Für die hauptamtliche Gattin des Bundeskanzlers Helmut Kohl müssen seine größten staatsmännischen Triumphe schlimme Niederlagen gewesen sein. Denn im historischen Moment erscheint die Seelentrösterin, Ideengeberin, Krawattenbüglerin entbehrlich. Sieger brauchen keine treusorgenden Ehefrauen, doch inwiefern dieses weitgehend historisch gewordene Prominentenproblem uns alle betrifft, hat jetzt der alte Theaterprovokateur Johann Kresnik in seiner Choreografie Hannelore Kohl gezeigt.

Johann Kresnik und Hannelore Kohl: ein ärgeres Gegensatzpaar lässt sich nicht denken. Einerseits der anarchokommunistische Enthüllungsbiograf, der schon in seinen Stücken über Sylvia Plath, Ulrike Meinhof, Pier Paolo Pasolini den Figuren praktisch die Eingeweide herausriss. Andererseits die Diskretion in Person, eine verhinderte Mathematikerin, die noch ihren Suizid taktvoll ins Werk setzte. Eine stille Überdosis Schlaftabletten, zwanzig fein säuberlich adressierte Abschiedsbriefe. Doch ausgerechnet Kresnik behandelt die posthum zum Skandal avancierte Frau, für die sich bis zu ihrem spektakulären Tod im Sommer 2001 kaum jemand ernstlich interessierte, über deren verdrängte Wünsche hinterher aber alle Bescheid wussten, äußerst zartfühlend.

Seine Pietät besteht vor allem darin, dass er sich müßige Schuldfragen verkneift: Hätte Helmut öfter daheim in Oggersheim sein sollen? Hätte Hannelore nur rechtzeitig die Scheidung einreichen müssen? Kresnik erzählt am Theater Bonn die spätkapitalistische Passionsgeschichte, die er seit den Sechzigern immer wieder erzählt. Er nimmt die Kanzlergattin als Metapher für eine mörderische Anpassungsleistung, für die Folgen repressiver Erziehung, für die Unfähigkeit zur individuellen Rollenverweigerung in einer moralisch verwahrlosten Gesellschaft. Selbstbeherrschung als perverse Entfremdung – diesen Befund übersetzt der Choreograf in drastische Bilder.

Mit steifem Rückgrat und unerschütterlichem Durchhaltelächeln thront Hannelore Kohl neben Helmut Kohl am Konferenztisch, linker Hand die Sowjetunion, rechts die USA, und alle beugen sich interessiert über das neu zu verteilende Deutschland. Man schreibt das Jahr 1990, und zur Veranschaulichung der politischen Begehrlichkeiten wird Deutschland von einem nackten Mädchen dargestellt. Dieser Regieeinfall ist zwar denkbar plakativ, aber wenn die machtgeilen Herren mit übertriebenen Exerzierschritten und rotierenden Windmühlenflügeln das diplomatische Vorspiel der deutschen Wiedervereinigung absolvieren, ist das so grotesk wie kaum je eine Szene im engagierten Tanztheater.

Am Ende trägt der dicke, nur mit einer kolossalen Unterhose bekleidete Helmut buchstäblich den Sieg davon, indem er sich die Nackte schnappt und sie hinausbalanciert wie ein Tablett mit einer besonders kostbaren Hochzeitstorte. Hannelore macht einen halben Versuch, ihm tragen zu helfen, dann bleibt sie resigniert zurück. Ihre Einsamkeit ist jedoch keine Privateinsamkeit, sondern eine prinzipielle Verlorenheit. "Und wieder saß man in dem Käfig, in den man hineingeboren war", schreibt Wolfgang Koeppen in seinem Roman Das Treibhaus über die Bonner Republik der fünfziger Jahre, "dem Käfig des Vaterlandes, der zwischen anderen Käfigen mit anderen Vaterländern an einer Stange hing." Kresnik stellt die Biografie der Hannelore Kohl, Tochter des Hitler-treuen Rüstungsfabrikanten Renner, über dessen Kriegsverbrechen in der Familie eisern geschwiegen wurde, als Symptom der BRD dar, die BRD als sublimierte Form des deutschen Faschismus und, der Einfachheit halber, den Faschismus als zwangsneurotische Gewaltherrschaft der Männer über die Frauen.

Anfangs ist das peinlich vulgärpsychologisch, wenn der lüsterne Vater seiner leicht bekleideten Tochter unter den Rock schaut. Aber nach und nach offenbaren die Brachialmetaphern ihre oft komische Vieldeutigkeit und gewinnen so Plausibilität: das Sperma, das den Darstellerinnen der Hannelore aus den grell geschminkten Mündern tropft, der Hochzeitsschleier, den Jung-Helmut aus seiner Hose zerrt, oder die rohen Stücke Saumagen, die Spenden-Helmut seinen Getreuen zuwirft. Auch Helmut selbst, der wie ein Menetekel durch die Inszenierung stampft, erscheint ja nicht als Helmut, sondern Hans, jener Allerweltsverbrecher aus der Erzählung Ingeborg Bachmanns: "Ihr Menschen! Ihr Ungeheuer! Ihr Ungeheuer mit Namen Hans!" Hannelore aber ist die stellvertretende Büßerin, bei der die Krankheit des Systems ausbricht, mit ihrer Lichtempfindlichkeit reagiert sie allergisch auf die christdemokratischen Dunkelmänner.

Vor allem Feministinnen haben der Kanzlergattin vorgeworfen, sich nicht von ihrem Mann distanziert zu haben. Genauso gut hätten sie von Woyzeck fordern können, dass er seine zerstörerische Erbsendiät abbricht, dass Nora ihr Puppenheim eher aufgibt oder Iphigenie ihren Bruder unbeerdigt lässt. Der Feminist Kresnik ist seiner Heldin ein redlicherer Anwalt, weil er weder für eine besondere Frau noch für die Frau im Besonderen Partei nimmt, sondern gegen Machthaber im Allgemeinen. Er verwandelt die tatsächliche Hannelore Kohl des Jahrgangs 1933 in eine überzeitliche dramatische Figur mit Klassencharakter, und als solche kann sie ein vollkommen überzeugendes Pas de deux mit der antipodischen Figur Ulrike Meinhof, Jahrgang 1934, tanzen.

Der fantasiebegabte Direktor des surrealen Assoziationstheaters triumphiert hier, auch dank seiner choreografischen Virtuosität, über den linken Moralisten. Aber am Ende unterzieht er sein Publikum einer wahren Folter: Er lässt die zerschundene, kahlköpfige Schmerzensfrau einen ergreifenden Abschiedstanz vorführen, und dann schaltet er überraschend sämtliche Scheinwerfer an. Diese Blendung ist gedacht als kleine kathartische Warnung an die selbstgerechten Überlebenden. Sie hätte auch den Parteifreunden von der Jungen Union gut getan, die zum Boykott von Kresniks Premiere aufgerufen hatten und in einem nahe gelegenen Lokal eine Lesung aus der von Helmut Kohl und seinen Söhnen kontrollierten Hannelore-Kohl-Biografie abhielten.