banken Kredite vom Herrn

Die Banker der Riverview Community im Mittleren Westen der USA beten für ihre Kunden und versprechen Wunderheilungen. Der Gründer Chuck Ripka träumt von einer christlichen Bank für ganz Amerika

Der Herrgott sprach zu Chuck: »Ich will, dass du der Pastor einer Bank wirst.« Chuck fragte furchtsam zurück: »Herr, wie wird man denn der Pastor einer Bank?« Worauf der Herrgott entgegnete: »Ich habe dich zum Glauben geführt, also bringe deinen Glauben jetzt unter die Menschen.«

Nein, diese Erzählung von Chuck und dem Herrgott steht nicht in der Bibel. Schon deshalb, weil sie sich erst vor ein paar Jahren zugetragen hat, in Elk River, einem 20000-Seelen-Städchen im Herzen von Minnesota. Chuck Ripka, inzwischen 45 Jahre alt und der Vater einer siebenköpfigen Familie, hat auf die Worte gehört. Im Jahr 2003 eröffnete er die Riverview Community Bank, gemeinsam mit dem örtlichen Unternehmer Duane Kropuenske, dessen Frau Patsy und einer Reihe örtlicher Geldgeber. Die Gründer gaben der Bank ein paar ungewöhnliche Geschäftsziele auf den Weg. »Das christliche und finanzielle Wohlergehen unserer Anteilseigner mehren«, geloben sie zum Beispiel in ihrem jüngsten Geschäftsbericht. Weiter hinten ist sogar davon die Rede, dass das Management »das Christentum verbreiten« wolle.

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Willkommen in der »Bank der Christen«. Zunächst verbreitete sich die Kunde dieser eigenartigen Finanzinstitution in Kirchenkreisen und auf religiösen Web-Seiten. In den vergangenen Wochen haben auch allerlei amerikanische Zeitungen und Magazine von der Bank berichtet, in der man seine Schäflein ins Trockene bringen und nebenbei Gebete verrichten kann. 80 Menschen wollen die Geldverleiher bereits in ihren Räumlichkeiten zum rechten Glauben bekehrt haben, 70 »bestätigte« Fälle spontaner Wunderheilungen habe es gegeben. Chuck Ripka kann nämlich durch Handauflegen Krankheiten heilen – von Arthrose und Knieschäden bis hin zu einem Fall von Brustkrebs. Die erste Heilung dieser Art vollzog er an der Frau des Bankpräsidenten Kropuenske. Es sprach sich herum.

Jedenfalls passt die Bank, in der Lahme wieder laufen lernen, bestens in das Amerika George W. Bushs. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Gallup erklärten kürzlich 42 Prozent der befragten Amerikaner, sie seien »evangelistische oder wiedergeborene Christen«. Am 2. November führte nicht zuletzt die Mobilisierung religiöser Eiferer dazu, dass Bush erneut zum Präsidenten gewählt wurde. Schon seit Jahren kämpfen einige Provinzfürsten und eine Hand voll Kongressabgeordneter dafür, die klassische Trennung zwischen Staat und Kirche in Amerika aufzuweichen. Unterdessen setzen sich Vereinigungen wie Harvest Evangelism, International Coalition of Workplace Ministries and Marketplace Leaders und die American Chamber of Christians in Business unter anderem für mehr Bibelstunden, geistliche Betreuung und religiöse Erbauung am Arbeitsplatz ein. Doch mal ganz ehrlich, Chuck Ripka, wie kann ein Bankier zugleich ein Seelsorger sein?

Es ist ein kühler, nasser Vormittag in Elk River. Die Autofahrt zur Riverview Community Bank führt meilenweit vorbei an frivol beleuchteten Tankstellen und Hamburger-Lokalen, an Pfandhäusern, Trucker-Motels und ausgedehnten Verkaufsflächen für Kleinlaster und Wohnmobile. Was vor einem Jahrzehnt noch ausgedehnte Maisfelder und Weideflächen waren, gerät inzwischen unaufhaltsam in den Einzugsbereich der 30 Meilen entfernten Großstadt Minneapolis. Wie überall im Mittleren Westen müssen sich kleine Farmer heute mit Nebenjobs in Industrie- und Dienstleistungsfirmen über Wasser halten, oder sie haben ihr Land schon einem großen Agrarkonzern oder dem Erbauer eines neuen Supermarktes abgetreten.

Gleich an einer Ausfahrt des Highway 101, am Rand der Kleinstadt Elk River, liegt die Riverview Community Bank: ein sachlicher Bau, an eine Trutzburg erinnernd, mit roter Klinkerfront. Die Fenster sind oben abgerundet und erinnern daher an eine romanische Kirche; die Leuchten an der Fassade könnte man sich als Glocken vorstellen, mit den glühenden Birnen als Klöppel. Doch dafür braucht man schon viel Fantasie. Als der Mitgründer und heute für Immobilienkredite verantwortliche Chuck Ripka an diesem Morgen mit schnellen Schritten den Haupteingang betritt, hat er nichts von einem heiligen Mann. Ripka ist kompakt gebaut, hat sich eine schwarze Lederjacke übergezogen und trägt darunter ein Hemd, das rot leuchtet wie die Flammen der Hölle. Im Büro wirft er zügig seinen Laptop an, schiebt Papiere zurecht und nimmt per Knopfdruck ein Telefongespräch entgegen. Es ist das erste Kreditberatungsgespräch des Tages. Erfolgreich verläuft es nicht.

»Wir sind zwar eine christliche Bank«, sagt Ripka kurze Zeit später ins Telefon, »aber wir sind eine Bank.« Ripkas Stimme ist ruhig, aber entschieden, seinen Tonfall hat er seit dem Beginn des Gesprächs kaum verändert. Cindy, seine Gesprächspartnerin, weint nun am anderen Ende der Leitung, ihr fehlen die Sicherheiten für einen Kredit. »Als bestes Angebot«, sagt Chuck, »kann ich Ihnen im Augenblick nur den Segen Gottes anbieten. Kann ich gleich hier mit Ihnen beten?«, fragt er. Und ohne seinen Tonfall zu verändern, bittet er nun den Herrn, dass er den »Geist der Armut« austreiben solle, der sich über die Verhältnisse seiner Kundin in spe gelegt habe.

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