Frankreich Der Held des Rückzugs

Paris übt sich in kommunaler Demokratie und versucht, die Bausünde des Hallenforums wiedergutzumachen

Als der Staat noch das Sagen hatte, war der Ausbau der Hauptstadt kein Problem. Von Napoleon III. bis Präsident Mitterrand bestand die Pariser Stadtplanung aus einem gewalttätigen staatlichen Denkmalskult. Unter dem Feldherrnblick der Herrscher konnten nur Projekte mit größter Ausstrahlung und Fernwirkung bestehen. Trotz revolutionärer Gegenwehr blieben die Bewohner Statisten, die mit dem Versprechen getröstet wurden, in einem Ambiente von weltweit beneideter Pracht zu leben, für dessen Ausstattung ganz Frankreich blutete.

Doch seitdem das Land nicht mehr will und der Staat nicht mehr kann, nehmen die Pariser ihre Geschicke allmählich in die eigene Hand. Allerdings besitzt die Stadt in Sachen kommunaler Selbstständigkeit nur wenig Erfahrung. Denn nach dem Sturz der Monarchie 1870 und der Niederschlagung des Kommune-Aufstandes entzog die Nationalversammlung der Hauptstadt wesentliche Hoheitsrechte, damit von Paris niemals wieder eine proletarische Diktatur ausgehen konnte. Erst 1975 übergab Präsident Giscard d’Estaing die Stadt aus der Hand des staatlichen Polizeipräfekten in die eines richtigen Bürgermeisters.

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Und der muss seitdem schultern, was einst die ganze Nation getragen hatte. Das fiel bislang nicht so auf, weil Präsident »Mitterramses« mit 14 pharaonischen grands projets die Pariser ein letztes Mal über ihre Köpfe hinweg beglückte. Die Absturzgefahren der neuen Lastenverteilung werden also erst jetzt deutlich. Noch im Frühjahr hatte der 2001 gewählte Bürgermeister Bertrand Delanoë in Gebieterpose vier ausgewählte Modelle zum Umbau des berüchtigten Verkehrs- und Einkaufsknotens Forum des Halles präsentiert. Doch nun soll sein wichtigstes Großprojekt weitaus bescheidener ausfallen. Die Stadt kann und will keinen der vier Masterpläne zur Neugestaltung des Riesenlabyrinths zwischen Palais Royal und Centre Pompidou realisieren. Stattdessen bekommt der Pariser Stadtreparateur David Mangin einen Forschungsauftrag zur weiteren Erkundung des 15 Hektar großen Terrains, auf dem der Wunsch von Staatspräsidenten und Stadtplanern, alles anders und besser zu machen als jemals zuvor, eines der größten Stadtmassaker des 20. Jahrhunderts angerichtet hatte.

Mit dem Spott der internationalen Presse über den Pariser Bürgermeister für seine »feige« und »visionslose« Entscheidung tauchte auch die totgeglaubte Feldherrnperspektive auf Paris wieder auf, nur diesmal von auswärts. Denn längst ist die Fremdherrschaft über die Stadt auf die jährlich 26 Millionen Touristen und Messebesucher übergegangen, die an das weltweit meistfrequentierte städtische Reiseziel den Anspruch eines ganzjährigen Festivalbetriebes stellen.

Dagegen nimmt Delanoë in Abgrenzung von seinen konservativ-etatistischen Amtsvorgängern eine ungewohnte städtische Nahperspektive ein. Mit Quartierspolitik, Sozialprojekten und Bürgerbefragungen will er den Parisern wieder ein Mitspracherecht über ihre Kommune geben. Denn mit ihrer fast an Manhattan heranreichenden Bevölkerungsdichte von 24000 Menschen pro Quadratkilometer gehört die Stadt zu den anstrengendsten Metropolen der westlichen Welt. Aber weil mit dem Nachholbedarf an Kinderkrippen, Fahrradwegen und Bürgertreffs der Besucherhunger nach neuen Attraktionen nicht zu stillen ist, erfand Delanoë erfolgreiche Arte-povera-Events wie Paris plage oder Nuit blanche, die bestehende Räume neu bespielen. Doch bei seiner Suche nach einem Projekt mit Massenwirkung blieb er am Forum des Halles hängen. Und dort erkannte er in kürzester Zeit ein Problem, das eine ganze Generation von Parisern traumatisiert hat.

Der klebrige Zeitgeschmack der siebziger Jahre steckt in allen Fugen

Denn Frankreichs Architekten leiden seit Jahrzehnten unter dem Sputnik-Schock einer nachzuholenden Modernisierung. Dieser Futurismus hat sie zu Höchstleistungen angetrieben, aber die Einsicht in Irrtümer lange verhindert. Dazu gehört der 1969 vom Staat verfügte Abriss der alten Markthallen, ein Sehnsuchtsort, der jüngst wieder in der sepiafarbenen Kulisse von Jean-Pierre Jeunets Erfolgsfilm Un long dimanche de fiançailles auferstand. Die Riesengruft des Forum des Halles zählt zu den größten Schandtaten der französischen Architekturmoderne. Dennoch hat die Anlage eine breite Akzeptanz gefunden, weil sie ihre Grottenhässlichkeit mit einer geradezu infernalischen Funktionstüchtigkeit wettmacht.

Während der fast gleich große Louvre mit seinen 30000 Tagesbesuchern aus den Nähten platzt, rauschen durch die acht RER- und Metrohaltestellen des Hallenforums jeden Tag 800000 Menschen. Hinzu kommen das umsatzstärkste Pariser Einkaufszentrum mit Europas größter Medienhandlung und Kinokette sowie ein Olympia-taugliches Schwimmbad, die jedes Jahr 41 Millionen Menschen anziehen.

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