Bezeichnenderweise gibt es zur "Säkularisierung" keinen Gegenbegriff. Verweltlichung ist uns selbstverständlich, "Religionisierung" lernen wir gerade erst kennen. Zudem hat der Bedeutungsgewinn des Glaubens, der bei den Präsidentschaftswahlen in den so liberalen und kapitalistischen USA zu sehen war, unsere intuitive Annahme erschüttert, Glauben sei eine absterbende Angelegenheit. Im Gegenteil, weltweit erlebt Religion eine Renaissance. Und das aus Gründen, die tief gehen und Jahrhunderte wirken dürften.

Erstens:Regime, die Religion unterdrückt und durch Ideologie ersetzt haben, erleben eine Rückkehr des Glaubens, in Russland zunächst, nun in China.

Zweitens: Der Islamismus überformt vormals weltliche, nationale Konflikte, wie in Afghanistan, Palästina oder Tschetschenien. Er schwingt sich so zu einer dunklen Befreiungstheologie auf und avanciert zum großen Antagonisten des Westens – der sich im Gegenzug wieder christlicher definiert.

Drittens:Nicht zuletzt bewirkt die Bevölkerungsentwicklung, dass die gläubigeren Völker in Afrika, Asien oder Lateinamerika stärker wachsen. Die Religiösen werden immer mehr und immer jünger, Demografie ist gewissermaßen gläubig.

Dieser Trend beunruhigt uns, denn darin entwickelt sich auch ein globaler Wettbewerb der Fundamentalismen. Wie aber kann man darauf reagieren? Zwei entgegengesetzte Antworten werden gegeben: Man kann die europäische Variante einer ziemlich aufgeklärten Religiosität stärken – oder man kann versuchen, die Säkularisierung weiter voranzutreiben. Beide Antworten sind falsch, weil die Frage falsch gestellt ist. Der Glaube taugt heute nicht mehr als Instrument, man kann nicht religiös auf- oder abrüsten. Wer Religion instrumentalisiert, begeht Blasphemie. Die meisten Muslime wissen das noch nicht, die meisten Christen schon. Aus blutigen Erfahrungen haben sie gelernt, dass Glaube nur da frei ist, wo er in der Nachbarschaft von anderem Glauben wie von Unglauben existiert. Nur wenn es Alternativen gibt, ist das Bekenntnis echt.

Die Frage lautet also nicht: Wie reagieren wir religionspolitisch auf das Vorrücken der Religion? Sondern: In welchem Zustand trifft es uns an, wie sind wir gestimmt? Seit den achtziger Jahren erleben die Deutschen eine schleichende, aber folgenreiche Wende – die vom Nicht-mehr-glauben-Wollen zum Wieder-glauben-Wollen (aber oft nicht mehr können). Sogar der Exodus aus den deutschen Kirchen scheint gebremst. Die evangelische Kirche schrumpft nicht mehr schneller als die Bevölkerung insgesamt. Dass die spirituelle Wirkung unserer Ersatzreligion, der Ökonomie, abnimmt, mag ebenfalls zu einem neuen Blick auf den alten Glauben beitragen. Die Idee der Emanzipation von Gott jedenfalls – die Vorstellung, dass gläubige Menschen irgendwie zurückgeblieben sind, noch nicht richtig aufgeklärt – wird immer seltener vertreten. Seit einem Vierteljahrhundert läuft dieser Prozess einer bescheidenen, zweifelnden Rückwendung zum Christentum – und nun trifft auf dieses Labile ein militanter Glaube.

Nur, findet das Sich-Füllen des öffentlichen Raumes mit religiöser Energie auch eine innerliche Entsprechung bei den Menschen? Man ist in diesen Tagen vor Weihnachten versucht zu sagen: Ja natürlich, schaut doch hin! Wieder wollen mehr als die Hälfte der Deutschen die Weihnachtsmesse besuchen. Aber was wollen sie da genau? Sich den Gesang ins Ohr träufeln lassen? Sich die Kulisse für das längst schon entleerte Fest holen? Sicher auch. Doch ließe sich das per CD daheim besser machen, und auch sonst hat man in diesem Jahr mehr profanen Weihnachtskitsch zur Hand als je zuvor. Man käme am Heiligen Abend problemlos auch ohne Kirche und Gott auf den gewünschten Sentimentalitätspegel. Aber offenbar reicht das vielen nicht. Man möchte das Ganze doch irgendwie als echtes Glaubenserlebnis.