slums Die Fledermausmenschen von Manila
Familie Sitoy lebt in einer hängenden Hütte unter einer Brücke in der philippinischen Hauptstadt – so wie Tausende andere Menschen. Armut, Feuchtigkeit und Krankheit können ihr nicht den Überlebenswillen nehmen. Aber jetzt kommen die Bulldozer, um die Verschläge zu räumen
Einen Meter über Muchacos Ohr donnert ein Sattelschlepper über den Asphalt. Drei Meter unter Muchacos Nase treibt stinkender Müll im Wasser. Mitten auf Muchacos Bauch sitzt eine Kakerlake.
Muchaco schläft trotzdem.
Den halben Tag hat er mit den anderen Kindern gespielt. So wie sie hier eben spielen. Sie haben alte Zigarettenstummel gesammelt und sie mit den Fingern in eine Kuhle im Staub geschnippt, wie Murmeln. Sie haben mit einer Plastiksandale auf leere Schnapsflaschen gezielt. Sie haben prustend und strampelnd im öligen Fluss gebadet.
Mit nassen Haaren kam Muchaco nach Hause. Vorsichtig das Gleichgewicht haltend, ist er die für einen Fünfjährigen viel zu große Leiter nach oben geklettert und in den Verschlag gekrochen. Auf einem Stück Gummimatte hat er sich eingerollt, hat den Arm unter den Kopf und den Kopf zur Seite gelegt. Jetzt atmet er so ruhig, als ob er nie wieder aufwachen wolle. Das hat der kleine Muchaco früh gelernt: schlafen, wenn er müde ist. Und nicht erst, wenn das Dröhnen der Motoren aufhört, der Gestank sich verflüchtigt, die Fliegen nicht mehr wimmeln. Denn das hört nie auf. Nicht hier, in den Wohnungen der Fledermausmenschen.
Wer über die Brücke fährt, sieht diese Wohnungen nicht. Der sieht nur vier Fahrspuren und blauen Dieselqualm. Er sieht die rostigen Sattelschlepper und die voll besetzten Überlandbusse, die mit heiserem Hupen den Navotas überqueren, und wenn er sich umwendet, dann sieht er das schwarze, schmutzige Wasser dieses Flusses und den Müll, der sich an seinen Ufern verfängt.
Jeder Lastwagen, jeder Bus bringt die Brücke zum Beben. Dann zittert der Beton. Die Menschen in den Autos spüren das nicht. Aber die in den Hütten. Direkt unter der hundert Meter langen Fahrbahn hängen die Verschläge, untereinander, übereinander und nebeneinander, knapp über dem Wasser. Wie Fledermäuse, die sich zum Schlafen in den Stein gekrallt haben. Irgendjemand ist irgendwann dieser Vergleich eingefallen. Inzwischen kennt fast jeder im Zwölf-Millionen-Moloch Manila das Wort, und viele sprechen es mit mitleidigem Gruseln aus: bat people. Fledermausmenschen.
150.000 sollen es sein, die so leben, unter den Brücken, über den Kanälen und Flussarmen der philippinischen Hauptstadt Manila. Einer Stadt, die reich und arm, Erste und Dritte Welt zugleich ist. In den Bürovierteln haben gut bezahlte Architekten aus Glastürmen und künstlichen Wasserfällen ein Abbild Amerikas geschaffen. In den Villendörfern zeigen reiche Ausländer in klimatisierten Räumen hinter Mauern und Stacheldraht, dass auch in den Tropen schweißfreies Wohnen möglich ist. Dazwischen wuchern die Slums.
Vier Millionen Menschen drängen sich in den Elendsvierteln und wollen leben. Sie quetschen ihre Verschläge in die letzten Lücken, schachteln ihre Baracken aufeinander, bauen ihre Hütten an feuchte Hänge. Wer trotzdem keinen Platz findet, hat als Rettung nur noch die Brücke, die Welt der Fledermausmenschen. Von dort dringt selten einmal eine Nachricht in den sauberen, den kühlen Teil Manilas, und wenn doch, dann ist es keine gute. So wie neulich, als ein Kleinkind aus einer morschen Hütte unter der Fahrbahn ins Wasser fiel. Nach zwei Tagen hatten sie den toten Körper noch immer nicht gefunden. Das stand dann in der Zeitung.
- Datum 16.12.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 16.12.2004 Nr.52
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