Die Kunst, hat der Dichter Peter Rühmkorf gesagt, sei ein Verschmerzungsprogramm: Das Verlorene, das Verbrochene, das Nichtwiedergutzumachende, das Ausgelöschte – die Kunst bringt es zum Schweben. Vertane, vernichtete Lebenszeit – die Kunst lässt uns den Verlust spüren, sie "hebt ihn auf".

Zwischen dem Verlust der Menschlichkeit und dem Erfassen der Folgen steht Charlie Chaplins Film Der große Diktator. Als er herauskam, 1940, war in Deutschland ein Vernichtungsprogramm in Gang, das seine schlimmste Phase noch nicht erreicht hatte. Chaplins Film hat eine über allen Sarkasmus triumphierende Zuversicht, die er sich zwei Jahre später nicht mehr erlaubt hätte. Chaplin ist noch auf dem Stand des Warners, der den Gegner mit dessen eigenen schauspielerischen Effekten erlegen möchte; sein Film ist die künstlerische Rückrufaktion für einen Wahnsinn, den er mit Gelächter zu bannen hoffte. Beim Anblick Hitlers denkt Chaplin an einen Kellner, auf dessen grüßend über die Schulter geworfene Handfläche er ein Tablett mit schmutzigen Tellern stellen möchte.

Der große Diktator hat die Verspätung allen Gelächters zum entsetzlichen Anlass; er wurde 1938 konzipiert, doch als er im Dezember 1940 Europapremiere in London hatte, erlebte England den Höhepunkt der deutschen Luftangriffe. Der Film zeigt noch nicht, was verloren wurde, sondern was auf dem Spiel stand und zu retten gewesen wäre. An dieser Stelle wollen wir ein bisschen verweilen. Chaplins großer Diktator Adenoid Hynkel, der Mann mit dem schwarzen Bärtchen, das wie geronnener Geifer unter seinen Nüstern klebt, hat auf unserem Bild die Weltkugel ins Auge gefasst, sein Blick ruht auf Kanada oder Alaska, auf rohstoffhaltigem Gebiet. Im nächsten Moment wird er die Kugel aus ihrer Verankerung heben und mit ihr den großen Tanz wagen, an dessen Ende sie platzt.

Noch später wird der Diktator mit einem namenlosen jüdischen Barbier verwechselt und von seinen eigenen Leuten verhaftet. Der Barbier, ebenfalls von Chaplin dargestellt, schlüpft in die Rolle des Diktators. Als er eine Kriegserklärung an die Adresse des Nachbarlands richten soll, formuliert er stattdessen einen Friedensaufruf: "Soldaten! Kämpft nicht für die Sklaverei! Kämpft für die Freiheit! Im 17. Kapitel des Lukas-Evangeliums steht geschrieben, das Reich Gottes sei im Menschen – in jedem Menschen. In euch! Ihr, das Volk, habt die Macht, Glück hervorzubringen. Ihr, das Volk, habt die Macht, das Leben frei und schön zu gestalten – aus diesem Leben ein wundervolles Abenteuer werden zu lassen."

Dass die Welt ein friedlicherer Ort geworden (geblieben) wäre, wenn Hitler a) gar nicht geboren worden oder b) zum Kunststudium zugelassen worden wäre, das sind beliebte Varianten des Was-wäre-wenn-Denkens von Hobbyhistorikern. Eine Variante c) könnte lauten: Was wäre gewesen, wenn die Verwechslung aus dem Film Der große Diktator real passiert wäre? Wenn der Komiker Chaplin mit dem Diktator Hitler vertauscht worden wäre? Wenn Charlie, der stille Tramp aus dem Land des Stummfilms, an die Stelle Adolfs, des blaffenden Monsters, gekommen wäre?

Hoffen wir, dass wir Barbiere sein werden

So unterschiedlich die beiden Männer waren, Körpergröße und Altersklasse waren die Gleichen: Chaplin kam vier Tage vor Hitler auf die Welt, am 16. April 1889.

Was hätte Chaplin in Hitlers Rolle bewirkt? Ein irrer, unvernünftiger, idiotischer Gedanke, allerdings nicht ganz so irre, unvernünftig und idiotisch wie der Mann, an dessen Stelle Chaplin gekommen wäre.