Medien Das süße Gift der Moral

Der Boulevard dringt auch in die seriösen Bastionen der Gesellschaft vor. Zu Weihnachten setzt er auf Ehe und Treue und sieht sich als Vorreiter konservativer Werte

Grau ist der Dezemberhimmel und kalt die Luft. Advent. Harald Juhnke lebt noch, und Michelle schweigt weiter. Die Bäume sind kahl, das Jahr neigt sich. Stoiber sagt, der Kanzler versage und Rot-Grün sei gescheitert. In Bochum herrscht Schüttelfrost, Opel hat schlechte Nachrichten. Tatjana Gsell und Prinz Ferfried gehen shoppen, und Uschi Glas ist endlich verliebt.

Über der Republik schwebt Hartz IV, und Ralf Schumacher und Stefan Raab versöhnen sich wieder. Die Ukraine steht kurz vor einem Bürgerkrieg, und Johannes B. Kerner plaudert mit Deutschlands Fernsehköchen. »Alles wird gut! Oder?« fragt Gala, und Nina Ruge sagt: »Alles wird gut.«

Kommet zusammen auf dem deutschen Boulevard, denn er wärme Euch und zeige Euch die Wege zum Glück nach einem Jahr voller Krieg, Karstadt, Opel, VW, Pisa, Sozialabbau und Agenda 2010. Der wahlkämpfende Jürgen Rüttgers lädt die Bunte für ein Vorweihnachtswochenende in sein Haus, Bild hat erkannt, dass Minu die Richtige für unseren Joschka ist, und der Kanzler weiht den stern und damit uns in seine Kindheit ein. Die Welt ist in Ordnung.

Welt, beschied der Philosoph Ludwig Wittgenstein, ist alles, was der Fall ist. Welt, tratscht der Boulevard, ist alles, worüber man spricht.

Der schrille Circus Maximus hat die Berliner Republik fest in der Hand, und die ZEIT konzediert nur zu gern: Der Boulevard ist wichtig! Er ist notwendig! Er stanzt uns das Glück! Er setzt auf eine immer konvertierbare Währung, deren Wechselkurs den höchsten Stand seit Jahren hat: die Emotion. Sie kann sich täglich von 16 Uhr 15 an zu entladen beginnen.

Was bisher geschah: Bianca und Oliver lieben sich heftig. Aber Oliver ist verlobt mit Judith, die von einem Afrikaaufenthalt zurückkehrt ist. Oliver ist der Sohn des Privatbankiers Alexander Wellinghoff. Dessen Frau Ariane organisiert Charity-Partys zugunsten blinder Menschen. Ihre Assistentin ist Katy, die hintertriebene Cousine von Bianca. Katy und Bianca leben in einer Wohnung. Dann kommt Omi Berger dazu und lehrt Bianca das Leben.

Kapitel 33. Bianca ist sehr traurig. Sie steht an einem Heuschober. Sanfte Gitarrenmusik erklingt. Ein Schwenk auf den raschelnden Baum.

»Zeit hilft einem weiterzumachen, zu leben«, sagt sie aus dem Off zu sich.

Omi: »Es geht immer irgendwie weiter.«

Omi soll Bianca ein Märchen erzählen. Omi sagt zu Bianca: »Hör auf dein Herz.«

Bianca: »Mein Herz will, dass der Schmerz aufhört.« (Der Schmerz des Erinnerns an die glückliche Zeit mit Oliver, Anm. d. Red.) Omi: »Träum vom Aschenputtel.«

Während eines Stadtbummels läuft Bianca zufällig Oliver und Judith über den Weg. Die Begegnung schmerzt Bianca so sehr, dass sie Hals über Kopf die Entscheidung trifft, in eine andere Stadt zu ziehen. Wird sie es auch wirklich tun?

Bianca ist die Telenovela des ZDF und die erste im deutschen Fernsehen überhaupt. Sat.1 (»Powered by emotion«) wird im kommenden Februar nachziehen (»Verliebt in Berlin«), RTL arbeitet an einem Konzept, die ARD hat einen Pilotfilm in Auftrag gegeben. Die monothematische, auf 200 Folgen angelegte Sendung kommt montags bis freitags um 16 Uhr 15, dauert 45 Minuten und ist ein Quotenhit: täglich zwei Millionen Zuschauer, Marktanteil 16 Prozent. Bianca versorgt den narzisstisch gekränkten, verunsicherten, verängstigten Bürger seit acht Wochen von Grund auf mit Romantik, Ruhe und Berechenbarkeit. Es ist der Groschenroman des Fernsehzeitalters, es geht um wahre, reine, ungetrübte Gefühle. Öffentlich-rechtliche Romantikgrundversorgung für 16 Euro 15 monatlich.

Die Telenovela ist ein neues Schaufenster auf dem Boulevard, ein weiteres zur Ausbeutung von Gefühlen durch Bereitstellung von Emotionen. Der Boulevard ist da, wo Aufmerksamkeit ist. Wo es schreit, schrillt und tönt. In der Mediengesellschaft kommen die Tonlagen und Themen der öffentlichen Rede auf dem Boulevard zusammen; er ist das nationale Treibhaus: An ihm lässt sich die Temperatur der Gesellschaft ablesen. Fast alles ist öffentlich. Fast alles ist soft. Fast alles ist Boulevard. Die Boulevardisierung der gesamten Gesellschaft ist unübersehbar. Der Boulevard schafft ständig neue Mythen, die sodann zum Stoff der öffentlichen Rede werden, zum Epos.

Anfang Dezember sieht es so aus, als gebäre der Boulevard das Epos der verzweifelten Schlagerprinzessin Michelle, die am Ruhme zerbrach. Michelle: das ist das Lied Wer Liebe lebt, der erfolglose Grand-Prix-Auftritt 2001 und dennoch Millionen verkaufte Scheiben, das war die Geschichte von vergrößerten Brüsten und unglücklicher Liebe. Michelle, 32, deren bürgerlicher Name Tanja Oberloher ist, sei, so lässt uns die Titelseite der Bunten vom 2. Dezember wissen, verarmt, einsam und krank. Aber sie kämpft! Tanja Oberloher vertraut dem Boulevard-Interviewer Paul Sahner an, dass sie sich habe umbringen wollen.

Ein Auszug: »Michelle, warum wollten Sie sterben?«

»Ich war zerrissen. In meiner Seele kämpfte Tanja gegen Michelle. Vielleicht wollte ich Michelle umbringen, um nur noch als Tanja zu leben. Ich wurde nicht fertig mit dieser Michelle, die immer nur stark sein musste. Ich hatte mein ganzes Leben nach Liebe gesucht. Doch bei fast allen Männern hatte ich das Gefühl, dass sie nicht Tanja liebten, sondern Michelle, den Star. Besonders Matthias Reim ließ mich das spüren.«

»Es ging also um Leben und Tod. Sie wurden in die Bonner Uniklinik eingeliefert. Es muss eine schlimme Zeit für Sie gewesen sein.«

»Lachen Sie mich nicht aus, wenn ich Ihnen jetzt erzähle, dass ich diese zehn Tage in der geschlossenen Abteilung zu den schönsten meines Lebens zähle. Da liefen nur Wahnsinnige rum. Aber ich fühlte mich total wohl. Ich war ungeschminkt ...«

Am selben Tag war auf der Seite 1 der Bild-Zeitung oberhalb des Bruchs zu lesen: Dachzeile: »Schlagerstar Michelle ? Selbstmord-Versuch«

Titelzeile: »Ich wollte sterben!«

Text: »Wie verzweifelt muss diese Frau gewesen sein? Schlagerprinzessin Michelle (32) gesteht, dass ihr angeblicher Zusammenbruch im Mai in Wahrheit ein Selbstmordversuch war.«

Nach »Der Hartz-IV-Inspektor greift ein« folgt auf Seite 4 die »erschütternde SelbstmordBeichte«. Titel: »Warum wolltest Du sterben, Michelle?«

Nach einem Quellenverweis auf Bunte fragt Bild Michelle direkt: »Warum wollten Sie sich umbringen?«

»Ich litt unter Depressionen und hatte meinen ganzen Lebensmut verloren, wollte eigentlich nur noch sterben ...«

»Wie wollten Sie sich umbringen?«

»Ich bitte um Verständnis, dass ich jetzt einfach noch nicht darüber reden möchte.«

Neben dem Interview mit Michelle ist auf derselben Seite eines mit Helmut Zilk abgedruckt. »Die Null-Sex-Ehe - Jetzt spricht Dagmar Kollers Ehemann.« Eine Woche später sind Dagmar Koller und Helmut Zilk das Titelthema der Bunten: »Warum unsere Ehe ohne Sex glücklich ist.« Dagmar Koller (blond) hat ein Buch geschrieben. Darin gesteht sie, elf Jahre lang nicht mit ihrem Mann geschlafen zu haben. Andere Prominente diskutieren über Liebe und Lust. Ein neuer Boulevard-Epos bahnt sich an.

Am späten Nachmittag des 2. Dezember greift das ARD-Boulevard-Magazin brisant Michelles Selbstmordversuch auf. Natürlich kann es sich auch die ZEIT nicht leisten, eine nationale Sage zu verschlafen, und will wissen, wie es Michelle geht. Sie ruft bei ihrem Manager an und erfährt mit Bedauern: Michelle wolle nicht mehr darüber sprechen, wie sie sich habe umbringen wollen. Einen Moment lang sah es so aus, als würde Michelle zum Sprechthema schlechthin werden, zum neuen Epos, nach der Art: Ganz Deutschland diskutiert über Michelles Selbstmordversuch!

Als würde sie in die Verwertungskette des Boulevards geraten: Bild springt auf Bunte oder Bunte auf Bild, blitz springt auf Bild, RTL-Exclusiv greift das Thema eine halbe Stunde später auf, am Tag darauf ziehen brisant, Hallo Deutschland oder Leute heute nach, ehe mit Berufung auf Bunte, Bild, RTL oder Hallo Deutschland die »Panorama«-Seite der Süddeutschen Zeitung den Sachverhalt zusammenfasst und später, Tage nach Neue Revue und Frau im Spiegel, BunteKonkurrent stern eine »People-Geschichte« bringt, ehe wir Michelle bei einem Einfühlsamkeit simulierenden Johannes B. Kerner sehen, woraufhin Bild in enger Kooperation mit Kerner neue Enthüllungen preisgibt, auf die wiederum die Bunte aufspringt und dann Explosiv (RTL) und schließlich vielleicht Sabine Christiansen mit Hans Eichel, Guido Westerwelle, Hans-Olaf Henkel und dem Parteienforscher Jürgen Falter diskutieren könnte, ob Selbstmord eine Lösung für Probleme in Hartz-IV-Zeiten ist, was schließlich auch das nachrichtliche Boulevard-Magazin Spiegel nicht ignorieren kann.

Die Aufmerksamkeitsökonomie des Boulevards ist berechenbar. Die auf bestimmte Schlüsselreize ausgerichteten Magazine greifen eine Nachricht auf, die allein durch ihren Abdruck Nachrichtenwert bekommt und in die Verwertungskette gerät. So entsteht ein inszeniertes Drama, dessen wohldosierte Akte täglich zu verfolgen sind. So hat das Publikum auch im Dezember 2004 das angenehme Gefühl, unmittelbar den Tragödien wie auch dem Glück der Boulevard-Darsteller beizuwohnen (wobei eine gewisse Empörung nicht zurückzuhalten ist, seit dem Nikolaustag nichts über den großen Dieter Bohlen erfahren zu dürfen). Fernsehzuschauer und Zeitschriftenleser vermeinen, besonders in der besinnlichen Adventszeit, auf dem Boulevard unmittelbar etwas für die Gesellschaft Bedeutsames zu erleben. Der Boulevard hilft, Menschen ins Gespräch zu bringen. Er liefert der Gesellschaft Gesprächsstoff und erfüllt seine Funktion als sozialer Kitt.

Am 3. Dezember ist in der Bild-Zeitung weder etwas über Michelle noch über Sabine Christiansens angebliche Teilhabe an einem Berliner Hundesalon zu lesen. Die Epenmacher vom Axel-Springer-Platz versuchen es lieber mit dem Streit zwischen »Porno-Ralle« Ralf Schumacher (der sich beim Erotikunternehmen Beate Uhse eingekauft hatte) und dem TV-Totalisten Stefan Raab, dessen Humor bei dem Rennfahrer partout nicht ankommt, der also mit einer Millionenklage droht. Porno-Zoff! titelt die Zeitung, während eine kleinere Schlagzeile der Seite 1 beklagt: Schon 6 Mio Arbeitslose! Weiter hinten spricht Heidi Klum über ihren Sex und ihren »schiefen Busen«. Und dann erfährt der Leser, dass Harald Juhnke in der Klinik sei und einen Lungen-Virus habe (»Wird er wenigstens Weihnachten noch erleben?«). Die Boulevard-Macher in den Fernsehanstalten wetten auf den sterbenden Harald Juhnke als großes Dezemberthema.

Harald Juhnke bleibt bis auf weiteres am Leben, und wir reisen nach München, um den berühmten Interviewkönig der Bunten in seinem Wohnzimmer zu treffen. Im Exklusiv-Interview mit der ZEIT erzählt Paul Sahner, wie Michelle in diesen Tagen erneut zur öffentlichen Figur werden konnte.

Ein kurzer Auszug: »Ist es überhaupt noch zeitgemäß, Michelle zu bringen?«

»Das haben wir uns auch gefragt.«

»Und dann fanden Sie: durchaus.«

»Ja, durch die Dramatik ihrer Geschichte. Ich habe gehört, dass die Chefredaktion bei Bild stinksauer war, dass wir das haben.«

»Wie kamen Sie an Michelle? Uns gelingt es nicht.«

»Wir hatten von der Selbstmord-Sache gehört, ich rief ihren Manager an und fragte, ob Michelle darüber sprechen will.«

»Michelle will ja vor allem ein Comeback starten, im Februar soll ihre neue CD kommen und ihre Autobiografie veröffentlicht werden. Sind Sie vielleicht einer PR-Sache aufgesessen?«

»Nein. Wenn es eine Marketing-Strategie war, kam sie zu früh, das wäre ja dämlich.«

Paul Sahner ist Mitglied der Bunte-Chefredaktion und jener Mann, der den Deutschen die turtelnd planschenden Rudolf Scharping und Gräfin Pilati in Mallorca nahe brachte (»Rudi, wir können doch mal wieder ein Interview machen«), der jeden Dezember Professor Walter Jens zur Lage der Nation befragt und Joschka Fischer und seine Freundin Minu für das Traumpaar des Boulevards schlechthin hält. Aber warum nur? »Das ist die klassische Paarung Die Schöne und das Biest . In Fischer und Minu vereinen sich Macht, Schönheit, Intellekt und Erfolg, die stehen auf der Wunschliste jedes BoulevardJournalisten an erster Stelle.«

Seit Berlin Machtzentrum und damit Zentrum des politischen Boulevards ist, lässt sich eine enorme Aufrüstung der Emotionsindustrie feststellen. 3000 Journalisten tummeln sich im Regierungsviertel und müssen über irgendetwas berichten. Freie Mitarbeiter frisieren, um wahrgenommen zu werden, ihre Berichte, jeder Sender, jede Zeitung hat es gern exklusiv und schnell. Der immense Inszenierungsdruck produziert Verfälschungen. Grenzen zwischen Wahrheit und Fiktion schwinden.

Berlin, ein Bundestagsausschuss. Gleich wird eine Tür aufgehen. Der Pulk ist schon da. Die »Meute«: Korrespondenten, Berichterstatter, Reporter. Das »Gewühl«, wie sie sagen. Die Instrumente der Politikvermittlung richten sich aus: Mikrofongalgen, Stative, Kameras, Kabel, Aufnahmegeräte, Objektive, Linsen, Scheinwerfer. Draußen, auf der langen Straße der Ü-Wagen: Phoenix, n-tv, BR, ZDF, ARD, RTL, Sat.1, ProSieben, n24, private Produktionsfirmen, Radiosender. Erhöhte Aufmerksamkeit, leise Hysterie. Jeder Ton wird aufgenommen, jede Regung beurteilt, jedes Wort zigfach verbreitet werden. Frühstücksfernsehen, Nachrichten zur vollen, zur halben Stunde, dann 18:30, RTL aktuell, heute, tagesschau, heute journal, tagesthemen, Nachtjournale hier und dort. Für jeden Anlass die neueste Neuigkeit. Das außergewöhnliche Bild ist entscheidend, der eye catcher. »Wir müssen optisch aufgaggen«, sagt ein erfahrener Kameramann. Die Kameraleute sind fast wichtiger als die Reporter. Die Redaktionen wollen den optischen Gag, weil ihre Chefs die hohe Quote wollen. Gibt es keine Quote, akquirieren die Privatsender keine Werbung. Keine Werbung heißt kein Geld. Heißt schwierige Zukunft. Heißt Angst. Fällt die Quote bei den Öffentlich-Rechtlichen, droht ihnen die Gebührendiskussion durch ebenjene Politiker, die sich über den Circus Maximus ereifern.

Neben den privatwirtschaftlich organisierten Fernsehsendern hat auf einmal auch der kommerzielle Hörfunk die große Politik entdeckt. Da kommt ein Mann mit Akten, der aussieht wie etwas Bedeutendes, vielleicht ein Ausschussmitglied oder ein Generalsekretär. Junge Radioreporter drücken auf die Start-Taste und fragen bei Stop, wer der Interviewte gewesen sei. Politiker gehen lieber zu Kerner, als sich dem Kreuzverhör zu stellen. Kerner lässt sie menscheln. Das kommt an. Das sehen mehr; und emotionsvermittelnde Bilder sind stärker als Sachinformationen. Image ersetzt Inhalt.

Es ist kalt am 9. Dezember. Nichts Neues von Harald Juhnke, und Michelle schweigt sich aus. RTL stellt der ZEIT Gespräche mit zwei Programmverantwortlichen in Aussicht, und von 17.15 Uhr an herrscht der tägliche Krieg um die Arbeitslosen. Je mehr Arbeitslose, desto mehr Zuschauer vor den Schirmen. Je mehr Zuschauer, desto härter der Kampf um die Quote. Je härter der Quotenkampf, desto stärker der Originalitätsdruck. Je mehr einsame Herzen, desto mehr Berieselungsnot. Je mehr Boulevard-Sendungen, desto mehr Moderatoren. Je mehr Moderatoren, desto mehr »Stars«. Je mehr »Stars«, desto mehr feiert sich der Boulevard selbst.

An seinen gestanzten Mythen und Helden kann das Volk diskutieren, was richtig und falsch ist. Das hat weder moralische noch ethische Gründe. Dem Boulevard darf man nach Ansicht von Siegfried Weischenberg, dem Geschäftsführenden Direktor des Instituts für Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Hamburg und ehemaligen Vorsitzenden des Deutschen Journalistenverbandes, keinesfalls verschwörerische, sondern allein kommerzielle Absichten unterstellen. Je krisenhafter die Zeiten, desto heftiger der Kampf um Werbemärkte, desto seichter der Stoff. Boulevard ist das Virus, das alle befällt, die unter Erfolgsdruck stehen. Die Themenhierarchie des ZDF ist stark boulevardisiert, und einst seriöse Leitwölfe wie der Spiegel zelebrieren Sternchen. »Das geschieht unbewusst und schleichend«, sagt Weischenberg, »der Boulevard ist raffinierter und differenzierter geworden. Ganz große ethische Flops hat er sich - mit Ausnahme des Rufmordversuchs an der Schauspielerin Sibel Kekilli durch die Bild-Zeitung - in den letzten Jahren nicht geleistet.«

Der Boulevard ist dieser Tage auch im Bildungsbürgertum salonfähig geworden. In der BusinessClass von Lufthansa, wo vornehmlich Manager und Männer sitzen, sind Bunte und Gala bei Flugbeginn als Erstes vergriffen. Einen freut das besonders, weil sein Konzept der Distanzierung vom Boulevard bei gleichzeitigem Entertainment aufzugehen scheint: Peter Lewandowski, Gala-Chefredakteur, Schaarsteinstraße, 7. Stock, Hamburg, Hafenblick. Sein Heft versteht sich als ein »PeopleMagazin«, das Nähe zu internationalen Stars aufbaut und dieselben über eine längere Spanne verfolgt. Der Blick geht hauptsächlich nach Hollywood, Paris oder London. Galas melancholie- und hämefreien Dezemberhefte handeln also von Brad Pitts Versöhnung mit Jennifer Aniston, von Julia Roberts' Zwillingen, Prinz Harrys Liebeleien, vom dänischen Prinzenpaar Mary und Frederik, Nicole Kidmans neuer großer Liebe, dem ständigen Ärger der Beckhams mit irgendwem, von Mode, Kosmetik, Beauty, Filmpremieren, Vernissagen, Preisverleihungen in New York, Los Angeles und Barcelona. Uschi Glas oder Michelle sucht man vergeblich. Der Bunten hält Lewandowski vor, schmutzige Wäsche unter dem Deckmäntelchen der Nächstenliebe zu waschen. Kurzerhand stellt er dem Boulevard den Totenschein aus. Todesursache: Mangel an Menschlichem. Der Boulevard habe keine Zukunft. Zukunft habe Glaubwürdigkeit und Seriosität im Umgang mit Stars. Also mit Menschen. Gala ist das Heft der Sex-and-theCity-Generation, der selbstbewussten, sexbewussten, singlebewussten Dreißigerin. Wer es durchblättert, könnte auf die Idee kommen, das Leben sei gelungen.

Nachmittags meldet Hallo Deutschland, eine 81-Jährige sei ermordet worden, eine Lehrerin missbrauche Schüler, und Levkes Mörder sei gefasst. Eine Minute später geht in der ARD brisant auf Sendung und tut kund, ein dringend Tatverdächtiger im Fall Levke sei festgenommen, Hape Kerkeling werde 40 und ein Erfinder habe ein neues Handy entwickelt, um mit den Toten zu kommunizieren. Auf Sat.1 beleuchtet blitz Oliver Pochers weibliche Seite, spricht über die Ex-Miss-Ostdeutschland und den Zickenkrieg, geht auf Einkaufstour in Riga (»Schnäppchenmachen beim Weihnachtsshopping«) und hat herausgefunden, dass Jennifer Lopez heimlich in Berlin sei.

In diesen Tagen trägt sich unter anderem noch Folgendes zu: Der CDU-Parteitag diskutiert über Leitkultur, Integration und Patriotismus; Pisa II untermauert den Bildungsnotstand in Deutschland; deutsche Terrorbekämpfung wird ausgebaut; das Bundesverfassungsgericht hält den Bundestag an, seine Sitze im Vermittlungsausschuss neu zu verteilen; das ukrainische Parlament billigt endlich eine Verfassungsreform, der CDU-Politiker Arentz fällt über seine Gier, und Elfriede Jelinek bleibt der Nobelpreisverleihung fern. Die Diskussionen um Wohl und Wehe des EU-Beitritts der Türkei beginnen.

Kapitel 35. Oliver streichelt Küchenkacheln und kann Bianca nicht vergessen. Seine Schwester Sofia sagt: »Ich hoffe, dass ich auch mal jemanden finden kann, den ich so lieben kann.«

Oliver: »An einer Beziehung muss man immer arbeiten.«

Omi und Bianca sitzen in der Wohnung.

Omi: »Bereust du, ihm begegnet zu sein?«

Bianca: »Keine Minute. Mit ihm war ich lebendig. Mit ihm zusammen wäre ich glücklich geworden.«

Omi: »Man kriegt nicht immer alles, was man will.«

Bianca: »Soll das ein Trost sein?«

Es folgt schöne Gitarrenmusik. Es regnet in Strömen. Omi und Bianca brechen auf zum Bahnhof.

Bianca: »Vielleicht tauge ich nicht zum Glücklichsein. Nur zum Abschiednehmen ...«

Oliver rennt in den Regen. Er sieht Bianca. Er schreit: »Bianca!«. Sie stehen im Regen und sehen sich in die Augen. Sie zittern vor Liebe. Oliver sagt: »Bitte fahr nicht. Ich kann ohne dich nicht leben.«

Wird Bianca bleiben? Biancas Welt ist Boulevardtheater, das jeder versteht. Die Autoren haben den bewundernswerten Mut zum Klischee, zum Spießertum. Ironie gibt es nicht. Häme nicht. Lärm nicht. Es wird gemenschelt auf Gott komm raus.

München, Unterföhring, Medienallee 7. In der Redaktion »Boulevard« von ProSieben (73 Redakteure, 14 Chefs vom Dienst, täglich drei Sendungen: sam, taff, Prompt) hört man folgende Sätze: »Hier wird gearbeitet nach dem Motto Gib dem Fisch den Wurm, den er will .« Des Weiteren: »Wir können jetzt ganz offensiv mit Erotik umgehen, die Zuschauer haben keinerlei Berührungsängste mehr wie noch vor einigen Jahren, als alles Erotische absolut imageschädigend war.« Ein letzter: »Gefährlich wird es jetzt, weil die Newsmacher den Boulevard für sich entdeckt haben - die Boulevardformate werden newsiger, die Newsformate boulevardesker.« Man arbeitet auf Hochtouren am Ex-NoAngel Sandy, erzählt vom Weihnachtsstress der Göre Paris Hilton, trauert mit Gunter Gabriel auf seinem Hausboot, widmet sich Stefan Raabs Humorattacken und dem ersten Auftritt der von ProSieben (»We love to entertain you«) gemachten und dauerbegleiteten neuen »Popstarband« Nu Pagadi.

Ist der Boulevard in Wahrheit eine einzige Trivialisierungsmaschinerie? Wird durch Personalisierung und Emotionalisierung soziale Komplexität verdeckt? Werden politische Argumentationsketten zerstört? Ist der Boulevard Religionsersatz? Einige Thesen: Der Boulevard ist das Theater der postdramatischen Zeit. Oder: Der Boulevard ist Ersatz der Sonntagspredigt. Oder: Der Boulevard ermöglicht Katharsis, auf Angst und Wut folgen Erlösung und Heil. Kurzum: Kernerisierung des Fernsehens - Johannes B. Kerner, das Image des ZDF, symbolisiert die Auflösung der Grenzen zwischen hart und weich. Genau genommen ist Kerner deutsches Mittelmaß: Der nörgelt nicht, der fordert nicht, der interessiert sich nicht wirklich, der macht seine Arbeit, der soll ruhig über Bücher, Menschen, Fußballer reden. Kerner geht auf Kosten des kritischen Bewusstseins.

Der Boulevard, hat Siegfried Weischenberg der ZEIT mit auf den Weg gegeben, beute aus. Er versuche, Ängste, Vorurteile und Neid möglichst lukrativ auszuschlachten. »Der Boulevard der Gegenwart präsentiert uns eine immer hysterischere Welt, in der alles künstlich übertrieben wird: Glück, Pech, Verlust, Liebe.« Die Gesellschaft werde bewusst unterfordert; Boulevard signalisiere ein Wissen ohne Anstrengung. Wissen als Konsum. Wahres Wissen erfordert Tiefgang und Zeit. »Wir betrügen uns selbst, indem wir alles verkürzen und runterkürzen. Und die armen Schüler sollen dann komplizierte Texte lesen.« Medien sind mehr denn je kulturbildend. Das zum Thema Pisa.

Jeden Boulevard-Vermesser muss interessieren, was Dieter Lesche zu sagen hat. Er war von 1989 bis 1994 Chefredakteur Information von RTL, hat die Führungsriege der Privatsender in einem Buch als »glanzvolle Versager« tituliert und hat noch heute davon nichts zurückzunehmen. Er ist Teilhaber einer Fernsehproduktionsfirma in Köln und entwickelt derzeit neue Doku-Soaps für öffentlich-rechtliche wie private Anstalten.

»The Swan, Dschungel-Camp, Die Alm, Bachelor, Kämpf um deine Frau!: Ist der Boulevard am Ende?«

»Bei The Swan und den Schönheitsoperationen auf ProSieben ist ganz klar eine Grenze überschritten. Die Frage dahinter ist jetzt: Wie weit wollen wir eigentlich noch gehen? Diese Frage muss sich die Gesellschaft selber stellen, es wird ja niemand gezwungen, sich das anzuschauen. Fernsehen - das war immer Brot und Spiele.«

»Muss denn das Leben ausschließlich Entertainment sein?«

»Je komplexer die Welt, desto leichter muss die mediale Vermittlung sein, ja.«

»Wird der Boulevard also noch enthemmter, aggressiver, menschenverachtender?«

»Es wird vor allem immer allgegenwärtiger. Wir beobachten, dass inzwischen alle, aber auch alle auf die Karte Boulevard setzen. Punkt 6, Punkt 9, Punkt 12 auf RTL, das Frühstücksfernsehen, die news von Sat.1, das sind alles Boulevard-Sendungen. Boulevard hat sich auch bei den Öffentlich-Rechtlichen in die klassischen Nachrichtenformate geschlichen.«

»Das Niveau ist dauerhaft verflacht?«

»Warum versucht man aber auch immer, das Fernsehen als Bildungseinrichtung zu vergewaltigen? Es ist der Straßenköter unter den Medien!«

Wird alles gut? München, Medienpark, Unterföhring, ZDF-Straße 1. Hier sitzen die Leute von Leute heute. »Je heiler die Welt, desto besser«, ruft einer der Chefs vom Dienst dem Besucher zu. Klatsch, heißt das, gibt es seit der Antike. Bei Leute heute geht es nicht um Trends, es geht um Menschen. Nicht um Leute von gestern oder morgen. Es geht um den talk of the day. Die Vermutung liegt nahe, dies sei reiner Boulevard in Softform oder softer Boulevard in Reinform. Oh nein, wir machen keinen Boulevard, bescheidet Redaktionsleiter Peter Zock, der heutige Boulevard habe ein hässliches Schmuddelkleid übergezogen. »Sex im Fernsehen in seiner meist vulgären Art finde ich eine Zumutung.« Zock, nach Lage der Dinge ein Ästhet, verachtet das Niedere. Lieber bemüht er Begriffe wie Würde und Respekt als Grundlage seiner, worauf er wert legt, journalistischen Alltagsarbeit, die allerdings mit der Auswertung nicht nur von dpa, sondern auch der Bild-Zeitung beginne.

Bild walzt noch immer die Trassen des Boulevards, aber Bild schneidet immer schlechter ab. Zock nimmt das Blatt als Spiritus Rector für die eigene Branche nicht mehr so ernst. Schmuddel und Polittrash, mehr fällt ihm nicht ein. »Ich sehe mit größter Sorge den Trend einer zunehmenden Banalisierung, etwa wenn die Unfähigkeit der Leute zu reflektieren in Talkshows bewusst ausgeschlachtet wird oder wenn es direkt unter die Gürtellinie geht, wie zunehmend bei Stefan Raab und seiner Sendung TV total.«

Leute heute,so viel Eigenlob muss sein, sei das »erfolgreichste Boulevard-Magazin im deutschen Fernsehen«: vor brisant, vor Hallo Deutschland, Exclusiv undExplosiv auf RTL, taff, blitz und Prompt. Täglich schauen um die 2,8 Millionen Menschen zu (Marktanteil: zwischen 17 und 18 Prozent). Warum dies? Vielleicht, weil Hallo Deutschland als Sendung unmittelbar vorher viele Interessierte versammelt und den audience flow garantiert. Vielleicht, weil Nina Ruge ein vertrautes Fernsehgesicht ist. Vielleicht, weil sie glaubwürdig erscheint. Vielleicht, weil die Redaktion nach journalistischen Qualitätsmaßstäben arbeitet. Vielleicht, weil man leise Selbstironie pflegt und niemandem zu nahe tritt. Vielleicht weil Nina Ruges Einstellung zum Leben und der eigenen Person etwas, wenn es nicht gespielt ist, erfrischend Uneitles hat.

Nina Ruge ist just aus Wien gekommen. In ihrem Zimmer riecht es nach ätherischen Ölen.

Sie hat die Beine verschränkt. Als Champagner-Tussi der Bussi-Society versteht sie sich nicht. Den Begriff »Boulevard« will sie für sich nicht gelten lassen. »Wir machen Soft News, Neuigkeiten, die in Politik und Wirtschaft nicht stattfinden und die Menschen doch interessieren. Was wir machen, ist nicht wichtig, aber es ist nice to have.«

»Ist mittlerweile nicht alles easy und nice to have?«

»Mein Bedürfnis, harte politische Informationen zu bekommen, ist ebenso stark. Ich sehe das wertfrei und leidenschaftslos: Jeder muss das für sich entscheiden.«

Tatjana Gsell und Prinz Ferfried von Hohenzollern, derzeit Paul Sahners Boulevard-Lieblinge, finden in Leute heute ebenso wenig statt wie im australischen Dschungel aufeinander gehetzte, Kakerlaken essende »C-Stars« bei RTL. Mit Prominenz verbindet Nina Ruge etwas Hehreres: Leistung. »Wir würden Iris Berben einer Jenny Elvers immer vorziehen.«

Stars also. Stars sind neben den Allzweckkerners und Dauerjauchs, neben Überschwemmungen, Erdbeben, Hass, Mord und Totschlag eben doch die Leitwährung des Boulevards. Stars ersetzen Kontexte und Zusammenhänge. Ohne »Star« kein Boulevard. »Star«-Sein ist aber kein Ausweis des Genialischen mehr. Der »Star« wird gefertigt auf dem Fließband der Kultobjekte.

Ist Michelle ein richtiger Star? Wohl schon, sie hat etwas geleistet. Also wollte Leute heute über Michelle berichten, den Selbstmordversuch, wie es kommen könne, dass eine erfolgreiche, junge Frau sich umbringen will, was ein deutliches Licht auf die erbarmungslose Schlagerwelt werfe, aber die Leute heute-Leute wollten mit Michelle selbst reden, was an allem dran sei, und sie riefen den Manager an, doch weder der noch Michelle wollten mit dem ZDF sprechen. So habe man eben gar nichts über Michelle gebracht, was die ZEIT gut verstehen kann.

»Alles wird gut«, sagt Nina Ruge. Um 17.45 Uhr folgt die Sendung und danach die Kritik, und der Redaktionsleiter sagt, es sei eine gute Sendung gewesen, der Tag sei gut abgebildet und die Bilder gut präsentiert gewesen. »Über Liebe sprechen«, sagt er dem Besucher in die frostige Dunkelheit des Abends, »heißt bei uns, Leute berühren.«

Kapitel 36. Oliver: »Bitte, geh nicht weg, ich liebe dich!«

Bianca: »Es ist doch Wahnsinn.«

(Schnelles Atmen; er greift sie sich, und sie küssen sich.) Oliver: »Ich lass dich nie wieder gehen. Wir gehören zusammen!«

Bianca: »Was ist mit Judith? Sie bekommt dein Kind, will dich heiraten.«

Oliver: »Ja.«

Sie umarmen sich in nassen Klamotten und küssen sich. Er kniet vor ihr. »Ich verspreche dir, du wirst es nicht bereuen.«

Bianca: »Ich habe noch nie etwas bereut, das mit dir zu tun hat.«

Am Freitag vor dem vierten Advent werden in Biancas Welt alle Formen der Liebe durchdekliniert: einsame Seelen, brennende Herzen, strahlende Augen. Dieses Mal geht es um Verantwortungsbewusstsein, um das Gute im Menschen, um reinen Humanismus, um heile Welt, Heil. Es herrscht, was unromantische Menschen als Schwulst und Kitsch bezeichnen. Eine aufgeräumte Welt, voll gepackt mit Platitüden, die das Innere wärmen wie Glühwein.

Der Adventsspaziergang über den Boulevard zeigt, dass dieser die soziale Tristesse des Jahres nicht mit ostentativer Romantik zu überwinden sucht, sondern mit einer Rückbesinnung auf konservative Werte. Der neue Boulevard vereint niedere Instinkte und höhere Moral. Er, die Medienallee romantischer Selbstverklärung, feiert das Fest der Remoralisierung, feiert Ehe, Treue, Glück und Liebe. Auch der alte Boulevard bemüht die Rhetorik traditionellen Wertbewusstseins. Auf den Titelseiten der Bunten zum zweiten wie zum dritten Advent taucht insgesamt siebenmal fettgedruckt das Wort »Liebe« auf. Bild ersetzt »sterben« und »Selbstmord« aus dem verkümmerten Epos Michelle durch »neue Liebe« und »wahre Liebe«, denn am 11. Dezember beginnt der Bild-Zeitung bewährtes Lieblingsepos Uschi Glas.

Dachzeile: »Arm in Arm beim Spaziergang.« Titel: »Uschi Glas - Neue Liebe?« Text: »Es wäre ihr so zu wünschen! Ist Uschi Glas 21 Monate nach der Scheidung von ihrem Mann wieder verliebt? Spaziergänger sahen die Schauspielerin mit einem attraktiven Mann Arm in Arm beim Adventsspaziergang.«

Montag, 13. Dezember, Bild: »Uschi Glas und ihr Millionär - Wahre Liebe erst mit 60? Wie schön! Uschi Glas fand fast zwei Jahre nach ihrer Scheidung eine neue Liebe. Was hat er (außer vielen Millionen)?« Die Münchner Abendzeitung springt auf: »Uschi Glas - ihr Schatz ist 8 Jahre jünger.« Zwei Tage später beglückt Bild die bunte Republik mit der Neuigkeit: »Jetzt macht der Millionär Ernst: Scheidung für Uschi Glas! Sie gesteht im Exklusiv-Interview: Ich bin so glücklich und habe noch nie soviel gelacht. « Die Abendzeitung vom selben Tag: »Uschi Glas im Liebes-Glück.« Quellenverweis: Bunte. Deren Titelstory: »Uschi Glas exklusiv: Das ist meine neue Liebe! Seit fünf Monaten ist sie heimlich verliebt. Er ist Unternehmer und jünger.«

Leute heute interviewt die Uschi-Glas-Interviewerin Marie Waldburg, blitz berichtet mit einem Blitzbericht, Uschi taucht wider Erwarten im Gala-Editorial von Peter Lewandowski auf, und Frau im Spiegel titelt in der Ausgabe vom 16. 12.: »Uschi Glas - Endlich verliebt. Kann der verheiratete Millionär sie glücklich machen?«

Uschi Glas' Verwertbarkeit auf dem Boulevard entspricht dem nationalen Gefälligkeitsgeschmack - bisschen Schönheit, bisschen Leid, bisschen Glück, Liebe, Reichtum, all das wohltuend temperiert, um nicht zu verletzen, all das wohldosiert, um nicht beneiden zu müssen. Nach dem Donnerstag ist Uschi Glas nicht mehr interessant. Der Boulevard ist im Jackpot-Wahn.

Draußen friert es, der erste Schneesturm fegt übers Land, und in Berlin tobt heftiger Streit über das Terrorismus-Abwehrzentrum, die EU-Kommission stoppt das Strafverfahren gegen die Bundesregierung, die Föderalismusreform scheitert an Bildungsfragen. Der Jackpot ist geknackt, die Haffas verlieren vor Gericht, Mathieu Carrière geht in den Knast (Tagebuch in Bild), die RTLSuper-Nanny kehrt zurück, Dolly Buster ist auf Wohnungssuche, Unternehmersgattin Gisela Muth macht für Sat.1 Weihnachtsshopping an der Côte d'Azur und wirft auf RTL einer Sozialhilfeempfängerin namens Sandra Sozialneid vor: »Krieg nicht so viel Kinder, wenn du die nicht ernähren kannst!« Harald Juhnke lebt. »Busenmacher-Witwe« Tatjana Gsell und »Prinz Foffi« wollen kirchlich heiraten, Uschi Glas ist noch immer glücklich. Michelle schweigt. RTL kann leider keinen Termin für die ZEIT finden. Exclusivweekend aber präsentiert uns zu guter Letzt die erste »Promi-Pisa-Studie«. Frage 1: Was steckt hinter `SPD'? »TV-Star« Kader Loth (Die Alm, ProSieben): »Wieder so eine kranke Frage.« Frage 2: Was ist die Hauptstadt von Nordrhein-Westfalen? Maike von Brehmen (GZSZ, RTL): »Hamburg.« Frage 3: Wie heißt unser Bundespräsident? Moderator Patrice: »Horst Seehofer.« Bürgermeister Klaus Wowereit: »Horst Köhler.« Frage 4: Was ist 3 + 8 x 2? Sängerin Indira Weiss: »Wir brauchen in Deutschland wieder Tugenden!«

Draußen fällt der erste Schnee. Die Tannenbaumlichter springen an. Weihnachten könnte weiß werden. In einer Woche beginnt Hartz IV.

 
Service