Mädchenhaft Die WutlosenSeite 4/4

Im wahren Leben ist Wolke Hegenbarth sieben Jahre älter als Alex und seit zwei Jahren verheiratet; im wahren Leben wohnt sie mit ihrem Mann in einer 80-Quadratmeter-Wohnung. Im wahren Leben ist Wolke Hegenbarth in Sicherheit.

Sie war 15, als sie ihre erste Rolle in der RTL-Serie Die Camper bekam, sie sagt, dass sie damals eine Streberin gewesen sei, gut in der Schule, eine, die ihren Eltern keine Sorgen gemacht habe. Sie war in ihrem Leben dreimal betrunken, Drogen lehnt sie ab, sie raucht nicht, sie sagt: »Ich musste nie gegen meine Eltern rebellieren, es gab einfach keinen Grund. Die Vorschriften, die sie machten, habe ich alle akzeptiert, ohne Murren. Und als meine Eltern vorschlugen, ich könnte ja auch mit 16 ausziehen: Das wollte ich nicht.« Ihre Eltern haben sie früh zur Selbstständigkeit erzogen, ihr beigebracht, wie man mit Geld umgeht, solche Sachen. Heute hat sie eine Lebensversicherung. Wolke Hegenbarth sagt, dass sie ein sehr glücklicher Mensch sei. Und man hat das Gefühl, dass sie um dieses Glück eine Mauer gezogen hat, damit es bloß nicht angegriffen werden kann. »Ich lese keine Frauenzeitschriften. Die sagen einem doch nur, dass etwas im Leben fehlt oder dass das, was da ist, besser sein könnte: Der Sex ist nicht aufregend, man kann noch schlanker werden, die Karriere könnte steiler sein. Es geht nur um Mangel. Warum sagt eigentlich niemand: Es ist gut, so wie es ist. Sei zufrieden.«

Zufrieden. Kommt das dabei raus, wenn man sanft und nachsichtig ist? In dem Lied Geile Zeit singt Eva Briegel: »Hast du geglaubt, hast du gehofft, dass alles besser wird? Hast du geweint, hast du gefleht, weil alles anders ist?« In unserem Gespräch sagt sie, dass es ja heute eigentlich die Jungs seien, die es schwerer hätten als die Mädchen. »Jungs haben ständig den Stress, irgendeinem Bild zu entsprechen, von dem sie glauben, Mädchen würden Jungs so haben wollen. Wir haben es da einfacher. Wir können uns die Rolle, die wir spielen wollen, einfach aussuchen.«

Welche Rolle spielt Eva Briegel? »Das weiß ich nicht, es ist auf jeden Fall eine Mädchenrolle. Ich bin keine Frau, Frauen sind Mütter, Frauen tragen Verantwortung.« Sie überlegt kurz. »Eigentlich bin ich so eine Mischung. Eine Mischung zwischen Mädchen und Frau. Keine Ahnung, wie man das am besten nennt.« Vor zehn Jahren schien die Benennung einfacher, vor zehn Jahren gab es dafür einen Grund: Da gab es ein paar Mädchen, die wollten ihren Spaß und ihre Karriere haben, und dabei wollten sie gut aussehen und sexy sein, und wer sie deshalb für doof hielt, den redeten sie zu Boden. Und solchen Mädchen gab man den Namen »Girlies«. Und heute? Heute gibt es Eva und Wolke und Sarah und all die anderen, für die sich niemand einen Namen überlegt, und auch das wird einen Grund haben.

Denn vielleicht ist es gar nicht so großartig und aufregend und spannend, heute ein Mädchen zu sein. Vielleicht ist es einfach nur anstrengend, wenn man dauernd die Erwartungen erfüllen muss, die es für jede neue Mädchengeneration gibt. Vielleicht sind Eva und Wolke und Sarah und all die anderen einfach nur müde.

Und ängstlich. Weil sie – wie viele andere auch – Angst vor der Zukunft haben, geben sie sich mit dem zufrieden, was da ist. Damals war es anders. Damals konnten die Mädchen machen, was sie wollten, denn ein Mädchen zu sein, also jung zu sein, erfüllte bereits die Erwartungen. Mehr brauchte es nicht. Es gab damals keinen Grund, Angst zu haben, weil die Zukunft ein Versprechen an die Jugend war. Heute ist sie eine Warnung.

Sanft und nachsichtig. Es hört sich besser an als müde und ängstlich.

 
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