irak Wenn Islamisten Sprengstoff hinterm Altar verstecken
Irakische Christen werden zunehmend diskriminiert, entführt und umgebracht. Viele flüchten ins Ausland oder an sichere Orte im Irak. Andere wollen sich verteidigen
Bagdad/Erbil
Es ist, als hätten sie Blei in den Schuhen. Zwar hat der Discjockey die Musik für die Gäste auf volle Lautstärke gestellt, und einige Pärchen tanzen auf der weitläufigen Tanzfläche zu arabischen und westlichen Songs. Doch ausgelassen wirken die Feiernden im Aluija-Club an Bagdads Firdous-Platz nicht, dort, wo im April 2003 die Statue Saddam Husseins mit lautem Freudengeschrei vom Sockel gestoßen wurde. »Wenn eine Hochzeitsfeier schon um acht Uhr abends beendet werden muss, kann keine Freude aufkommen.« Ab 22 Uhr herrscht in der irakischen Hauptstadt Ausgangssperre, so will es der Ausnahmezustand seit dem 7. November.
Agob ist der Bruder des Bräutigams und ziemlich missgelaunt. Dem hellhäutigen Armenier mit kahl geschorenem Kopf hilft auch kein Alkohol mehr, um die Sorgen zu vergessen, die seine Familie und Gemeinde seit einigen Monaten belasten. »Wir werden bedroht, entführt, unsere Kirchen zerbombt. Wir können hier nicht mehr leben. Das ist nicht mein Land, aber wo soll ich hin?« Er hat keine Verwandten in den USA, keine Freunde in Deutschland, die ihm eine Einladung schicken könnten, damit er eine Chance auf eines der begehrten Visa hätte.
Agob ist in Bagdad geboren, vor 32 Jahren. 1914 floh sein Großvater in den Irak, noch bevor die türkische Regierung Hunderttausende Armenier auf Todesmärsche schickte. 200000 sollen damals in Richtung Bagdad gegangen sein. Schätzungsweise 20000 leben heute noch im Zweistromland. Doch von Tag zu Tag werden es weniger. Von den eingeladenen Hochzeitsgästen ist ein Drittel nicht erschienen. Entweder seien sie ausgereist oder trauten sich nicht aus dem Haus, erzählen die anderen. Wenn es nicht sein Bruder wäre, der heiratet, wäre Agob auch nicht gekommen. Sie hätten Drohbriefe erhalten, erzählt der Armenier, »weil hier Alkohol ausgeschenkt wird«.
Die Christen im kriegszerrütteten Irak unter amerikanischer Kontrolle sind bedroht. Sie fliehen nach Jordanien, weiter in die USA und nach Europa oder ziehen innerhalb des Iraks in ruhigere Gebiete. Rund 30000 Christen hätten seit April, dem Beginn der Aufstände und des grenzenlosen Terrors, den Irak verlassen, schätzt Yonadam Kanna, Vorsitzender der chaldäisch-assyrischen Vereinigung, der 750000 Mitglieder angehören. »Doch der Exodus wird weitergehen, solange keine Ruhe und Ordnung herrscht und wir um unser Leben bangen müssen.« Manche Gruppen haben es direkt auf die Christen abgesehen. Islamische Fundamentalisten fordern sie auf, ihre Alkoholgeschäfte zu schließen. Andere sollen ihre Boutiquen und Schönheitssalons dichtmachen. Frauen ohne Kopftücher, ohne Schleier werden auf der Straße zunehmend belästigt.
Eva hat helle Augen, mittelblonde Haare und ist noch etwas schüchtern, wenn sie mit den ankommenden Gästen des ersten und einzigen Fünf-Sterne-Hotels in der kurdisch-irakischen Stadt Erbil spricht. Die 20-jährige Frau sticht heraus aus der Mehrheit der Irakerinnen. Sie sei Chaldäerin, lässt sich Eva entlocken, und vor zwei Monaten aus Bagdad in den Norden gezogen. Die Situation für die Christen in der Hauptstadt sei unerträglich geworden. »Mein Vater hat die ganze Familie nach Erbil geschickt«, sagt sie, hierher in die autonomen Kurdengebiete, die von Terror, Aufruhr und Ausnahmezustand weitgehend verschont geblieben sind. Erbil und vor allem das ebenfalls kurdische Sulemanija verzeichnen in den letzten Wochen einen enormen Zustrom von Christen.
Schon Saddam Hussein entfesselte eine Kampagne gegen Christen
Im Gebiet des heutigen Iraks leben Christen seit rund 2000 Jahren. Die Mehrheit gehört der mit Rom verbundenen chaldäischen Kirche an. Einige Chaldäer sprechen noch Aramäisch, die Ursprache der Christen, die Sprache von Jesus. Die zweite große christliche Gemeinde im Irak sind die Assyrer, Nachkommen der alten Reiche Assyrien und Babylonien, die zu den Ostkirchen zählen. Schwierigkeiten hatten Christen im Irak auch schon unter Saddam Hussein. Zwischen 1991 und 2002 sind 300000 ausgewandert. Die Ursache dafür lag in Saddams Abkehr vom Säkularismus nach dem verlorenen Golfkrieg 1991. Die neue Marschrichtung hieß antisäkular, antiwestlich, antichristlich. Als Allahu Akbar (Allah ist größer) als Schriftzug auf der irakischen Fahne erschien, wurden Alkohol, Casinos und Kneipen verboten. »Viele von uns verloren ihre Lebensgrundlage«, erklärt Yonadam Kanna die damalige Flüchtlingswelle.
Zu Saddams Anhängern rechnet der 53-jährige Assyrer auch die Entführer von christlichen Irakern in der jüngsten Zeit. 200 seien bereits gekidnappt worden, über 60 ermordet. »Die Fedajin-Kämpfer ließ Saddam zu brutalen Kriminellen ausbilden, ohne moralische Hemmschwellen«, sagt Kanna. Hinzu kämen noch 60000 Kriminelle, die kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner im März 2003 aus den Gefängnissen freikamen, und natürlich internationale Terroristen. »Ein tödlicher Cocktail für die Christen«, meint Kanna. Angefangen habe der Bombenterror gegen christliche Einrichtungen Anfang August, als koordinierte Attacken in Bagdad und Mossul zehn Menschen das Leben gekostet haben. Die beiden Anschlagsserien auf Kirchen in den Bagdader Stadtteilen Karrada und al-Dora im September und November seien nur der vorläufige Höhepunkt.
Yonadam Kanna hat nie im Ausland gelebt, im Gegensatz zu anderen irakischen Flüchtlingen, die nach Saddams Sturz aus aller Welt zurückgekommen sind und nun politische Ämter bekleiden. Kanna versteckte sich in den achtziger Jahren vor Saddams Schergen im Norden des Iraks. Dort wurde er Minister in der Autonomieregierung Kurdistans und blieb als solcher auf der schwarzen Liste des Diktators. Die irakische Armee holte in den achtziger und neunziger Jahren mehrmals zu Vernichtungskampagnen gegen die Kurden aus. Weniger bekannt ist, dass damals auch viele christliche Dörfer im Nordirak, alte Klöster und Kirchen planiert wurden. »Wir müssen doppelt leiden«, sagt Yonadam Kanna – unter dem Regime und feindseligen Irakern.
Tatsächlich neigen manche Muslime im Irak dazu, Christen mit den verhassten amerikanischen Besatzungstruppen zu identifizieren, weil sie denselben Glauben haben. Dabei geht es vielen von ihnen nicht um den Tod der Christen, wohl aber um ihre Vertreibung. Beim jüngsten Bagdader Anschlag auf Kirchen an einem Novembersonntag forderte ein anonymer Anrufer die Kirchengemeinde eine halbe Stunde vor der Bombenexplosion auf, das voll besetzte Gotteshaus schnell zu räumen. Als der Sprengstoff hochging, waren die Kirchen leer – niemand wurde getötet, keiner verletzt. »Die wollten ein Symbol treffen«, sagt Yonadam Kanna.
Nun hat die chaldäisch-assyrische Vereinigung 1500 Sicherheitskräfte im Norden des Landes mobilisiert, um die christlichen Einwohner besser schützen zu können. Seit der Großoffensive von irakischen Sicherheitskräften und US-Truppen in Falludscha ist die Situation im Norden, wo nach Bagdad die meisten Christen wohnen, noch schwieriger geworden. In Mossul, der zweiten irakischen Hochburg der Aufständischen, wird es für Minderheiten unerträglich. Aber sollen die Christen deshalb eine Parallelarmee haben? »Wir wollen unsere Vereinigung nicht in eine Miliz umwandeln«, wehrt Kanna ab. »Wir akzeptieren keine Gewalt.« Nur wenn nötig, könnten in kurzer Zeit mehr als 10000 Mann bewaffnet werden. Christen sollen nicht zum Spielball für Extremisten werden, sagt Kanna.
Vorerst steht jedoch der politische Kampf auf der Tagesordnung. Für die Parlaments- und Regionalwahlen am 30. Januar haben sich acht Parteien zusammengeschlossen, welche die Christen im Irak vertreten und sich um die insgesamt 275 Sitze bewerben. Yonadam Kanna ist bereits Mitglied des Übergangsparlaments. Auch nach dem 30. Januar will er auf jeden Fall dabei sein.
- Datum 22.12.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 22.12.2004 Nr.53
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