Buch im Gespräch
Kein Krieg um der Juden willen
Man dürfe nicht den Eindruck erwecken, als würden die GIs der Juden wegen in Europa ihr Leben aufs Spiel setzen. Mit dieser Begründung lehnten amerikanische Spitzenpolitiker und Militärs es wiederholt ab, den Opfern der nazistischen Mordmaschinerie zu Hilfe zu kommen. Hinter derlei Kaltschnäuzigkeit stecken die dunklen Seiten alliierter Politik während des Zweiten Weltkrieges: eine mit verstecktem oder offenem Antisemitismus durchwirkte moralische Indifferenz, die auch durch das frühzeitige Wissen um die Vernichtungslager nicht erschüttert wurde, und nicht zuletzt das Eingeständnis, dass es Mittel und Möglichkeiten zur Rettung der europäischen Juden gab. Warum die Chancen ungenutzt verstrichen, wird unter Historikern in letzter Zeit erneut kontrovers diskutiert, seit die Regierung Clinton eine Freigabe bis dato versiegelter Akten des US-Kriegsministeriums und diverser Geheimdienste verfügte.
Eva Schweitzer fasst in ihrem Buch die Ergebnisse der neueren Forschung penibel zusammen. Vom Antisemitismus im amerikanischen Alltag der 1930er und 1940er Jahre über die dubiosen Geschäftspraktiken multinationaler Konzerne mit ihren Partnern in Deutschland bis hin zur Art und Weise, wie Medien und Unterhaltungsindustrie auf das massenhafte Töten reagierten, fehlt kaum eine der insbesondere von amerikanischen Wissenschaftlern in zahlreichen Einzelstudien vorgelegten Informationen. Und zu Recht lenkt die Autorin die Aufmerksamkeit darauf, dass es bereits Ende 1941 keinen begründeten Zweifel an der Zuverlässigkeit der aus dem »Schlachthaus Europa« eingehenden Nachrichten mehr geben konnte.
Ein populäres und – wie es im Vorwort heißt – kommerzielles Buch jenseits der engen Grenzen der Fachpublizistik zu schreiben ist der Autorin auf eindrucksvolle Weise gelungen. Fragwürdig ist freilich ihre Neigung zu überzogenen und sachlich nicht nachvollziehbaren Wertungen, darunter die These, Hitlers Aufstieg wäre ohne die Wall Street und die von US-Banken vermittelten Kredite unmöglich gewesen. Ebenso abwegig ist der Vorwurf, 1939 habe es noch keine den Holocaust thematisierenden Filme gegeben. Und schließlich fragt man sich, warum der Familie des gegenwärtigen US-Präsidenten und deren Teilhabe an Rüstungsgeschäften mit den Nazis so viel Aufmerksamkeit gewidmet wird. Damals standen die Bushs nicht in der ersten Reihe. Der Verdacht drängt sich auf, dass die Grenzen zwischen populärem Schreiben und suggestivem Populismus um des Verkaufserfolges willen bisweilen überschritten werden.
So verdienstvoll eine Übersicht über das vorhandene Wissen zweifellos ist, so begrenzt erscheint der Wert einer abermaligen Nacherzählung des Skandals. In anderen Worten: Mit Enthüllungen allein ist es nicht getan. Erst wenn die begründete moralische Empörung Anlass zu weiterführenden Fragen gibt, öffnet sich der Raum für historisches Verständnis. Und für eine Diskussion, die das Vergangene mit dem Gegenwärtigen zusammenführt. In welchem Spannungsverhältnis stehen Außenpolitik, Demokratie und humanitäre Intervention? Ist das Amerika des Zweiten Weltkrieges tatsächlich ein Sonderfall, und zu welchen Ergebnissen kommt ein den Blick auf andere Demokratien im Krieg erweiternder Vergleich? Eva Schweitzer liefert zahlreiche Fakten, die beim Versuch einer Antwort zu berücksichtigen sind. Alles weitere bleibt den Lesern überlassen.
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- Serie buch im gespraech
- Quelle (c) DIE ZEIT 22.12.2004 Nr.53
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