Kunstauktionen Bieterschlacht mit Barhockern
Rückblick ohne Zorn: Das Kunstauktionsjahr 2004 hatte seine stillen Rekorde
Das Kunstauktionsjahr 2004 darf im Rückblick durchaus erfolgreich, teilweise sogar spektakulär genannt werden. Der geheimnisvolle, rosenbekränzte von Pablo Picasso aus dem Jahr 1905 avancierte zum teuersten Gemälde, das als Erstes bei einer Versteigerung die 100-Millionen-Dollar-Hürde schaffte. Für über 104 Millionen Dollar mit Aufgeld ging es im Mai bei Sotheby’s in New York in nicht publik gewordene private Hände.
Fürst Hans-Adam II. von und zu Liechtenstein leistete sich im Dezember das teuerste Möbelstück, das so genannte Badminton Cabinet für rund 19 Millionen Pfund inklusive Aufgeld. Das vier Meter hohe Eichenholzmöbel mit Pietra-Dura-Intarsien und Ornamenten und Figuren aus feuervergoldeter Bronze hatte Barbara Piasecka Johnson, Erbin des Johnson-Babypflege-Imperiums, vor 14 Jahren bei Christie’s für 8,5 Millionen Pfund ersteigert. Doch viel Freude hatte sie wohl nie an dem Ungetüm, denn es wurde noch in der Originalverpackung von damals wieder eingeliefert. Ab dem Frühjahr 2005 wird es als Glanzstück im Museum Palais Liechtenstein in Wien zu sehen sein.
Bei den Gemälden fahren nach wie vor die Werke der großen Erneuerer zwischen 1889 und 1932 die höchsten Preise ein. Unter den Top Twenty der Bilder, die bisher auf Auktionen seit 1987 zugeschlagen wurden, ist Picasso achtmal dabei, Vincent van Goghs Porträt des Dr. Gachet von 1890 hält seit der Versteigerung im Jahr 1990 für 82,5 Millionen Dollar immer noch den zweiten Rang. Die Liste der Toplose verzeichnet nur zwei ältere Künstler: Peter Paul Rubens mit seinem barocken Bethlehemitischen Kindermord (76,7 Millionen Dollar), bei Sotheby’s in London (2002) an vierter Stelle stehend. Jacobo Pontormos Porträt eines Hellebardiers in der Abkehr von der Hochrenaissance hält den 20. Rang mit 35,2 Millionen Dollar (Mai 1989, Christie’s London).
Im wahrsten Sinne des Wortes Apothekenpreise und hysterische Bietergefechte zeichneten im Bereich der Zeitgenossen die Auktion des Inventars von Damien Hirsts ehemaligem Londoner Szenelokal Pharmacy bei Sotheby’s Ende Oktober aus. Für insgesamt elf Millionen Pfund rissen sich die Sammler um die Butterfly Paintings, die Medizinschränke, die Barhocker mit Sitzen in Form von Aspirinpillen.
Bei Phillips de Pury & Company führen neben Francis Bacon und Andy Warhol die Zeitgenossen, allen voran Mauricio Cattelan. Für den von einem Meteoriten erschlagenen Papst La nona Ora gab es knapp über drei Millionen Dollar, gefolgt von Jeff Koons’ Bear and Policeman mit knapp unter drei Millionen Dollar.
Paris stand im Oktober drei Tage lang im Zeichen der Surrealisten. 7,5 Millionen Euro brachte die Versteigerung der 900 Werke umfassenden Sammlung des Galeristen Julien Levy bei Tajan. Der Franzose hatte in den dreißiger Jahren seine Freunde Man Ray, Max Ernst, Marcel Duchamp und Arshile Gorky in seiner Galerie in Manhattan eingeführt. Nicht wenige Werke gingen in die USA zurück. Auch CamelsCohen erzielte gute Preise für in Frankreich gefragte Künstler wie Francis Picabia bis knapp unter einer Million Euro für die Collage Flirt.
Ganz so rasant wie an den internationalen Hauptschauplätzen ging es bei den deutschen und österreichischen Auktionshäusern nicht zu, dennoch zeigte man sich vielerorts zufrieden. Bei Lempertz in Köln schaukelte sich ein Merz-Relief mit schrägem Gelb von Kurt Schwitters von 1928 mit 1460 000 Euro kurz vor Jahresende zum Weltrekord hoch, und die Nature Morte au Crane et au Pot von Pablo Picasso (1943) avancierte mit 927000 Euro zum teuersten Gemälde auf dem deutschen Auktionsmarkt.
Die Berliner Villa Grisebach kam in diesem Jahr mit keinem Objekt über die Millionengrenze hinaus, den höchsten Preis erzielte mit 852500 Euro die Sommerglut von Emil Nolde aus dem Jahr 1950. Bei der Fotografie war der Vintage-Print Nude-Oceano von Edward Weston mit 46020 Euro das beste Stück.
- Datum 22.12.2004 - 13:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 22.12.2004 Nr.53
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







