Kalifornien In Seenot
Wie das Planschen im Pazifik zum Kampf gegen den Tod wurde
Reisebüros werben für Winter-Badeurlaube, zeigen lachende Menschen, die im blauen Meer dem Winter ein Schnippchen schlagen. Unser Urlaub ist drei Wochen her, USA, der Wilde Westen, Pazifik, Sonnengarantie.
Kalifornien, Ende Oktober. Nach drei Tagen San Francisco fahre ich mit meiner Frau am Meer in Richtung Süden. Die Sonne wirkt im Auto trügerisch warm, doch draußen weht unentwegt kühler Wind. Bevor wir ins Landesinnere abbiegen, wollen wir am Scott Creek Beach wenigstens einmal das Meer genießen. Gezeitentümpel gibt es hier. Die drei Warntafeln am Parkplatz lesen wir nicht, weil wir ja nicht schwimmen, höchstens etwas planschen wollen. Unten am Strand ziehe ich mir, um den inneren Schweinehund kaltzustellen, gleich die Badehose an, und so gehen wir erst einmal spazieren.
Dann lockt die See zum Bade. Ich suche mir eine Stelle in der Nähe der Surfer aus. Doch was heißt das schon? Gleiten sie doch weiter draußen und auf den Wellen. Gut schwimmen kann ich nicht, weshalb ich nur so weit hineingehe, dass ich noch gut stehen kann; bis zu den Knien reicht das Meer.
Meine Frau dokumentiert mit dem Fotoapparat meinen Mut, das Wasser ist bitterkalt. Kurz tauche ich unter, um mich an die Temperatur zu gewöhnen, und stehe danach unversehens bis zur Hüfte im Wasser. Eine Welle kommt, keine große, vielleicht nur einen halben Meter hoch, doch stark. Sie reißt mich von den Beinen, was ich eher lustig finde, denn ich bewege mich ja nah am Strand. Doch muss ich zwei, drei Schwimmzüge machen, und als ich an Land laufen will, finden meine Füße nur Sandbrei, keinerlei Widerstand. Das kurze Schwimmen hat genügt, mich sechs, sieben Meter weit hinauszuziehen. Nun schwimme ich also richtig und strenge mich an, komme dem Strand allerdings nicht näher, sondern treibe raus. Für meine Frau ist die Welt noch in Ordnung, sie macht ein weiteres Bild. Nur ich weiß, dass mir diese Strömung keine Chance lässt.
Kurz überlege ich, ob ich zu panisch reagiere – mein Bruder ertrank 1970 in der Nordsee; ich war zehn, er acht –, doch dann denke ich, besser zu früh Hilfe holen als zu spät, winke und rufe, schon über zehn Meter entfernt, laut: » Help!« Warum nicht »Hilfe!«? Keine Ahnung. Der Brandungslärm übertönt meine Stimme, und mit der englischen Version rechnet meine Frau gar nicht. Sie winkt zurück.
Da bemerke ich 20, 30 Meter entfernt einen Surfer, gebe verzweifelt Zeichen und schreie, so laut ich kann. Tatsächlich reagiert er, ändert seinen Kurs, kommt auf mich zu. Später sehe ich, dass er wie alle Surfer zum Schutz vor dem Lärm der heftigen Wellen Wachs in den Ohren hat, mich also nur sehen, nicht hören konnte.
Inzwischen hat meine Frau begriffen, dass ich tatsächlich in Not bin, wirft die Uhren, die Kamera weg und will – mit Kleidung – ins Wasser. Als ich das sehe, winke ich verzweifelt mit der flachen Hand zum Strand, brülle: »Bleib draußen, bleib draußen!« Wenn ich schon nicht gegen die Strömung ankomme, wie sollte sie es dann mit Kleidung schaffen! Sie versteht mich wieder nicht wegen der lauten See. Zum Glück schlagen sie die Wellen zweimal zurück an den Strand.
Der Surfer ist jetzt bei mir. Ich fühle mich gerettet, klammere mich an sein Brett, bedanke mich heftig, bevor die nächste Welle über uns zusammenschlägt. Kurz versuchen wir beide, uns am Brett festzuhalten und Richtung Strand zu schwimmen, doch wir kommen nicht vorwärts. Der Surfer fragt mich leicht entsetzt: »You know how to swim?« Ich antworte: »Not too well.« Schon wieder eine Welle, die uns überrollt, während wir weiter hinausgezogen werden. Da weist er mich an, auf sein Surfbrett zu klettern, und versucht mit aller Kraft, mich aus dem Meer zu schieben. Ohne Erfolg. »I can’t push you in«, keucht er. Worauf mir nur »And what do we do now?« einfällt.
Vom Strand aus hat meine Frau wunderbarerweise einen zweiten Surfer auf uns aufmerksam machen können, der rasch auf uns zugepaddelt kommt. Wie eine Flunder liege ich auf dem Brett und will nur noch gerettet werden, will meine Frau trösten und dass alles ein glückliches Ende hat. Der zweite Surfer fordert den ersten auf, sich an seiner Leine festzuhalten, die alle dabei haben, um ihre Surfboards in den Wellen nicht zu verlieren. Er schlägt einen schrägen Kurs zum Strand ein und kommt schließlich aus dem Sog der Strömung. Beide schwimmen kräftig, ich versuche, durch Paddeln zu helfen, und so gelangen wir erstaunlich schnell nah an Land. Doch erst als mich der erste Surfer auffordert: »Now walk«, lasse ich das Surfboard los und taumele ans rettende Ufer, um meine Frau zu umarmen.
Den beiden, die sich noch einmal aufs Meer hinauswagen, rufen wir total erschöpft ein »Thank you, thank you!« nach und: »You really saved my life!« Wir wanken zum Auto, trocknen uns kurz ab, zitternd vor Schrecken und Kälte. Drei Meter entfernt die Warnschilder, die ich jetzt genauer lese. Das linke allein genügt, denn dort wird vor fünf marine hazards per Zeichen und Schrift gewarnt: »Sharks«, »Cold water«, »Sudden large waves/high winds«, »Bluff erosions« und in der Mitte »Rip currents untertow«, also etwa »reißende Strömung, die unter die Wasseroberfläche zieht«. Genau das gleiche, tödliche Phänomen zog meinen kleinen Bruder, der nicht schwimmen konnte, in die Nordsee. Auf dem Schild hier am kalifornischen Strand steht das rettende Verhalten: nicht zum Strand, sondern zur Seite, aus dem Sog herauszuschwimmen. Was für ein Glück, dass ich nur in eine normale reißende Strömung geriet! Mein Leichtsinn wird mir jetzt erst klar. Auch wenn ich nur planschen wollte, hätte ich die Schilder genau ansehen und feststellen müssen, dass niemand außer mir dort badete, dass nur Surfer in Neoprenanzügen im Wasser waren! Wie sehr habe ich Kraft und Schnelligkeit des Pazifiks unterschätzt, wie plötzlich geriet ich in Todesgefahr und zog andere hinein!
Später sehe ich, dass sich meine Retter vor ihrem Wagen unterhalten, und laufe barfuß zu ihnen, mich ausführlich zu bedanken. Ethan und Ira, der eine eigene Firma für Sonnenbrillen hat, wirken unaufgeregt, nehmen ihre Tat als selbstverständlich, sind zufrieden, geholfen zu haben, lachen nachsichtig, als ich mich selbst beschimpfe. Nur als ich sage: »I don’t know what would have become of me without you, I would have drowned«, setzt Ira trocken hinzu: »Mh, sharkfood.«
- Datum 16.12.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 16.12.2004 Nr.52
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