Medien Das süße Gift der Moral

Der Boulevard dringt auch in die seriösen Bastionen der Gesellschaft vor. Zu Weihnachten setzt er auf Ehe und Treue und sieht sich als Vorreiter konservativer Werte

Grau ist der Dezemberhimmel und kalt die Luft. Advent. Harald Juhnke lebt noch, und Michelle schweigt weiter. Die Bäume sind kahl, das Jahr neigt sich. Stoiber sagt, der Kanzler versage und Rot-Grün sei gescheitert. In Bochum herrscht Schüttelfrost, Opel hat schlechte Nachrichten. Tatjana Gsell und Prinz Ferfried gehen shoppen, und Uschi Glas ist endlich verliebt.

Über der Republik schwebt Hartz IV, und Ralf Schumacher und Stefan Raab versöhnen sich wieder. Die Ukraine steht kurz vor einem Bürgerkrieg, und Johannes B. Kerner plaudert mit Deutschlands Fernsehköchen. »Alles wird gut! Oder?« fragt Gala, und Nina Ruge sagt: »Alles wird gut.«

Kommet zusammen auf dem deutschen Boulevard, denn er wärme Euch und zeige Euch die Wege zum Glück nach einem Jahr voller Krieg, Karstadt, Opel, VW, Pisa, Sozialabbau und Agenda 2010. Der wahlkämpfende Jürgen Rüttgers lädt die Bunte für ein Vorweihnachtswochenende in sein Haus, Bild hat erkannt, dass Minu die Richtige für unseren Joschka ist, und der Kanzler weiht den stern und damit uns in seine Kindheit ein. Die Welt ist in Ordnung.

Welt, beschied der Philosoph Ludwig Wittgenstein, ist alles, was der Fall ist. Welt, tratscht der Boulevard, ist alles, worüber man spricht.

Der schrille Circus Maximus hat die Berliner Republik fest in der Hand, und die ZEIT konzediert nur zu gern: Der Boulevard ist wichtig! Er ist notwendig! Er stanzt uns das Glück! Er setzt auf eine immer konvertierbare Währung, deren Wechselkurs den höchsten Stand seit Jahren hat: die Emotion. Sie kann sich täglich von 16 Uhr 15 an zu entladen beginnen.

Was bisher geschah: Bianca und Oliver lieben sich heftig. Aber Oliver ist verlobt mit Judith, die von einem Afrikaaufenthalt zurückkehrt ist. Oliver ist der Sohn des Privatbankiers Alexander Wellinghoff. Dessen Frau Ariane organisiert Charity-Partys zugunsten blinder Menschen. Ihre Assistentin ist Katy, die hintertriebene Cousine von Bianca. Katy und Bianca leben in einer Wohnung. Dann kommt Omi Berger dazu und lehrt Bianca das Leben.

Kapitel 33. Bianca ist sehr traurig. Sie steht an einem Heuschober. Sanfte Gitarrenmusik erklingt. Ein Schwenk auf den raschelnden Baum.

»Zeit hilft einem weiterzumachen, zu leben«, sagt sie aus dem Off zu sich.

Omi: »Es geht immer irgendwie weiter.«

Omi soll Bianca ein Märchen erzählen. Omi sagt zu Bianca: »Hör auf dein Herz.«

Bianca: »Mein Herz will, dass der Schmerz aufhört.« (Der Schmerz des Erinnerns an die glückliche Zeit mit Oliver, Anm. d. Red.) Omi: »Träum vom Aschenputtel.«

Während eines Stadtbummels läuft Bianca zufällig Oliver und Judith über den Weg. Die Begegnung schmerzt Bianca so sehr, dass sie Hals über Kopf die Entscheidung trifft, in eine andere Stadt zu ziehen. Wird sie es auch wirklich tun?

Bianca ist die Telenovela des ZDF und die erste im deutschen Fernsehen überhaupt. Sat.1 (»Powered by emotion«) wird im kommenden Februar nachziehen (»Verliebt in Berlin«), RTL arbeitet an einem Konzept, die ARD hat einen Pilotfilm in Auftrag gegeben. Die monothematische, auf 200 Folgen angelegte Sendung kommt montags bis freitags um 16 Uhr 15, dauert 45 Minuten und ist ein Quotenhit: täglich zwei Millionen Zuschauer, Marktanteil 16 Prozent. Bianca versorgt den narzisstisch gekränkten, verunsicherten, verängstigten Bürger seit acht Wochen von Grund auf mit Romantik, Ruhe und Berechenbarkeit. Es ist der Groschenroman des Fernsehzeitalters, es geht um wahre, reine, ungetrübte Gefühle. Öffentlich-rechtliche Romantikgrundversorgung für 16 Euro 15 monatlich.

Die Telenovela ist ein neues Schaufenster auf dem Boulevard, ein weiteres zur Ausbeutung von Gefühlen durch Bereitstellung von Emotionen. Der Boulevard ist da, wo Aufmerksamkeit ist. Wo es schreit, schrillt und tönt. In der Mediengesellschaft kommen die Tonlagen und Themen der öffentlichen Rede auf dem Boulevard zusammen; er ist das nationale Treibhaus: An ihm lässt sich die Temperatur der Gesellschaft ablesen. Fast alles ist öffentlich. Fast alles ist soft. Fast alles ist Boulevard. Die Boulevardisierung der gesamten Gesellschaft ist unübersehbar. Der Boulevard schafft ständig neue Mythen, die sodann zum Stoff der öffentlichen Rede werden, zum Epos.

Anfang Dezember sieht es so aus, als gebäre der Boulevard das Epos der verzweifelten Schlagerprinzessin Michelle, die am Ruhme zerbrach. Michelle: das ist das Lied Wer Liebe lebt, der erfolglose Grand-Prix-Auftritt 2001 und dennoch Millionen verkaufte Scheiben, das war die Geschichte von vergrößerten Brüsten und unglücklicher Liebe. Michelle, 32, deren bürgerlicher Name Tanja Oberloher ist, sei, so lässt uns die Titelseite der Bunten vom 2. Dezember wissen, verarmt, einsam und krank. Aber sie kämpft! Tanja Oberloher vertraut dem Boulevard-Interviewer Paul Sahner an, dass sie sich habe umbringen wollen.

Ein Auszug: »Michelle, warum wollten Sie sterben?«

»Ich war zerrissen. In meiner Seele kämpfte Tanja gegen Michelle. Vielleicht wollte ich Michelle umbringen, um nur noch als Tanja zu leben. Ich wurde nicht fertig mit dieser Michelle, die immer nur stark sein musste. Ich hatte mein ganzes Leben nach Liebe gesucht. Doch bei fast allen Männern hatte ich das Gefühl, dass sie nicht Tanja liebten, sondern Michelle, den Star. Besonders Matthias Reim ließ mich das spüren.«

»Es ging also um Leben und Tod. Sie wurden in die Bonner Uniklinik eingeliefert. Es muss eine schlimme Zeit für Sie gewesen sein.«

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