Integration Raus aus der Glaubensfalle!
Muslime leiden an der Rückständigkeit ihrer Kultur – und flüchten sich in Groll und Aggression gegen den Westen. Ein demokratischer Islam darf den Koran nicht zu wörtlich nehmen
Plötzlich kamen die Erinnerungen an all die Gespräche in Sarajevo wieder, einige Jahre nach dem Bürgerkrieg. Die Gedanken gingen zurück zu all denen, die mir versicherten, die Gewalt sei vom Himmel gefallen; nichts habe darauf hingewiesen, dass Nachbarn, die lange friedlich nebeneinander gelebt hatten, plötzlich aufeinander losgehen würden. Ein Junge erzählte, wie er und seine Freunde einen Mitschüler vom Dach geworfen hatten, als dieser angefangen hatte, wie wild auf die einkaufende Menge in der Straße zu schießen. Erst als die Feindseligkeiten ausgebrochen waren und Tag und Nacht in der Stadt geschossen wurde, konnte man sich eine Vorstellung von der überall um sich greifenden Gewalt machen.
Amsterdam ist nicht Sarajevo, und die Niederlande sind nicht Bosnien. Wir dürfen die Realitäten nicht durcheinander werfen, und dennoch ist der Abstand in den vergangenen Wochen kleiner geworden. Wir haben nach der Ermordung Theo van Goghs durch einen radikalen Muslim und den Reaktionen, die darauf folgten, einen Eindruck davon bekommen, wie die Dinge aus dem Lot geraten können.
Die Muslime müssen es einsehen: Im Namen des Islams wird gemordet
Seit Jahren werden wir immer wieder mit Gewalt im Namen des Islams konfrontiert. Auch wenn viele Muslime es krampfhaft leugnen, die Anschläge von New York, Bali, Madrid, Istanbul, Beslan und jetzt auch Amsterdam werden für immer ein Teil der Geschichte des Islams sein. Es lässt sich nicht bestreiten: Im Haus des Islams wohnen auch gewalttätige Gruppen, die im Namen des Korans morden.
Die religiös motivierte Gewalt ist ein Hinweis auf eine tiefgreifende Krise. Die Hoffnungslosigkeit in der islamischen Welt ist groß und macht das Unvermögen deutlich, sich den Herausforderungen der Moderne zu stellen. Wir haben allen Grund, die Zerrissenheit der Glaubensgemeinschaft von anderthalb Milliarden Muslimen vorauszusetzen und ihre Auswirkungen ernst zu nehmen. Das große Drama spielt sich nicht in Europa, sondern woanders ab, in Ländern wie Pakistan, Ägypten, Saudi-Arabien, Marokko.
Wie man die Geschichte des Islams auch betrachtet, die Stagnation in den Kernländern dieser Religion steht außer Zweifel. Jeder spürt, dass der Mythos von der Blütezeit des Islams sich erschöpft hat: Eine Kultur, die ihre Legitimation aus einer fernen Vergangenheit ableitet, hat ihre Überzeugungskraft verloren. Nach langen Jahrhunderten des Imperialismus – mit allem, was dazugehört: Sklaverei, kulturelle Enteignung und brutale Herrschaft – kann man nun schon seit geraumer Zeit einen deutlichen Machtverlust der islamischen Welt beobachten.
Die Folge ist ein gespaltenes Selbstbild: Zwischen dem, was man für eine überlegene Kultur hält, und der sichtbaren Rückständigkeit im Vergleich zur westlichen Welt – in zunehmendem Maße auch im Vergleich zu vielen asiatischen Ländern – klafft ein unerträglicher Abgrund. Diese Tatsache will man nicht wahrhaben, aber sie gärt unterschwellig weiter. Und genau das verstehe ich unter dem Unbehagen im Islam: ein Zweifel an der eigenen Kultur und Religion, der nicht ausgesprochen wird und der sich darum einen Ausweg in Groll und Aggression sucht. Oder in einer Gelassenheit, die sich keiner Verantwortung stellt.
Die Folgen der Stagnation in der arabischen Welt sind für jeden sichtbar: eine beachtliche Migration, die noch weiter zunehmen wird. Schätzungen gehen davon aus, dass in zwanzig Jahren zwischen dreißig und vierzig Millionen Muslime in der Europäischen Union leben werden. Dadurch ist eine Situation entstanden, die man immer hat vermeiden wollen: dass sich nämlich eine große Anzahl von Muslimen dauerhaft in Europa niederlässt. Wie sollen sie dort als Minderheit unter Christen und Juden, unter Abtrünnigen und Ungläubigen leben? Kann ein Muslim in einer liberalen und säkularen Gesellschaft überhaupt existieren?
- Datum 16.12.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 16.12.2004 Nr.52
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