DIE ZEIT: Über das Alter spricht man wie über einen großen Verlust, Lebensverlust, Lebensrestzeitverlust, Verlust der Lebenskräfte. Was heißt Alter für Sie?

Friederike Mayröcker: Ich kann nicht sagen, dass sich etwas verändert hat. Ich fühle mich nicht alt. Und manchmal geht es sogar so weit, dass ich wieder bloßfüßig in Deinzendorf herumlaufe als Kind. Und das ist nicht die übliche Erinnerung der Erinnerung des alten Menschen, sondern die Kindheit. Es ist das Gefühl, ich fange erst an. Manchmal denke ich, mein Leben beginnt überhaupt erst.

ZEIT: Heißt das, es gibt das Kind, einen Kern in einem selbst, der sich nicht verändert?

Mayröcker: Das ist richtig.

ZEIT: Gleichzeitig müssen doch die vielen Jahresringe, die man ansetzt, eine Veränderung bewirken. Was haben die Jahre mit Ihnen gemacht?

Mayröcker: Die Jahre sind einfach vergangen. Und man weiß eben nicht, wie. Ein Jahr vergeht so rasch. Dieses Jahr ist vorüber, dann ist das nächste Jahr vorüber. Und man denkt sich dann: Wie lange wird es noch gehen? Aber ich denke nicht viel an die Vergangenheit. Ich denke an eine Mischung von Gegenwart und Zukunft. Ich habe noch sehr viel vor.

ZEIT: Wenn Sie im Kern das ewige Kind sind, gibt es dann überhaupt Lebensepochen?