Wahrscheinlich ist das ein deutscher Rekord: Vor kurzem hat Mohammed Herzog, der Imam der deutschsprachigen Muslime, vor fünf Millionen Menschen die islamischen letzten Riten vollzogen. Das kam so: Die Redaktion der RTL-Seifenoper Gute Zeiten, schlechte Zeiten rief bei Mohammed Herzog an, um zu erfahren, wie ein islamisches Begräbnis zu inszenieren sei. Und dann entschied man sich kurzerhand, lieber gleich den echten Geistlichen in der Serie auftreten zu lassen, statt einen Schauspieler umständlich einzuweisen. So wurde ein Konvertit zum ersten TV-Imam im deutschen Fernsehen.

Mohammed Herzog ist zwar schon seit 25 Jahren Muslim, aber für viele Glaubensbrüder ist es immer noch gewöhnungsbedürftig, dass ein Urberliner wie dieser gemütliche Endfünfziger mit dem kurz gehaltenen Vollbart in aller Öffentlichkeit für den Islam steht. Die Komparsen bei der Beerdigungsszene, mehrheitlich Türken, mochten nicht glauben, dass der Deutsche in den Imam-Kleidern kein Schauspieler war. "Die haben mir dauernd dazwischengequatscht", sagt Herzog amüsiert, "um mir Anweisungen zu geben, wie man’s richtig macht. Leider muss ich sagen, dass manche meiner lieben Brüder und Schwestern von ihrem eigenen Glauben ziemlich wenig Ahnung haben. Aber wegen der Muslime bin ich ja auch nicht zum Islam übergetreten."

Warum hat er es denn getan? Herzog ist kein Orient-Romantiker, der im Islam das ganz Andere sucht. Er streicht sein bodenständiges Bolle-Berlinertum gern heraus. Wenn in allen Moscheen nur noch auf Deutsch gepredigt werden dürfe, sagt er in mokantem Ton, "hätt ick mit meiner Aussprache selber Probleme".

Es hatte damit angefangen, dass Herzog, der damals bei der traditionsreichen Berliner Tabakwarenfirma Otto Boenicke arbeitete, die Currywurst nicht mehr essen wollte, die ihm seine Kollegen aus der Mittagspause mitgebracht hatten. Als er dann noch den Namen Mohammed annahm, wollten die Kollegen wissen, was hinter seinen neuen Speisegewohnheiten steckte. Es war eine freundliche Neugier, damals im Jahr 1979, als das Bild des Islams noch nicht von Chomeini, Hamas und bin Laden bestimmt wurde. "Der Islam schien mir damals die toleranteste Religion", sagt Herzog nicht ohne einen melancholischen Zug. "Ich kann manchmal selber kaum glauben, was inzwischen alles passiert ist."

Seit dem 11. September 2001 ist Mohammed Herzog immer mehr in die Rolle eines hauptamtlichen Islam-Erklärers hineingerutscht. Und seit dem Mord an Theo van Gogh steht das Telefon in seinem Büro nicht mehr still. Mohammed Herzog erläuert geduldig immer wieder die "fünf Säulen" des Islams und führt Schulklassen, Teilnehmer von Polizeilehrgängen und Konfirmandengruppen durch Moscheen und auf muslimische Friedhöfe. Nur zum Kopftuch will er sich am liebsten nicht mehr äußern. Dies hat freilich nichts mit Konfliktscheu zu tun: Herzog gehört zur Minderheit jener Imame, die das Kopftuch nicht als unabdingbare Glaubenspflicht für eine Muslimin betrachten und dies auch immer wieder öffentlich gesagt haben. Wegen solcher liberalen Ansichten und wegen seiner frühzeitigen klaren Distanzierung vom Selbstmordterrorismus hat Herzog schon Drohungen aus der militanten Szene erhalten.

Was hat ihn am Islam angezogen? Herzog war immer schon religiös. Er stammt aus einer protestantischen Berliner Familie. In seiner Jugend hat er ein bisschen herumprobiert in allerlei Berufen – Landwirt, Steinmetz, Krankenpfleger. Dann fand er zu der Organisation des evangelikalen Baptisten-Predigers Billy Graham, der als "Maschinengewehr Gottes" den Glauben an die persönliche Erlösung hier und jetzt durch "Wiedergeburt in Jesus Christus" predigte. George W. Bush hat durch Graham den Alkohol aufgegeben und Jesus gefunden.Mohammed Herzog ist vielleicht so etwas wie ein born again muslim, ein spät erweckter, in Allah wiedergeborener Gläubiger. Er würde den christlichen Beiklang von "Wiedergeburt" sicher ablehnen. Aber für ihn hat damals durch seine Bekehrung ein neues Leben begonnen – mit neuem Namen und neuer Identität. Er habe auf der Suche nach geistiger Nahrung im Koran herumgelesen, sagt er: "Und dann stellte ich plötzlich fest: Ich glaube das ja immer schon, was da drin steht."