Theater
Alles nur gescannt
Eine wirre Datensammlung aus dem überfütterten Dramen-Computer: Marius von Mayenburgs neues Stück »Eldorado«in Berlin
Am vergangenen Wochenende wurde offenbar, dass die Berliner Schaubühne am Lehniner Platz inzwischen auf die mechanische Verfertigung von Dramentexten setzt. Zum Premierenapplaus verneigt sich der Autor Marius von Mayenburg, aber die eigentliche Arbeit hat ein Computer im Keller geleistet, der mit der gesamten Weltdramatik gefüttert wurde, dazu mit zehn Jahrgängen und einem Fuder Leitartikel. Anders lässt sich die Uraufführung des angeblich von Mayenburg stammenden Stücks durch Thomas Ostermeier nicht erklären, zu der hochrühmliche Schauspieler in einem symbolstarrenden Bühnenbild maschinenhaft nebeneinanderher spielten. Was an Schlagworten und Motiven zu einem schwerblütigen deutschen Hochkultur-Event gehört, war vorhanden. Nur eine Seele schien das Unternehmen nicht zu haben.
Trotzdem waren alle gekommen, um in diesem verwertungswütigen Text aufzutauchen: Ibsen (verheiratete Frau sehnt sich nach Freiheit). Strindberg (Hysterikerin quält ihren Gatten). Jelinek (Bomben auf Bagdad). Jelinek (Klavierspielerin mag nicht mehr). Ionesco (Menschen verschwinden in Schränken). Beckett (Menschen monologisieren auf Schränken). Tschechow (Kirschbaum bedeutet Heimat, abgesägte Birke bedeutet Verlust). Rinke (irre Bürohengste planen schöne neue Welt am Reißbrett, einer hängt sich auf). Man sieht sich in diesem Drama um wie im Beutelager einer Bande von Taschendieben. Welch Reichtum! Aber alles geklaut. So skrupellos kann nur eine Maschine das eingelesene Datenmaterial miteinander verspinnen. Intel inside.
Die gängigen Themen tauchten verlässlich auf: deutsche Wirtschaftsmisere, deutsches Selbstmitleid, böse Eltern, überreizte Kinder, Irak-Krieg, Bomben, Tod, Flüchtlingstragödie, Selbstmord im Wald, Sinnkrise, Größenwahn, Pleite, Fluch der Künstlerschaft, Eifersucht, Geilheit, Alter, Abschied, Trauer, Allzumenschlichkeit, Karpfen im Teich. Ächz! Die so genannten »Mayenburg«-Figuren pflegten eine synthetische Kunstsprache, die ebenfalls alle dramennotwendigen Zutaten enthielt: substantivische Überdeterminierung, rhythmische Überzeichnung und poetisches, alltagsfernes Großglockenläuten. Weil Literatur in Deutschland aparte Umstandskrämerei bedeutet, sprachen sie nicht von Hummern, sondern von »bemoosten Krustentieren«. Für den ersten Versuch eines dämonischen Computers war das alles gar nicht schlecht. Er wird lernen, besser werden und bald die Menschen schlagen – wie einst der Schachcomputer. Er verlangt keine Tantiemen, spart Arbeitsplätze und löst das Problem der Jungdramatikerschwemme. Hätte aber doch ein Mensch das Stück geschrieben, verriete es über den Autor nur eines: unzähmbaren Ehrgeiz.
Jan Pappelbaums Bühnenbild passte hervorragend zu diesem ersten deutschen Retortendrama: Sechs massive Eichenstämme stehen für die sechs Figuren. Viel trockenes Eichenlaub liegt vor einem Rundhorizont. Im Hintergrund dräut ein Flügel für vergänglichkeitsschwangeres Geklimper – eine großbürgerliche Seelen-Wohnzimmerlandschaft, die auch den Jägermeister in uns allen anspricht. Ein halbrunder Thingplatz als Frühstückszimmer.
Die Käuzchen rufen schon, bevor es anfängt. Dann treten alle Schauspieler vor uns hin, betten sich in diesen Wald und sehen uns erwartungsvoll an: Dieter Mann als morscher Wirtschaftslenker, Judith Engel als hysterische Klavierschülerin, Stephanie Eidt als Pianistin in der Krise, Matthias Matschke als ihr Würstchen von Ehemann, Ingrid Andree als ihre altersgeile Mutter, André Szymanski als deren skrupelloser Stecher. Die Handlung? Glattes Melodrama, Hauptprogramm. Das Erbe der Guldenburgs. Berlin ist Bagdad. Die Außenbezirke brennen. Die Aufständischen können mühsam niedergehalten werden. Die Bauwirtschaft wittert hohe Renditen. Der diabolische Unternehmer Aschenbrenner feuert seinen überehrgeizigen Angestellten Anton. Der will es seiner Frau nicht sagen, die prompt schwanger wird. Anton lungert arbeitslos in billigen Hotelzimmern herum und versinkt in der Betrachtung »bemooster Krustentiere«. Die Frau verdächtigt ihn des Techtelns mit der hysterischen Klavierschülerin. Der Schwiegermama täuscht er Anlagechancen vor. Investitionen werden im Nichts geplant und getätigt. Der ehemalige Chef geht Pleite und hängt sich auf. Die militärische Lage spitzt sich zu. Eine Birke wird gefällt. Als der fiese Gigolo und die Schwiegermama mit dem Anwalt drohen, greift auch Anton zur Wäscheleine. So zeigt uns die Schaubühne an diesem stumpfen Abend, dass auch die ganz oben ihre Nöte haben.
Der Formenwirrwarr ist erstaunlich: Da links, war das nicht eben ein französisches Konversationsstück? Wer hat jetzt auf das platte Fernsehmelodram umgeschaltet? Und immer wieder mal beginnt zwischen den Bäumen eine kleine Wagner-Oper – warum? Die Schauspieler retten sich in sich selbst hinein. Der Komiker Matthias Matschke hat nach Castorf und Marthaler bisher keinen Regisseur gefunden, der mit seinem Wahnwitz etwas anzufangen wüsste. Judith Engel funktioniert als Instant-Primadonna: In welche Inszenierung man sie auch stellt, sie dreht sich gleich verzückt um sich selbst, was immer schön aussieht. Stephanie Eidt dröhnt und blökt mit bewunderungswürdigem Durchhaltevermögen auf einem einzigen Ton. Und dazwischen sitzt Ingrid Andree wie ein unter lauter Modeschmuck verlorener Edelstein. Mit Würde. Und Tempo. Ihr entgleitet nichts.
Und über allen Eichenwäldern ein ständiges Raunen vom drohenden Untergang, der endgültigen Vernichtung durch eine gnadenlose Militärmaschinerie. Das will ungeheuer viel bedeuten. Die neue Schaubühne will die alte Schaubühne sein, beflissen und roboterhaft.
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 16.12.2004 Nr.52
- Empfehlen E-Mail verschicken | Bookmarks
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von: