Archäologie Der Fluch des ÖtziSeite 3/3
Wie anders ist es zu erklären, dass zwar alle, die mit dem Steinzeitmann zu tun haben, angeben, »natürlich« keine Angst vor dem Fluch zu haben – aber zugleich, demonstrativ lachend, ihre Unschuld beteuern. »Ich habe nur gut von ihm gesprochen«, sagt die Museumsführerin. »Ich habe ihn immer nur angesehen, nie berührt«, sagt Professor Leitner aus Innsbruck. »Ich war bloß ein-, zweimal in seiner Zelle und habe ihn nur ein einziges Mal angefasst«, sagt Alex Susanna, der Bozener Museumsdirektor. Und Markus Egg vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz, der Ötzis Ausrüstung untersuchte, sagt: »Ich habe ihm nichts getan, nur einen Schuh ausgezogen.«
Machen da alle bloß den gleichen Scherz – oder steckt mehr dahinter? Ein schlechtes Gewissen vielleicht? Nein, das hat niemand. Eigentlich. Es geschieht alles im Dienst der Wissenschaft. Und doch: Ötzi ist ein Mensch. Und dem wird eine ganze Menge zugemutet. Es ist ja nicht nur, dass er in einer einsehbaren Zelle bei minus sechs Grad und nahezu hundert Prozent Luftfeuchtigkeit gelagert wird und eine feine Eisschicht ihn überzieht wie eine Packung Rahmspinat im Tiefkühlfach (die Amerikaner nennen ihn »Frozen Fritz«). Es sind ihm postmortal erhebliche Verletzungen zugefügt worden. Schon beim ersten unsachgemäßen, mit einem Schrämbohrer ausgeführten Bergungsversuch haute man Ötzi Teile des linken Beckens weg. Und neben der Pfeilspitze steckt in seinem Körper auch ein drei Zentimeter langes Stück Titan – bei der Endoskopie brach das Instrument in der linken Thoraxhöhle ab. Angesichts dieser Misshandlungen verwundert es auch nicht, wenn im Museum Leute in Ohnmacht fallen (in der Hochsaison zwei pro Woche). Sie kippen nicht vor Ötzis Leichnam um, sondern vor dem Video, in dem man sieht, wie die Wissenschaftler ihr Endoskop in die Mumiennase stecken, ein bisschen in der Lunge stochern und dann in die Bauchhöhle stoßen.
Hinter der »Angstlust« aber, die viele dem so schrecklich untoten Ötzi gegenüber verspüren, verbirgt sich noch mehr. Nämlich ein Atavismus, eine aus alten Zeiten überkommene Vorstellung. Das glaubt Markus Egg vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum, der Ötzis Beifunde untersuchte: »Menschen, die nicht richtig bestattet werden, die also nicht auf ordentliche Weise ins Jenseits kommen, gelten in den meisten Kulturen der Welt als gefährlich.« Sie sind dazu verdammt, auf Erden herumzuspuken, sie gehen nicht als gute Ahnen ins Totenreich ein. Darum zweifelt Egg am Tyrannenmord, wie ihn sich sein Innsbrucker Kollege Leitner vorstellt: »Selbst wenn Ötzi ermordet worden wäre, hätte man ihn begraben, um zu verhindern, dass sein Geist umgeht und Ärger macht.« Je bedeutender die Person, der man das Grab verwehrt, desto bedrohlicher ist der Wiedergänger, zu dem sie wird. »So erst würde Ötzi wirklich zum Tyrannen!« Egg glaubt vielmehr, dass sich vor 5300 Jahren unweit des Similauns zwei Stammesgruppen bekriegt haben. Dabei sei Ötzi verwundet worden, habe aber fliehen können. Erst hoch oben auf 3210 Meter Höhe erlag er seinen Verletzungen.
Ötzis blaue Augen betören selbst den Pathologen
Dass es den Menschen auch heute – mehr oder weniger bewusst – zu schaffen macht, dass der Gletschermann nicht anständig begraben ist, davon ist Ötzis Leibarzt, Eduard Egarter Vigl, überzeugt. Seitdem die Eismumie 1998 von Innsbruck nach Bozen kam, kümmert er sich um ihre Konservierung. Er war es auch, der Ötzis Verletzungen analysierte. »Dass man Tote nicht stören darf, haben wir alle als Moral verinnerlicht«, sagt Egarter. Grabfrevel ist ein Straftatbestand. Und weil Ötzi, also ein toter Mensch, nackt im Museum liegt und zur Begaffung freigegeben ist, regt sich in uns das Unbehagen. »Es ist etwas Schlechtes, den Toten nicht zu bestatten – das muss bestraft werden«, so lautet für Egarter die moralische Quintessenz der Geschichte vom Ötzi-Fluch.
»Wenn der unmittelbare Kontakt zur Mumie eine Rolle spielt, müsste ich das nächste Opfer sein«, sagt er. Er ist oft genug mutterseelenallein mit dem Toten. Sein Job als Pathologe und Gerichtsmediziner am Bozener Zentral-Krankenhaus erlaubt es ihm nur abends, die Leiche zu pflegen. Im Museum ist dann niemand mehr. Angst hat er nicht. »Höchstens, dass er mir zu Boden fällt, wenn ich ihn von einem Tisch auf den anderen hebe.« Egarters Fantasie läuft dann manchmal die 5300 Jahre zurück: »Was mag diesem Menschen zugestoßen sein? Welche fürchterlichen Schmerzen hat er in seinen letzten Stunden ertragen müssen?« Und deshalb sieht er auch keinen rachsüchtigen Tyrannen vor sich auf der Bahre. Im Gegenteil: Egarter schwärmt geradezu vom Flair, das Ötzi verbreite, wenn man in sein Gesicht blicke. Die Augen seien zwar eingetrocknet, man sehe aber noch, wie blau sie waren. Ansonsten kümmert sich der Arzt darum, dass Ötzi sein derzeitiges Gewicht von 16 Kilo hält, die Haut nicht noch mehr leidet (Ötzi ist so nachgedunkelt, dass man seine Tätowierungen fast nicht mehr erkennt) und dass sich weder Bakterien noch Pilze auf ihm tummeln. »Diese Pflege«, sagt Egarter, »nimmt er mir aber offenbar nicht übel.«
- Datum 22.12.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 22.12.2004 Nr.53
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