Kalifornien In SeenotSeite 2/2

Vom Strand aus hat meine Frau wunderbarerweise einen zweiten Surfer auf uns aufmerksam machen können, der rasch auf uns zugepaddelt kommt. Wie eine Flunder liege ich auf dem Brett und will nur noch gerettet werden, will meine Frau trösten und dass alles ein glückliches Ende hat. Der zweite Surfer fordert den ersten auf, sich an seiner Leine festzuhalten, die alle dabei haben, um ihre Surfboards in den Wellen nicht zu verlieren. Er schlägt einen schrägen Kurs zum Strand ein und kommt schließlich aus dem Sog der Strömung. Beide schwimmen kräftig, ich versuche, durch Paddeln zu helfen, und so gelangen wir erstaunlich schnell nah an Land. Doch erst als mich der erste Surfer auffordert: »Now walk«, lasse ich das Surfboard los und taumele ans rettende Ufer, um meine Frau zu umarmen.

Den beiden, die sich noch einmal aufs Meer hinauswagen, rufen wir total erschöpft ein »Thank you, thank you!« nach und: »You really saved my life!« Wir wanken zum Auto, trocknen uns kurz ab, zitternd vor Schrecken und Kälte. Drei Meter entfernt die Warnschilder, die ich jetzt genauer lese. Das linke allein genügt, denn dort wird vor fünf marine hazards per Zeichen und Schrift gewarnt: »Sharks«, »Cold water«, »Sudden large waves/high winds«, »Bluff erosions« und in der Mitte »Rip currents untertow«, also etwa »reißende Strömung, die unter die Wasseroberfläche zieht«. Genau das gleiche, tödliche Phänomen zog meinen kleinen Bruder, der nicht schwimmen konnte, in die Nordsee. Auf dem Schild hier am kalifornischen Strand steht das rettende Verhalten: nicht zum Strand, sondern zur Seite, aus dem Sog herauszuschwimmen. Was für ein Glück, dass ich nur in eine normale reißende Strömung geriet! Mein Leichtsinn wird mir jetzt erst klar. Auch wenn ich nur planschen wollte, hätte ich die Schilder genau ansehen und feststellen müssen, dass niemand außer mir dort badete, dass nur Surfer in Neoprenanzügen im Wasser waren! Wie sehr habe ich Kraft und Schnelligkeit des Pazifiks unterschätzt, wie plötzlich geriet ich in Todesgefahr und zog andere hinein!

Später sehe ich, dass sich meine Retter vor ihrem Wagen unterhalten, und laufe barfuß zu ihnen, mich ausführlich zu bedanken. Ethan und Ira, der eine eigene Firma für Sonnenbrillen hat, wirken unaufgeregt, nehmen ihre Tat als selbstverständlich, sind zufrieden, geholfen zu haben, lachen nachsichtig, als ich mich selbst beschimpfe. Nur als ich sage: »I don’t know what would have become of me without you, I would have drowned«, setzt Ira trocken hinzu: »Mh, sharkfood.«

 
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  • Quelle (c) DIE ZEIT 16.12.2004 Nr.52
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