FUSSBALL Die Asiawochen

Deutschlands Fußballnationalelf reist nach Japan, Südkorea und Thailand. Wie schön: Dort ist sie beliebt wie fast nirgendwo

In Japan und China ist es einfacher, ein Spiel der deutschen Bundesliga live im Fernsehen zu sehen, als in Deutschland. Die Fans in Deutschland benötigen dazu einen teuren Decoder, oder sie müssen sich in Fußballkneipen zwängen, die Fans in China oder Japan müssen nur das Staats- oder Kabelfernsehen einschalten. Der chinesische Sender CCTV überträgt dort jede Woche zwei Bundesliga-Spiele live, eines am Samstag und eines am Sonntag. Und in Japan kann man sich außerdem Diskussionsrunden zur Bundesliga angucken. Denn noch etwas unterscheidet deutsche und asiatische Bundesliga-Fans: In den Augen der chinesischen und japanischen Fußballfreunde gelten die deutschen Spieler, vor allem die deutschen Nationalspieler, nicht etwa als Verlierer oder EM-Versager, sondern als ehrbare Sportler.

Oliver Kahn zum Beispiel. Dessen Ansehen hat in Japan und in China anders als in Deutschland kaum gelitten. Er ist so bekannt in Japan, dass er in einem Werbespot auch dann zweifelsfrei erkannt wird, wenn er nicht etwa Fußball, sondern Basketball spielt, für die Shinki-Bank nämlich: Kahn springt und hechtet und hält den Basketballkorb einer Schulsporthalle sauber. Null Treffer stehen für null Prozent Zinsen der Bank. Dann sagt Kahn: »Oen shite kudasai«, bitte unterstützt uns. So reden Fußballspieler in Japan ihre Fans an. Kahn kann die drei japanischen Wörter gut brauchen, wenn die deutsche Fußballnationalmannschaft am Donnerstag im ersten Spiel ihrer Asientour gegen die japanische Auswahl im WM-Stadion von Yokohama aufläuft. Ohne ihn hier anzutreten wäre eine Beleidigung jedes asiatischen Fußballfans.

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Kahn ist der Star des deutschen Fußballs in Asien, eine überdimensionale Figur, wie es einst nur Franz Beckenbauer war, und er ist einer der wenigen Sportler überhaupt, die in der Welt der Sumoringer und Tischtennisspieler einen Werbespot allein tragen.

In Japan und China kennt fast jeder Fan die Szene, als Kahn nach dem Schlusspfiff im WM-Finale 2002 von Yokohama trauerte. Ein japanischer Fan beschreibt die Szene auf einer Internet-Seite, offenbar noch immer gerührt: »Olli winkte. Er schluckte Traurigkeit, Schmerzen und Wut. Und er winkte. Was für ein schöner, gelassener Verlierer!« In diesem Moment hat der deutsche Fußball in Asien an Ansehen gewonnen – eben nicht als Gewinner, sondern als guter Verlierer. Ist das Verlierenkönnen doch ein Charakterzug, der in Asien wichtiger ist als in Europa, und liebt man hier doch die Verlierer häufig mehr noch als die Helden, nicht nur im Sport, sondern auch im Theater, in unzähligen Mythen. Und vielleicht war vielen Chinesen dieser Verlierer-Kahn so sympathisch, weil sie selbst so häufig verlieren im Fußball.

Im Fußball, daran glauben auch die Chinesen, ist alles möglich. Und wer hat das bewiesen? Die Deutschen. Der WM-Sieg von 1954, der Einzug ins Finale von Yokohama 2002. Auch die junge Tokyoterin Noriko Tanoue erinnert sich gerne daran. »Kahn hatte damals verloren, aber er verharrte im Tor, standfest und tapfer – das war pure japanische Samurai-Ästethik.« Noriko Tanoue wird Kahn diese Woche am Flughafen in Tokyo begrüßen, mit ihm ins Hotel fahren, genau wie sie es während der WM 2002 getan hat, als sie die Deutschen ins Trainingslager von Miyazaki begleitete.

Eines versteht Noriko Tanoue nicht: »Warum denken die Deutschen so schlecht über ihre eigene Nationalmannschaft? Warum sind sie so pessimistisch?« Das Image vom deutschen Kraftfußball sei doch völlig falsch. Vielleicht, sagt sie, fehle den deutschen Fans jener Sinn für Bescheidenheit, der in Japan üblich sei. Der Fußball der Franzosen oder Spanier lebe vom Glanz des Einzelnen, sagt sie, der deutsche vom Dienst an der Mannschaft. Und so ist sie Deutschland- und FC-Bayern-Fan, weil die Spieler Kahn und Linke nicht allen modischen Quatsch mitmachen. »Gerade weil die Deutschen nicht mehr alle Blicke der Fußballwelt auf sich ziehen, bin ich stolz darauf, Deutschland-Fan zu sein«, sagt Noriko Tanoue.

In China und Japan überträgt das Fernsehen, in Südkorea hat jeder deutsche Nationalspieler mindestens eine Fanseite im Internet. Es gibt Hunderte von Netz-Gemeinschaften, einzelne haben 7000 Mitglieder, die sich ausschließlich mit deutschem Fußball beschäftigen: Der deutsche Kicker ist in koreanischer Übersetzung im Internet jede Woche nachzulesen, damit die Fans auch in Seoul erfahren, welcher Bielefelder Spieler die Schulnote Drei und welcher nur eine Vier erhielt. In Japan bietet die Seite Euronavi.net einen wichtigen Service an: Sie informiert nicht nur ausführlich über den Lebenslauf eines jeden Bundesliga-Spielers, sie berichtet auch über die Wetterverhältnisse im Dreisamstadion in Freiburg vor der Partie gegen Rostock. Wie treu diese Internet-Fußballfans sind, zeigte sich wenige Wochen nach der WM 2002. Als die Mitglieder der japanischen Fußball-Internet-Gemeinschaft Gerusupo davon erfuhren, dass die Elbe überschwemmt war, spendeten sie umgerechnet 10000 Euro an die deutsche Botschaft in Tokyo.

Nicht mehr ganz so junge Japaner, Koreaner und Chinesen wissen, was der heimische Fußball deutscher Hilfe verdankt. Zwei Namen, Cha Bum (Korea) und Yasuhiko Okudera (Japan), stehen für die Geburt des asiatischen Fußballs. Beide spielten in den siebziger und achtziger Jahren in der Bundesliga, sie waren die ersten asiatischen Fußballer, die international Erfolg hatten. Und dadurch haben sie den Sport zu Hause erst populär gemacht. Viele Fans sind auch noch immer dem Deutschen Klaus Schlappner dankbar, der Anfang der neunziger Jahre die chinesische Fußballnationalmannschaft trainierte und chinesische Spieler in die Bundesliga vermittelte.

Als im Mai 1999 der Stürmer Yang Chen im entscheidenden Spiel für Eintracht Frankfurt um den Bundesliga-Abstieg gegen den 1. FC Kaiserslautern spielte, saßen in China 100 Millionen vorm Fernseher. »Wegen Yang kannte damals jeder chinesische Fußballfan jede Bundesliga-Mannschaft«, sagt der Pekinger Sportjournalist Wang Yong Wang. In dieser Saison spielt kein Chinese in der ersten Bundesliga, aber die chinesischen Fans beobachten sehr genau, wie Zheng Zhi bei Hertha BSC zur Probe trainiert. Wenn sich Berlin hundert Millionen neuer Fans wünscht, müssen sie diesen Mann nur einstellen.

Der Pekinger Reisebüro-Mitarbeiter Cheng Fanglin, ein Amateurspieler, kennt einen weiteren Grund dafür, weshalb der deutsche Fußball dort so beliebt ist: Der deutsche Fußball stehe für Disziplin, und die sei es, was der Fußball in China benötige, wo es ähnlich wie in Deutschland kaum Straßenfußballer gibt, dafür aber umso mehr Fußballschulen.

»Stars wie Ronaldo und Zidane wird es bei uns nicht geben. Unsere Profis lernen früh, sich in die Mannschaft einzufügen. Ihr Individualismus wird nicht gefördert«, sagt Cheng Fanglin. Vergleichbares lässt sich über Japan und Südkorea sagen: Dort ist Fußball heute der populärste Schulsport, knapp eine Million Kinder spielen in Schulmannschaften, oder besser gesagt: Sie werden darin strengstens unterrichtet – warum sollte es auch auf dem Fußballfeld plötzlich lockerer zugehen als im Klassenzimmer?

Doch für alle Zeiten sicher können sich die deutschen Fußballer ihrer Anhängerschaft in China nicht sein. Die jungen Chinesen halten anders als die, die sich an Klaus Schlappner erinnern, gar nicht mehr so viel von guten Verlierern. Nach der Öffnung des Landes sind sie vor allem von Individualisten fasziniert, von Stars. Seit im vergangenen Jahr Real Madrid mit Beckham in Peking zu Gast war, sind die Deutschen spürbar weniger interessant: Schon stehen auf dem chinesischen Fußball-Lottoschein nur noch zwei Bundesliga-Spiele, vormals waren es immer mindestens vier.

Mitarbeit: Eun-Ha Hwang

* Kaum ist die Hinrunde der Fußballbundesliga beendet, fährt die deutsche Nationalmannschaft zu einer Reihe von Testspielen durch Asien. Jürgen Klinsmann nimmt neben Oliver Kahn auch einige in Asien weniger bekannte Spieler mit, etwa Marco Engelhardt vom 1. FC Kaiserslautern oder Patrick Owomoyela von Arminia Bielefeld. Die Mannschaft ist am Montag, 13.12., nach Japan geflogen, am Donnerstag, 16.12., spielt sie in Yokohama gegen Japan. Das Spiel wird in Deutschland von 12.10 Uhr an im ZDF übertragen. Drei Tage später, am 19. 12., spielen die Deutschen in Busan gegen Südkorea (11 Uhr mitteleuropäischer Zeit, ARD) und schließlich am 21. 12. in Bangkok gegen Thailand (12.30 Uhr mitteleuropäischer Zeit, ARD). In der ZEIT wird nächste Woche Moritz Müller-Wirth von der Asien-Reise der Fußballer berichten

 
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