LITERARISCHES LEBEN Elfriede und Elfriede
Die Leistung Thomas Pynchons, dem Wunsch der Öffentlichkeit nach Entschlüsselung seiner Identität dauerhaft zu widerstehen, wird vielleicht noch übertroffen von der Leistung, die Öffentlichkeit diesen Wunsch im Lauf der Jahre nahezu vergessen zu lassen. Seine Anonymität ist zur stillen Selbstverständlichkeit geworden.
Vergleicht man diese Position des Nichterscheinens mit der Elfriede Jelineks – die, von persönlich-psychischen Motiven einmal abgesehen, jedes Recht der Welt besitzt, der Stockholmer Festivität fernzubleiben, der Nobelpreis wird nun mal für die Kunst des Schreibens, nicht für die des gekonnten Fracktragens vergeben –, lässt sich der Unterschied zwischen Radikalität und Konsequenz ermessen. Pynchons Modell ist das der radikalen Verweigerung. Jelineks Modell das der konsequenten Verlagerung. Sie tritt real nicht auf, dafür aber in überwältigender Videobildgröße und überrollender Verfügbarkeit als Interviewpartnerin umso mächtiger hervor. Ein Politiker, der es in zäher Arbeit geschafft hat, sich den Beinamen Medienkanzler zuzulegen, kann sich hier eine Schnitte abschneiden. Elfriede Jelinek, die wohl meist fotografierte deutschsprachige Schriftstellerin, seit je eine Meisterin etappenweiser Selbstinszenierung, zudem eine Meisterin des unterhaltsam markanten, zitierfähig originellen Interviews, hat sich geräuschvoll, aber eben konsequent, auf den Status eines Subjekts hinbewegt, das nur noch als Abbild erreichbar ist. Von der Vorführung ihrer Preisrede in der Schwedischen Akademie auf drei Leinwänden einmal abgesehen, kommen alle anderen Jelinek-Veranstaltungen momentan bestens mit Jelinek-Filmen, Jelinek-Videos und vergleichbaren Ersatzaktionen aus. Am Mittwochabend wurde im Berliner Literaturhaus Hanna Laura Klars Film Elfriede und Elfriede vorgeführt, eine Dokumentation über die Freundschaft zwischen Jelinek und der österreichischen Lyrikerin Elfriede Gerstl. Der Saal war ausverkauft. Zwei Tage später las in der Werkstatt des Berliner Ensembles die Schauspielerin Therese Affolter eine Fassung des Romans Lust, ein schauspielerisch bravouröser szenischer Monolog. Anschließend wurde das Video der Nobelpreisrede vorgeführt, das per Internet um die Welt geht. Der Saal war ausverkauft. Nicht jeder Zuschauer überstand die Rede, welche die literarische Intelligenzija sich in der vergangenen Woche Textfläche zu nennen angewöhnt hat, ohne Anfechtung durch Schlaf. Einige gingen, vermutlich waren es unscharf informierte Theaterbesucher, die damit gerechnet hatten, hier eine Übertragung der Nobelpreisverleihung mit Glanz und Gloria zu sehen, nicht eine in ihrem Wohnzimmer hinter einem Notenständer stehende, unbewegt ablesende Schriftstellerin. Aber es wurde anschließend mit Begeisterung geklatscht.
Denn auch darin ist Elfriede Jelinek konsequent: der Öffentlichkeit zu beweisen, dass sie, ob sie will oder nicht, fähig ist, sich in der Rolle eines Fernsehpublikums zu erschöpfen, das dem Verzicht auf das Original der realen Person regelrecht Ereignisspannung abgewinnt und reproduziertes Material, das heißt, ein monotones 20-Minuten-Video mit Geheimnisaura auflädt. Schon seltsam. In einem ihrer besseren, freieren, witzigeren Textflächen hätte Elfriede Jelinek vermutlich nicht auf den Vergleich mit der ikonographischen Situation Osama bin Ladens verzichtet.
Denn Verzicht ist in der Literatur und im öffentlichen Leben nicht gerade ihre Sache. Was ein wenig stört an ihrem Fernbleiben, ist der Begleitaufwand. Die nicht einmal, sondern x-mal abgegebenen Erklärungen zur psychischen Disposition, das dutzendfach geschilderte Tochterschicksal. Woraus sich dann doch der Eindruck einer gewissen Begeisterung für die eigene Präsenz ergibt. Und letzten Endes auch der Eindruck eines gewissen narzisstischen Zinnobers, schwankend zwischen ständiger Selbstherabsetzung und Kritikempfindlichkeit, zwischen Scheu und Selbstdarstellung. Wie auch immer: Elfriede Jelinek hat dem Nobelpreis einen Modernitätsschub versetzt. Nichts spricht dagegen, dass die Stockholmer auch auf ein Video noch verzichten und den Preis einem radikal Abwesenden geben: Thomas Pynchon, von dem Jelinek glaubhaft sagt, es schmerze sie, zu wissen, dass er den Literaturnobelpreis noch nicht bekommen habe.
- Datum 16.12.2004 - 13:00 Uhr
- Serie literarisches leben
- Quelle (c) DIE ZEIT 16.12.2004 Nr.52
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