Mit dem Kind ging ich, als ich noch liberal war, häufig in das Grips-Theater. Es liegt in Berlin und ist das führende deutsche Kinder- und Jugendtheater. Seit Menschengedenken wird es von Volker Ludwig geleitet, einem Alt-68er, wie er im Buche steht.

Neulich hat nämlich eine 68er-Tochter, Anfang dreißig, einen Roman über die 68er herausgebracht, in welchem dieselben in wüster Weise als Heuchler heruntergemacht werden. Sie schreibt unter dem Pseudonym "Sophie Dannenberg" und soll ein bisschen durchgeknallt sein. Durchgeknallte Frauen finde ich meistens gut. In dem Buch schimpft sie auch über das Grips-Theater, in das ihre Eltern sie immer reingeschleppt haben. Da dachte ich, ach, es wäre interessant, wenn Sophie Dannenberg darüber im Berliner Tagesspiegel schreiben würde. Alle, die wir kennen, finden Grips super. Da möchte man doch allein aus intellektueller Neugier heraus mal eine Gegenmeinung hören.

Die Frau schrieb den Text. Er war gut formuliert. Es stand drin, dass man ihr die gesamte Kindheit hindurch eingeschärft habe, Autoritäten in Zweifel zu ziehen. Nun wolle sie diese Methode gerne auf das Grips-Theater anwenden. Sie schrieb sinngemäß, dass Grips den Kindern alle Vorbilder systematisch madig macht. So, dass als einzige gültige Autorität am Ende nur Grips selber übrig bleibt. Grips sei eine Art KPdSU des Kinderzimmers. Ich selber bin, wie gesagt, nicht dieser Meinung. Da dachten wir, starker Tobak, bitten wir Volker Ludwig um eine Erwiderung. Wir schickten Volker Ludwig den Text.

Er rief an. Er sagte, wenn das erscheint, bestellen Hunderte von Leuten die Zeitung ab. "Sie werden sehen!" Er denke nicht daran, auf diesen Text etwas zu erwidern, dazu sei der Text zu inkompetent. Dann kamen andere Kollegen aus ihren Zimmern und riefen, wir haben mit Ludwig geredet, er tobt. Wenn der Text erscheine, würde es verschiedene Arten von Ärger geben, die ich hier im Detail nicht ausführen werde, erst in meinen Memoiren. Der Text erschien trotzdem.

Ich bin seit Jahren nicht mehr politisch so erregt gewesen. Ich dachte: Sophie Dannenberg hat Recht, nein, in Wirklichkeit ist es noch schlimmer! Ich dachte: Wenn du dein Leben lang der Jugend kritisches Hinterfragen predigst, dafür gefeiert und mit Preisen behängt wirst, und dann kommt eine junge Person daher und will dich kritisieren, dich, den Großmogul des Kritisierens, und du versuchst, das zu unterdrücken, statt dich einfach nur zu ärgern, mehr noch, du fängst an zu drohen – zu drohen! –, du, der Kaiser des Antiautoritärseins, du, der Zar des befreiten Bewusstseins, dann bist du in meinen Augen schlimmer als ein Kardinal, der mit sieben mal sieben Prostituierten eine Sex- und Drogenparty feiert, denn der hat wenigstens Freude dran, hoffe ich jedenfalls, du aber bist einfach nur trostlos in deiner Verlogenheit. Ich dachte: Als ob es beim Recht auf Kritik darauf ankommt, ob sie ausgerechnet dem Kritisierten "berechtigt" oder "kompetent" erscheint. Ich dachte: Jetzt werde ich autoritär. Als Erstes habe ich meinem Kind verboten, jemals wieder das Grips-Theater zu betreten.