Mythos Einsteins ErbenSeite 3/3
Zur Häme gibt es allerdings wenig Anlass. Die Weltformel hat man bis heute nicht entdeckt. Und wahrscheinlich ist auch niemand kurz davor. Allein am Albert-Einstein-Institut (AEI) in Potsdam-Golm arbeiten mehr als hundert Theoretiker aus aller Welt an der Operation Weltformel. Die einen favorisieren die Stringtheorie, die die punktförmigen Elektronen und Quarks aus der Teilchenphysik durch schwingende Fäden ersetzt und außerdem eine 10- bis 11-dimensionale Welt postuliert. Die anderen setzen auf die Schleifen-Quantengravitation (loop quantum gravity), bei der Raum und Zeit nicht mehr kontinuierlich, sondern aus Raum-Zeit-Körnchen zusammengesetzt sind. Beide Fraktionen haben sich wenig zu sagen. Es wird schon als Durchbruch gefeiert, wenn sie – wie in Golm – im selben Institut arbeiten oder bei einer Physikkonferenz einander freundlich zunicken. Von der Weltformel scheint man Lichtjahre entfernt. »Vielleicht brauchen wir erst einen neuen Einstein«, sagt AEI-Direktor Bernard Schutz.
Ein Jahrhundertgenie wünscht sich auch Jörg Frauendiener, gewählter Vertreter der Gravitationsphysiker in Deutschland: »Wir brauchen jemanden, der sich unvorbelastet an das angehäufte Wissen herantraut, der ohne Dogmen und Vorurteile die richtigen Gedanken und Assoziationen hat.« Aus Deutschland wird der neue Einstein wohl nicht kommen. »Hierzulande wird Gravitationsphysik an den Universitäten vernachlässigt«, klagt Frauendiener, »in der Schule können Physiklehrer die Fragen nach Schwarzen Löchern oder Dunkler Materie nicht mehr beantworten, weil an der Uni die Professoren fehlen.«
Die Relativitätstheorie spielt in Deutschland nur eine Nebenrolle
Es gebe nur noch einen einzigen Lehrstuhl für Relativitätstheorie in Deutschland. Und bei der kommenden Frühjahrstagung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft in Berlin wird die Relativitätstheorie nur eine Nebenrolle spielen, obwohl die Tagung ganz im Zeichen des Einstein-Jahrs stehen soll. Festkörperphysik und Quantentheorie dominieren das Programm. »Das spiegelt die Ignoranz der deutschen Physiker«, schimpft Frauendiener. Ein anderer Gravitationsphysiker, der lieber anonym bleiben möchte, beklagt, das Fach habe sich bis heute nicht davon erholt, dass die Relativitätstheorie in der Nazizeit als jüdische Theorie diffamiert worden sei: »Heute ist nicht der Rassismus schuld, aber das System ist behäbig.«
Und wenn Achim Peters auf der Frühjahrstagung davon berichten würde, dass in seinem Berliner Hochhaus die Relativitätstheorie in der 16. Stelle nach dem Komma von der Messung abweicht? Es wäre eine Sensation, aber außer den Geschlechterforschern und dem Außenminister würde sie nur ein kleiner Expertenkreis bemerken. Peters ist das gar nicht mal so Unrecht – die meisten Physiker würden das Ergebnis nämlich anzweifeln. Schließlich wirft man eine erfolgreiche Theorie nicht über den Haufen, nur weil ein Juniorprofessor 20 Meter über einer U-Bahn seltsame Abweichungen feststellt. »Mir wurde schon geraten, derartige Ergebnisse in einem unbekannten chinesischen Fachjournal zu veröffentlichen«, sagt Peters, »und dann lieber noch mal nachmessen zu lassen.«
- Datum 22.12.2008 - 11:05 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 16.12.2004 Nr.52
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