STILLLEBEN MIT BUCH Die Sterne dieser einen ganzen Nacht

Der Blick geht nach Osten, seitdem Europa nicht mehr geteilt ist. Literatur aus Russland, dem Baltikum, vom Balkan, aus Ungarn erscheint in Fülle, ganze polnische und tschechische Bibliotheken werden ediert, gerade entdeckt der Buchhandel die Ukraine.

Doch auch andernorts in Europa lösen sich Grenzen weiter auf, gibt es Überraschungen. Der Zürcher Limmat Verlag macht seit vielen Jahren schöne Bücher, ein herausragend intelligentes Programm, wir haben schon des Öfteren sein Lob gefiedelt. Jetzt ist hier eine Anthologie erschienen, die eine etwas mühselige Bezeichnung trägt: Gegenwartslyrik im Grenzraum Schweiz Italien; der Titel ist umso schwereloser: Das Gewicht eines gewendeten Blattes / Il peso di un foglio girato.

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Acht Autoren werden vorgestellt – allesamt nach 1950 geboren –, die in der südlichen Schweiz oder im nördlichen Italien leben (oder mal in Italien und mal in der Schweiz leben oder gelebt haben) und ihre Gedichte auf Italienisch schreiben. Ihre Wege kreuzen sich allesamt im Tessin, insofern könnte man auch von Tessiner Literatur sprechen. Das allerdings mag provinziellen Beiklang haben – was völlig abwegig wäre: denn wenn diese Lyrik etwas nicht ist, dann provinziell.

Es sind erstaunliche Texte respektive Autoren. Einer von ihnen, Fabio Pusterla, ist im deutschen Sprachraum (dank Limmat!) kein Unbekannter, die meisten anderen Namen dürften dem deutschen Leser weniger vertraut sein. Acht verschiedene Wege, Stile sind hier versammelt, das versteht sich von selbst. Und doch gibt es Gemeinsames, wie die Herausgeber und Übersetzer Jacqueline Aerne, Orlando Budelacci und Thierry Greub bemerken: Es ist die Erfahrung der Grenze, der Sprach- und der Staatsgrenze, der sozialen Grenze, und das Verschwinden oder die Querung all dieser Grenzen in der Landschaft, in der Begegnung, der Bewegung. Es ist die Erfahrung von Endlichkeit und Auflösung aller Enden und Ränder. Es ist die Wahrnehmung der Linien, Wege, Zäune, Geleise. Der Übergänge, Nähte, Brücken.

Mal verfolgt der Blick eine Mauer, die weit in die Landschaft hineinläuft (Antonio Rossi, In der schiefen Ebene) , mal das Ohr den Klang eines Wortes: »Noch ist es nicht / Die Sprache des ja / Doch schon nicht mehr / Das si / Das klingt von da.« (Pietro De Marchi, Grenzbahnhof). Immer wieder geht es um die Gestalt der Nacht. »Die heranbrechende Nacht / fürchtet ihre eigene Dunkelheit, die Stille«, heißt es bei Alida Airaghi, »sie erfindet sich Lichter, Laternen, Quietschen / an Kreuzungen: sie verlangt nach Stimmen, / die allen zeigen, dass sie lebt.« Und in ihrem Galileo- Gedicht beschwört sie den dunklen Himmel als die große Entgrenzung: »Beim Umherschauen verliere ich mich. / Vor allem der Himmel zieht mich an und seine Sterne. / Diese eine ganze Nacht betrachten, bis der Tag / kommt und mich in meiner gewohnten Haut umschliesst.«

Airaghi wurde 1953 in Verona geboren, studierte in Mailand, unterrichtete viele Jahre in Zürich, sie lebt in Garda und Verona. Pietro De Marchi wurde 1958 in Seregno geboren, studierte in Mailand und Zürich, wo er heute zu Hause ist; in Neuenburg und Genf lehrt er Italienische Literatur. Das sind, sehr kompress, zwei der Viten, denen wir in diesem Buch begegnen. Sie zeigen Autoren, die zwischen den Sprachen leben und arbeiten. Doch finden wir kaum Reflexionen dazu, keine Zweifel am Instrument – dafür überall das sinnliche Detail. Denn da ist noch etwas, das diese Autoren bei allen Unterschieden im Stillen verbindet: eine gewisse Begabung zur Welt, in all ihrer Hässlichkeit, Schönheit, Sterblichkeit, Ewigkeit. Sie sind keine Idylliker, keine Verklärer der Natur, sondern skeptische Liebhaber, ohne Vertrauen. »Lass ihn zu«, ruft Fabio Pusterla in seinem Zugeständnis an den Winter, »lass ihn zu, diesen leuchtenden, / lauernden Winter, diesen Lichtunwinter: / schwebendes Schneegestöber, anhaltender / Westwind, vorsätzliche Brandstiftung.«

Eines der schönsten Gedichte beschließt den Band (in der Wiederholung auf dem Rückumschlag). Eine letzte Feier der Entgrenzung, der großen Anverwandlung. Ein letztes Lob der Metamorphose, die das offenbare Geheimnis allen Lebens ist. Dubravko Pu∆ek heißt der Autor, geboren 1956 in Zagreb, seit 1966 in Lugano zu Hause. Aus dem Kroatischen hat er übersetzt, aus dem Deutschen, dem Tschechischen und Jurassischen. »Kruno dorme« – »Kruno schläft. Er träumt / wie das Grün auf den Hügeln verweilt / und wie das Gelb sich zwischen / lichten Lilaflecken abschwächt. // Kruno schläft, Drachenwurz gegen Husten… / Er träumt von der Klapperschlange / und vom Salamander aus Madagaskar. / Er schläft und träumt von bengalischen Tigern. // Er träumt, das Leben zu leben, / das Leben des Löwenzahns, / des Wermuts, des Enzians.«

Das Gewicht eines gewendeten Blattes – Il peso di un foglio giratoGegenwartslyrik im Grenzraum Schweiz Italien, italienisch/deutsch; hrsg. und übersetzt von J. Aerne, O. Budelacci, Th. GreubJ. AerneO. BudelacciTh. GreubPolitisches BuchBuchLimmat Verlag2004Zürich24,50269J. Aerne, O. Budelacci, Th. Greub
 
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