Oper Carmen schreckt die Männer sehr

Was ist aus George Bizets Oper der Emanzipation geworden? Drei neue Inszenierungen in Berlin, Antwerpen und Dresden zeigen mehr Asche als Freiheitsglut

Kürzlich lief der berühmte Film von Carlos Saura wieder im Fernsehen, und man konnte noch einmal der Flamencotänzerin Laura del Sol begegnen: Wie sie sich von der unscheinbaren Elevin zu einer verachtungsstolzen, starken Frau wandelt. Wie ihr als Carmen das Unabhängigkeitsfeuer aus den weit aufgerissenen Augen lodert. Wie sie die Absätze fordernd im Maschinengewehrtempo knallen lässt und ihre Brüste führt »wie die Hörner eines Stiers«, so hatte es ihre alte Flamencolehrerin verlangt. Der Film bildete, als er 1983 in die Kinos kam, den Scheitelpunkt einer regelrechten Welle, zusammen mit Peter Brooks gefeierter Theater Francesco Rosis Kinoversion der Bizet-Oper und vielen anderen Produktionen. Laura del Sol trat auf als Verheißung einer Weiblichkeit, die sich wortkarg, aber mit ungemeiner Körperlichkeit einfach mehr vom Leben nimmt und emanzipatorische Selbstbehauptung mit ungebändigter Lust selbstverständlich in Einklang bringt. Die Volkshochschulkurse für Flamenco waren damals ausgebucht.

In Berlin eine edel-kalte Göttin, in Antwerpen eine Schlampe

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Heute, so scheint es, ist Carmen kein Versprechen mehr. Aufbruchsstimmung will sich nicht mehr an ihr entzünden. Man spürt es sofort, wenn sie die Opernbühne betritt. Gleich dreimal ist sie in den letzten zwei Wochen in neuen Produktionen von George Bizets Opéra comique an die Rampe getreten, an der Staatsoper in Berlin, an der Dresdner Semperoper und an der Vlaamse Opera in Antwerpen, aber nirgendwo begann die Luft vor Lust und Freiheitshitze zu vibrieren. Empfindlich kühl ist es um sie herum geworden. An die Stelle der Lebensgier ist die Sorge vor dem Ausverkauf des Lebens getreten. Nicht mehr der Leidenschaftsüberschuss treibt sie in den Tod, sondern der Leidenschaftsgeiz. Sie will etwas bewahren, das lässt sie verschlossen werden – und auch ein bisschen leer im Kopf. Wenn im richtigen Leben alle sexuellen Tabus abgeräumt sind und das Projekt der weiblichen Selbstbefreiung bei der Brustvergrößerung vor laufender Fernsehkamera angekommen ist, kann auch die Carmen der Opernbühne heute nicht mehr deutlich machen, was mit ihrem Bekenntnis zur Liberté am Ende des zweiten Akts eigentlich gemeint sein soll.

In Berlin, in der Inszenierung von Martin Ku∆ej, tritt sie wie eine edel-kalte Göttin auf. Von oben kommt sie, offenkundig aus einer anderen Welt. Sie trägt ein eng anliegendes, schwarzglattes Lederabendkleid, ihre Augen sind zu mondänen Raubtierschlitzen verengt, das strähnige, gewellte, rostrote Haar fällt ihr manchmal wie ein Vorhang über die Hälfte des Gesichts – sie hätte von Otto Dix gemalt sein können. Etwas Aasiges geht von ihr aus. Ein Frauenvolk in schicken Dessous nimmt zu ihren Füßen Platz, und Carmen singt die Habanera-Botschaft, als sei es die Bergpredigt: »Wenn du mich nicht liebst, liebe ich dich, wenn du mich liebst, nimm dich in Acht…« Man hat den Eindruck, sie sei nur die Verkünderin des Schicksalscredos und nicht dessen Verkörperung. Dieses Unbeteiligtsein an der eigenen Fatalität zieht sich durch den ganzen Abend. Ihr Lebensprinzip ist das der kalten Schulter. Man spürt von Anfang an, dass Don José nicht den Hauch einer Chance bei ihr hat. Je mehr er in Selbstmitleid verfällt, umso unnahbarer wird sie. Sogar bei ihrem Kastagnettentanz im zweiten Akt, dem einzigen Moment, in dem die beiden für ein paar Takte zueinander zu finden scheinen, steht sie auf einer Plattform hoch über ihm, unerreichbar.

Carmen als geheimnisumwitterte Erscheinung, ruhig wie das Auge eines Taifuns, im Zentrum der Aufführung zu platzieren, mag die Idee in Ku∆ejs Regiekonzept gewesen sein. Erst durch die Gefühlsverwüstung, die sie um sich herum anrichtet, soll man sie wahrnehmen. Aber leider kommt sie dem Stück dadurch auch abhanden. Durch die imprägnierte Arroganz, die ihr die Regie angedeihen lässt, wird sie mitunter, was eine Carmen nie sein darf – langweilig. Das gilt nicht für die Stimme von Marina Domashenko (die als Carmen weltweit gefragt ist): Dunkel, voll, elegant geführt ist ihr Sopran. Aber er steht für wenig ein. Carmen hält Leidenschaftsansprachen. Und Liberté ist für diese Lady nur eine Haute-Couture-Marke aus Paris.

So hoch die Berliner Carmen in ihren mondänen Stöckelschuhen über dem Leben schwebt, so tief sinkt sie in Antwerpen ein im Morast des Daseins. In der Inszenierung des gefürchteten und gefeierten Theaterraubeins Calixto Bieito ist sie eine desillusionierte Schlampe, ein gefallener Engel der Verzweiflung. An die Liebe glaubt sie genauso wenig wie alle anderen in dem südspanischen Unterschichtmilieu, in dem sie zu Hause ist. Liebe – darunter versteht man im Bieito-Kosmos grob von Männerhänden gequetschte Brüste, Frauenhaar, das am Hosenlatz gerieben wird, und, wenn es sein muss, ein ansatzloser Faustschlag ins Gesicht. Die Welt, in der sich Carmen behaupten muss, wird dominiert von einem ordinären Machismo. Die Schmuggler schieben zur Spelunkenszene ihre alten Mercedes-Benz-Diesel-Karossen auf die Bühne und veranstalten auf den Kühlerhauben herbe Testosteron-Orgien. Carmen will nur eins in diesem brutalen Ringkampf der Geschlechter – nicht unten liegen. Sie spuckt den Männern ins Gesicht, und einmal, als der Leutnant Zuniga sie allzusehr bedrängt, beißt sie ihm kurzerhand ein Stück vom Ohr ab.

Vom rauen, trockenen Stil der Mérimée-Novelle hat Bieito sich inspirieren lassen und der Musik Bizets die ungerührten, mitleidlosen Tonfälle abgelauscht. Alles in seiner Carmen-Deutung gerät direkt, hart, unmittelbar, ohne jede sinnbildhafte Überhöhung. Ein Mord ist ein Mord und Carmens Tod kein Opfer für eine höhere Idee. In dieser Hinsicht ist er nahe bei Nietzsche, der sich, nachdem er mit dem Abgott aus Bayreuth gebrochen hatte, die Bizet-Oper zum Gegengift für alles Wagnerianische erkor und schwärmte: »Endlich die in die Natur zurückübersetzte Liebe! Nicht die Liebe einer ›höheren Jungfrau‹.«

Vor ihrer Auftrittsarie im ersten Akt steht Carmen in Antwerpen in einer öffentlichen Telefonzelle. Sie hat den Hörer am Ohr und spricht mit einem unbekannten Gegenüber. So wird auf lapidare Weise für einen kurzen Augenblick ihr Anderssein deutlich: Carmen hat Verbindung in eine Welt jenseits aller gesellschaftlichen Enge. Sie kennt den Draht, der über das niedere, triebhafte Menschsein hinausweist. Die Männer bringt das zur Raserei. Mit Fäusten schlagen sie gegen die Scheiben des Telefonhäuschens, springen aufs Dach, zerren Carmen heraus und demolieren den Fernsprecher. Wie eine Puppe bewegt die sich fortan durch den Männer-Albtraum aus Sex, Suff und Gewalt. Man kann sie an den Haaren reißen und ihr die Glieder verrenken, man könnte ihr sogar das Stroh aus dem Körper reißen und würde zu ihrem Wesenskern doch nicht vordringen. Die Französin Nora Gubisch singt dabei so unwirsch wie empfindsam: Carmens Innerstes schimmert nur aus dem schattenhaften Gesang herüber.

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