seit Anfang dieses Jahres 2.600 Fachartikel abgelegt, die den Namen Einstein in der Zusammenfassung erwähnen. Auf Stephen Hawking beziehen sich nur rund 400 Artikel, auf Isaac Newton immerhin 1.000 (von denen allerdings viele den Forschungssatelliten XMM-Newton meinen).
Haben Einsteins Nachfahren den Respekt vor dem Übervater verloren?
Es sieht keineswegs so aus, als hätte Einstein die Naturwissenschaft in Harmonie und Ordnung hinterlassen. Seine Erben diskutieren Schwarze Löcher, Gravitationswellen, den Urknall und exotische Quantenmaterie. Kosmologen aus aller Welt streiten über die Erweiterung der Allgemeinen Relativitätstheorie. Britische Astrophysiker stellen Einsteins Postulat infrage, ein Lichtstrahl habe im Vakuum immer dieselbe Geschwindigkeit, egal, wie schnell sich die Lichtquelle bewege. Und Achim Peters von der Humboldt-Universität liefert sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Forschungsgruppen in Düsseldorf und Australien, um die Grenzen der Relativitätstheorie aufzuspüren. Es scheint, als habe die Erbengemeinschaft den Respekt vor ihrem Übervater verloren.
Im achten Stock der Humboldt-Universität hat der wissenschaftliche Nachwuchs allerlei High Tech aufgefahren, um Einsteins populärste Theorie auf die Probe zu stellen. Auf einer langsam rotierenden Stahlplatte leuchtet ein Laser, dessen Licht aufgespalten und auf zwei rechtwinklig angeordnete Bahnen geschickt wird. Das Experiment ist die moderne Variante eines Versuchs, mit dem Albert Michelson 1881 die Geschwindigkeit der Erde durch den Weltraum messen wollte – ebenfalls in Berlin und auch unter widrigen Bedingungen: Pferdekutschen rumpelten über das Kopfsteinpflaster und ließen das Physikalische Institut erzittern.
Damals glaubten die Naturforscher, ein durchsichtiger, gasähnlicher Stoff erfülle das Universum und transportiere Lichtwellen durchs All: der Äther. Die Erde müsste demnach auf ihrer Bahn um die Sonne mit 370 Kilometern pro Sekunde den Äther durchpflügen. Doch in der Speziellen Relativitätstheorie von 1905 war für das hypothetische Medium kein Platz mehr. Das All ist ein Vakuum, und Licht, sagt Einstein, breitet sich darin immer gleich schnell aus (mit rund 300.000 Kilometern pro Sekunde), egal, welche Geschwindigkeit die Lichtquelle hat.
Bisher hat Einsteins Spezielle Relativitätstheorie allen Überprüfungen standgehalten. Auch die regelmäßig wiederkehrenden Meldungen, Signale ließen sich schneller als mit Lichtgeschwindigkeit übertragen, entpuppen sich zuverlässig als Fehlinterpretationen. Zwar gibt es Lichtfelder, die Einsteins Tempolimit überbieten. Aber Informationen übertragen – und darauf kommt es an – kann man mit diesem Tempo nicht.
- Datum 22.12.2008 - 11:05 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 16.12.2004 Nr.52
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