Erzählung Die Reinheit des traurigen Herzens
Denis Johnsons eindrückliche Novelle über die stille Würde des Unglücks
Es ist wahr: Diese Geschichte eines einfachen, durchaus uninteressanten Mannes hat es in sich. Jennifer Egan attestierte ihr ein sonderbares Geheimnis und die Eindringlichkeit des Traums. David Guterson lobte ihre formalen Qualitäten und wurde davon noch in seinen Träumen gefangen genommen. Dank dieser begeisterten Kollegenstimmen erhielt Denis Johnson im vergangenen Jahr für seine lange Erzählung den O.-Henry-Preis für Short Storys. Und es klingt in den Begründungen deutlich an, dass die schwer fassbare Intensität des Textes schlichtweg mehr Eindruck machte als die hochgezüchtete Virtuosenkunst, mit der Kurzgeschichten-Autoren in amerikanischen Zeitschriften häufig wetteifern.
Johnsons einfacher Mann heißt Robert Grainier. Er gehört zu jenen, die vom Leben schwer gezeichnet werden, selbst aber keine nennenswerten Spuren hinterlassen. Geboren 1886, keiner weiß, ob in Utah oder in Kanada, verlor er seine Eltern früh, ohne je zu erfahren, wodurch. Praktisch aus dem Nichts fand er sich ausgesetzt in der Welt. Entsprechend verließ er sie auch, als er 1968 unbemerkt in der einsamen Hütte starb, wo er den größten Teil seines Lebens verbracht hatte.
Nach jedem Ende in Tod und Asche gibt es einen neuen Anfang
Dazwischen beschränkte sich sein Wirkungskreis auf die Bundesstaaten Idaho und Washington. Er verstand sich auf alles, was man für das Leben in Wald und Feld brauchte, war anstellig und verdiente sein Geld zunächst als Waldarbeiter und später, als seine Gelenke kaputt waren, als Fuhrmann.
Im Zentrum der Novelle und des ganzen Lebens von Grainier aber steht ein schreckliches Unglück. Als er 1920 nach einem Sommer beim Brückenbau nach Hause zurückkehrte, raste ein Feuer durch das Moyea-Tal. Von der Hütte, die er dort gebaut hatte, fand er nur noch einen deformierten Holzofen. Seine Frau und seine kleine Tochter hingegen sah er nie wieder, und es konnte ihm auch kein Mensch irgendeine Auskunft über sie geben. Das heißt, wiedergesehen hat er beide noch einmal, doch auf hoffnungslose und schauerliche Art. Gladys erschien ihm als untröstliche Muttergestalt aus dem Jenseits. Kate hingegen, sein Kind, fand er eines Nachts verletzt vor der Tür. Sie hatte die Menschengattung verlassen und war zum Wolfsmädchen geworden, über das man sich im Tal abergläubische Geschichten zuraunte.
Johnsons Erzählstil ist nüchtern und lapidar. Umso mehr Eindringlichkeit und kühles Pathos entwickeln die knappen Striche, mit denen er Grainiers Leben zeichnet. Psychologie oder sonstige innere Vorgänge spielen kaum eine Rolle. Was sich in diesem Helden abspielt, das sind weitgehend überschaubare Auswirkungen äußerer Begebenheiten. Er ist ein schlichtes Gemüt, ganz anders und dennoch literarisch aufs engste verwandt mit Flauberts Dienerin Félicité aus Un cœur simple. Und so, wie die Einfachheit des Stils sich steigert zu epischer Gewichtigkeit, so verwandelt sich Johnsons eminente sachliche Genauigkeit in erzählerische Poesie. Wenn er die von der Feuerwalze in Asche gelegte Natur beschreibt, dann ist das zugleich von realistischer Präzision wie von atemberaubender Bildkraft und außerdem eine beklemmende Beschwörung des Endes der Welt. Auf welches dann wieder ein Anfang folgt, der mit grünen Trieben aus der Ascheschicht hervorbricht und es Grainier erlaubt, sich wieder im Tal eine Hütte zu bauen.
Ist Robert Grainier durch den Verlust von Frau und Tochter traumatisiert? Gemeinhin würde man das so ausdrücken. Johnson allerdings meidet solche Kategorien unserer therapiegläubigen Redseligkeit mit Bedacht. Er geht dahinter zurück oder vielmehr darüber hinaus. »Sobald er das Brandgebiet erreicht hatte«, heißt es über die Rückkehr zum Unglücksort, »fühlte er die Traurigkeit seines Herzens schwärzer und reiner werden, als wäre sie selbst ein Stück Materie, aus dem alle hoffnungsvollen, verrückten Gedanken nach und nach wegbrannten.«
- Datum 30.10.2008 - 18:11 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 22.12.2004 Nr.53
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