irak Wenn Islamisten Sprengstoff hinterm Altar versteckenSeite 2/2
Zu Saddams Anhängern rechnet der 53-jährige Assyrer auch die Entführer von christlichen Irakern in der jüngsten Zeit. 200 seien bereits gekidnappt worden, über 60 ermordet. »Die Fedajin-Kämpfer ließ Saddam zu brutalen Kriminellen ausbilden, ohne moralische Hemmschwellen«, sagt Kanna. Hinzu kämen noch 60000 Kriminelle, die kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner im März 2003 aus den Gefängnissen freikamen, und natürlich internationale Terroristen. »Ein tödlicher Cocktail für die Christen«, meint Kanna. Angefangen habe der Bombenterror gegen christliche Einrichtungen Anfang August, als koordinierte Attacken in Bagdad und Mossul zehn Menschen das Leben gekostet haben. Die beiden Anschlagsserien auf Kirchen in den Bagdader Stadtteilen Karrada und al-Dora im September und November seien nur der vorläufige Höhepunkt.
Yonadam Kanna hat nie im Ausland gelebt, im Gegensatz zu anderen irakischen Flüchtlingen, die nach Saddams Sturz aus aller Welt zurückgekommen sind und nun politische Ämter bekleiden. Kanna versteckte sich in den achtziger Jahren vor Saddams Schergen im Norden des Iraks. Dort wurde er Minister in der Autonomieregierung Kurdistans und blieb als solcher auf der schwarzen Liste des Diktators. Die irakische Armee holte in den achtziger und neunziger Jahren mehrmals zu Vernichtungskampagnen gegen die Kurden aus. Weniger bekannt ist, dass damals auch viele christliche Dörfer im Nordirak, alte Klöster und Kirchen planiert wurden. »Wir müssen doppelt leiden«, sagt Yonadam Kanna – unter dem Regime und feindseligen Irakern.
Tatsächlich neigen manche Muslime im Irak dazu, Christen mit den verhassten amerikanischen Besatzungstruppen zu identifizieren, weil sie denselben Glauben haben. Dabei geht es vielen von ihnen nicht um den Tod der Christen, wohl aber um ihre Vertreibung. Beim jüngsten Bagdader Anschlag auf Kirchen an einem Novembersonntag forderte ein anonymer Anrufer die Kirchengemeinde eine halbe Stunde vor der Bombenexplosion auf, das voll besetzte Gotteshaus schnell zu räumen. Als der Sprengstoff hochging, waren die Kirchen leer – niemand wurde getötet, keiner verletzt. »Die wollten ein Symbol treffen«, sagt Yonadam Kanna.
Nun hat die chaldäisch-assyrische Vereinigung 1500 Sicherheitskräfte im Norden des Landes mobilisiert, um die christlichen Einwohner besser schützen zu können. Seit der Großoffensive von irakischen Sicherheitskräften und US-Truppen in Falludscha ist die Situation im Norden, wo nach Bagdad die meisten Christen wohnen, noch schwieriger geworden. In Mossul, der zweiten irakischen Hochburg der Aufständischen, wird es für Minderheiten unerträglich. Aber sollen die Christen deshalb eine Parallelarmee haben? »Wir wollen unsere Vereinigung nicht in eine Miliz umwandeln«, wehrt Kanna ab. »Wir akzeptieren keine Gewalt.« Nur wenn nötig, könnten in kurzer Zeit mehr als 10000 Mann bewaffnet werden. Christen sollen nicht zum Spielball für Extremisten werden, sagt Kanna.
Vorerst steht jedoch der politische Kampf auf der Tagesordnung. Für die Parlaments- und Regionalwahlen am 30. Januar haben sich acht Parteien zusammengeschlossen, welche die Christen im Irak vertreten und sich um die insgesamt 275 Sitze bewerben. Yonadam Kanna ist bereits Mitglied des Übergangsparlaments. Auch nach dem 30. Januar will er auf jeden Fall dabei sein.
- Datum 22.12.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 22.12.2004 Nr.53
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