Russland Die Unzertrennlichen
Russlands Präsident besucht Deutschland. Der Kanzler pflegt die Sonderbeziehung mit Putin. Dabei will er sich weder von der EU, von Polen noch von deutschen Kritikern stören lassen
Nicht jammern! Auf den Ehrendoktor in Hamburg muss Wladimir Putin bei seinem Besuch am 20. Dezember zwar verzichten. Aber der Kanzler hat ihn doch längst promoviert: Der Moskauer Freund, wird Gerhard Schröder zu beteuern nicht müde, steuere aus »innerer Überzeugung« ein demokratisches Russland an. Noch mehr: Putin adelte er zum »lupenreinen Demokraten«. Keiner in Europa ging weiter. Das war der Gipfel.
Bewunderung bis in die New York Times hinein löst der »Chefverkäufer der Bundesrepublik« Schröder aus. Wie er der Industrie zwischen Peking und Moskau Türen öffnet und dafür im Zweifel offen dem Waffenembargo Brüssels und Washingtons widerspricht! Wie er sogar die Franzosen schlägt beim Erobern neuer Märkte, toll! Misstrauen allerdings mischt sich bei den Amerikanern dann auch hinein. Sorgfältig listet jedenfalls die New York Times auf ihrer Seite eins auf, wie die Schröders die dreijährige Viktoria in Petersburg adoptierten oder dass das Ehepaar Putin zum 60. Geburtstag mit einem Kosakenchor in Hannover aufwartete, die Familienfeiern zu viert und die Sotschi-Idylle. Pendelt Schröder, pendeln vielleicht gar die Deutschen wieder zwischen Ost und West?
Die Sowjetunion ist tot, in Moskau liegt kein Schlüssel mehr
Einen superbehutsamen Kanzler hat man erlebt, als die jungen Leute in Lemberg und Kiew mit den orangefarbenen Schals auf die Straße gingen und Demokratie einklagten. Nein, weder von Joschka Fischer noch von Heinrich August Winkler will er sich zu viel typisch sozialdemokratische »Realpolitik« oder eine »neue Breschnew-Doktrin« vorhalten lassen, und barsch reagierte er zunächst auch, als Aleksander Kwásniewski ihn telefonisch drängte, Putin zum Einlenken in Kiew zu bewegen.
Schröder kennt seine Moskowiter. Eingekreist fühlen die sich vom »Westen«, und in Washington regen sich erste Stimmen, wonach Kiew nur die Etappe war, Moskau aber das Ziel ist! Erst spät korrigierte sich der Kanzler und schickte dem »Freund«, der die Ukraine ungeniert als sein Protektorat behandelt hatte, die Frage nach, ob der nicht aufs falsche Pferd setze. Es funktioniert doch!, wird Schröder jetzt seinen Kritikern entgegnen, denn tatsächlich hat Putin die Flucht nach vorn angetreten und wissen lassen, auch gegen einen EU-Beitritt der Ukraine habe er nichts einzuwenden.
Für die jungen Leute auf Kiews Straßen hatte sich Joschka Fischer früher und offener erwärmt als der Kanzler. Schröder fixiere sich zu sehr auf Putin, meint der Außenminister – ungewöhnlich direkt. Auf Fischers Tagesordnung allerdings steht das gesamte Osteuropa auch nicht ganz oben. Geradezu immun hat Schröder sich gegen Kritik an der »Sonderbeziehung« zu Putin gemacht. Russland ist Chefsache. Und da lässt er sich nicht hineinreden. Fortsetzung nächste Woche unter vier Augen in Hamburg und auf Schloss Gottorf. Das Leitmotiv hatten die Ostpolitiker Brandt und Bahr vorgegeben: »Der Schlüssel liegt in Moskau.« Längst sind die Systeme weg, in Moskau liegt kein »Schlüssel« mehr. Gerhard Schröder aber pflegt die Freundschaft so wie zu früheren Zeiten.
»Gerhard« und »Wladimir«: Eine besondere persönliche Note bekommt das schon deshalb, weil sie ohne Dolmetscher auskommen, im Zweifel sogar ohne note taker. Niemand redet ihnen hinein. Zumindest Schröder, der gern über die Fesseln für den Kanzler klagt, erlebt das ganz selten. Hier sitzt man sich im trauten Gespräch gegenüber auf Augenhöhe. Keine Parteien, keine Fesseln, alles Boss. Der Traum vom »deutschen Sitz« hat sich auf dieser Miniatur-Weltbühne schon ein bisschen erfüllt.
Eine Prise Bewunderung kommt sicher hinzu. Zwar lästert der Deutsche gern über die Alltagsmühle namens Demokratie, aber die hat er verinnerlicht, lupenrein. Der Russe, so vertraut er ihm ist, verkörpert zugleich auch das ganz Andere: ein Meister der Inszenierung, ein Profi auf allen Bühnen. In seinem Reich, oder was davon halt so übrig ist, da sind Chefsachen wirklich noch Chefsachen. Wenn er »Gerhard« am Flughafen abholt und sie in den Kreml rasen, entfaltet Moskau seine imperiale Ästhetik, als würde sich nie etwas ändern. Das hat was.
- Datum 16.12.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 16.12.2004 Nr.52
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