BEICHTGESPRÄCH Die Kirche im Dorf

Von welchen Sünden hört ein Dorfpfarrer, und was macht er mit diesem Wissen?

Ein Katholik bereut seine Sünden, trägt sie zur Beichte, und dort werden sie ihm vergeben. Er kniet sich nieder auf das rund gescheuerte Bänkchen eines Beichtstuhls und flüstert seine Sünden durch ein dichtes Holzgeflecht dem Pfarrer ins Ohr, und dann wird er von ihnen losgesprochen: So steht es in der Pastoralordnung. Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben: So hat es Jesus praktiziert, und so trägt er es seinen Jüngern im Johannesevangelium auf. Und dann geht man in Frieden nach Hause. So stellt man sich das vor.

Aber in Wirklichkeit, in einem kleinen Bergdorf in Österreich, auf dem Boden der Tatsachen, flüstern die Menschen ihre Sünden ins Ohr des Pfarrers, aber dort bleiben sie dann, denn sie gehen ja nicht zum anderen Ohr wieder hinaus. Vielleicht merkt sich der Pfarrer das ja, oder er denkt daran, wenn er abends durch das Dorf läuft oder wenn er dem reuigen Feuerwehrhauptmann beim Feuerwehrfest die Hand schüttelt. Der Sünder kann seine Sünden vergessen, aber was ist mit dem Pfarrer?

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Im Beichtstuhl, mit umgehängter Stola, handelt er in Namen Christi. Aber er ist ja auch ein Mensch, in diesem Fall ein ziemlich guter Skifahrer, Ende dreißig, der irgendwann mal Philosophie und Literatur studiert hat und dann Theologie, bis er vor sieben Jahren in dieses österreichische Bergdorf versetzt wurde: vier Nebendörfer, 4000 Katholiken, von denen immer weniger zur Beichte gehen. Manche einmal im Monat, andere alle paar Jahre oder wenn etwas passiert ist, und die ganz alten Leute legen, solange sie noch bei Kräften sind, oft eine Lebensbeichte ab. »Alles, was Leute tun, was jeden Tag in der Zeitung steht, wird gebeichtet«, sagt der Pfarrer, der die meisten seiner Sünder ja persönlich kennt, der aber durch das Beichtgeheimnis zum Schweigen verpflichtet ist, auf dessen Bruch die Suspendierung steht. Er muss ein bisschen aufpassen, dass er nicht zu sehr ins Detail geht.

Die häufigste Sünde?

»Der Egoismus. Dass man nur auf sich selber schaut, keine Rücksicht nimmt, weder Gott noch den Nächsten liebt.«

Geht’s nicht doch ein bisschen genauer?

»Habgier. Menschen, die keinen gefestigten Charakter haben, die werden von der Habgier nach dem Erbe, nach dem Haus verleitet, ihre Eltern über Bord zu werfen. Die vergessen, dass das die Mutter ist. In diesem Umfeld passieren viele Geschichten.«

Wir sitzen um einen Adventskranz in seiner kleinen Küche, ein strahlender Wintertag, eine Uhr tickt, auf der Anrichte stehen Dutzende von Gläsern mit selbst gemachter Marmelade, die er hier ständig in die Hand gedrückt bekommt. Er ist beliebt im Dorf, ein junger Typ, der den Omas das Gefühl gibt, dass das Leben weitergeht, im Himmel und auf der Erde, und der seinen Religionsschülern beibringt, dass Homosexualität keine Sünde ist. »Wo steht das?« Oder dass Aids zwar die Folge eines bestimmten Lebensstils sein könne, aber keine Strafe Gottes. Er findet, Frauen sollten in Verhütungsfragen nicht von Kirchenmännern bevormundet werden, und das diskutiert er auch mit seinem Bischof. Den neuen Fundamentalismus, den er bei manchen seiner gleichaltrigen Amtskollegen beobachtet, hält er für einen Reflex auf die unsicheren Zeiten. Seine Moralvorstellungen entsprechen ungefähr denen eines jüngeren Katholikentagsteilnehmers, und sein Humor, wenn’s sein muss, dem einer Stammtischrunde. Die routinemäßigen Anspielungen auf sein Zölibat (das er gern abgeschafft sähe, aber selbst ernst nimmt), wenn mal wieder Freundinnen aus der Stadt zu Besuch sind, beantwortet er mit ebensolchen Zweideutigkeiten. So einer ist das. Er kann keine drei Schritte durchs Dorf laufen, ohne dass jemand den Hut zieht oder zu einer Weihnachtsfeier einlädt oder sich übertrieben verbeugt und über die Hauptstraße schreit: »Grüß Gott, Hochwürden, wann spielma wieder Tennis?«

Es ist wichtig, dass die Leute Vertrauen zu ihm haben, ihn respektieren und mögen. Denn bevor sie von ihren Sünden befreit werden können, schleppen sie diese mit sich herum, und da muss ihr Seelsorger in den entscheidenden Momenten aufmerksam und zur Stelle sein. »In der Praxis verschwimmt das ja alles.« Am Stammtisch erzählen die Leute ihre Sünden, und in der Beichte erzählen die Leute ihre Sorgen. Und er hört zu. Und greift auch ein, schließlich sei er Pfarrer geworden, um Gott in die Welt zu bringen, um zu sehen, wie viel Gutes, wie viel Gerechtigkeit in der Welt möglich seien. Er vermittelt bei Geschäftsverkäufen, wenn die Verhandlungspartner so misstrauisch sind, dass der eine lieber seinen Laden schließen würde, bevor er mit dem Preis nach unten ginge, und der andere dann halt arbeitslos bliebe. Oder wenn ein Schüler von der Schule fliegen soll, weil er gedealt hat. Dann muss er bei der entscheidenden Lehrerkonferenz dabei sein und reden, »denn sonst geschieht halt das Richtige bloß«, aber der Junge würde nie wieder eine neue Schule finden. Oder wenn sich eine Familie, was oft vorkommt, sich gegen die zänkische Oma verschworen hat, mit der jetzt keiner mehr zum Einkaufen fährt. Oder er redet mit dem Vater, der seinem Sohn den Betrieb nicht übergeben will, weil der mal was Falsches gesagt hat. »Da kann man oft die Situation ein wenig erleichtern. Den Dingen die Schärfe nehmen. Die wirklich brutal sein können.« Seine diplomatischen Missionen finden oft am Stammtisch statt, bei einem Bier, und sie beginnen mit dem Satz: »Du: Eins muss ich dir schon sagen.«

Alles wird gebeichtet: Ehebruch, Abtreibung, Päderastie

So vermischen sich Familienkonflikte mit Sorgen und Schuldgefühlen, lange bevor sie bereut und gebeichtet werden. Die schweren Seelennöte landen alle bei ihm, weil es keinen Psychologen gibt am Ort – nur einen Psychiater, 30 Kilometer entfernt – und keinen Rechtsanwalt. »Oft ist es so, dass die Leute einfach niemanden haben, bei dem sie ganz spezielle Dinge loswerden können. Sehr oft, bei einem Glas Wein, fängt einer plötzlich an. Oder jemand kommt auf der Straße auf dich zu und sagt, Herr Pfarrer, ich hab da ein Problem, ich muss da was tun. Dann lade ich ihn zu einem Gespräch ins Pfarrhaus ein. Das sind dann oft Sachen, wo man sagt, es ist besser, es weiß niemand davon, schon gar nicht zu Hause.« Wie zum Beispiel?

»Jemand, der in jungen Jahren seinen Ehepartner betrogen hat, der längst tot ist. Oder im Krieg schlimme Erfahrungen gemacht hat. Oder eine Abtreibung. Das beschäftigt die Leute bis ins hohe Alter. Weil der Mensch sich oft selbst nicht vergibt.«

Aber sind das nicht oft Dinge, die die Leute nur belasten, weil die Kirche sie zu Sünden erklärt hat?

»Ich glaube, das ist relativ unabhängig vom Katholischsein. Und es ist paradox: Heute wird alles entschuldigt. Aber trotzdem lastet es auf den Menschen, massiv. Heute kannst du fast alles tun, aber die Erfahrung ist, dass der Mensch damit nicht fertig wird. Die Scheidungen, die ganzen Brüche im Leben. Oder stell dir vor, du trinkst zu viel und überfährst ein Kind.«

Das gab’s schon?

»Ja alles. Alles Mögliche. Eben alles, was in der Zeitung steht.«

Und was, wenn einer für andere gefährlich ist, und der Pfarrer weiß das?

»Es kommt immer darauf an, in welcher Weise sich diese Neigung bei ihm schon geäußert hat. Bei Päderasten zum Beispiel: Ob der bereits kriminell geworden ist, das ist was ganz anderes, als wenn der sagt, er hat leider damit zu kämpfen. Und im Übrigen aber ein absolut solides und korrektes Leben führt. Das muss man im speziellen Fall einfach abschätzen können, was da erforderlich ist.«

Aber was macht er dann, wenn einer beichtet, dass er gern die Kinder im Schwimmbad anschaut?

»Kommt auf den Fall an. Aber klar: Weil’s eben so sensibel ist, muss man auch die vierfache Maßnahme anraten. Aber wenn damit jemand zur Beichte kommt, dann ist er sich dessen voll bewusst. So sehr er damit kämpft und verstrickt ist, aber er tut ja eh schon alles, um keine Fehler zu machen.«

Aber was rät man so jemandem?

»Das gehört mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln aufgearbeitet. Es ist eines der schlimmsten… Wie soll ich’s nennen: Es ist eine schlimme Fehlhaltung. Das sitzt ja ganz tief bei diesen Leuten. Das Problem sind ja die, die nicht kommen. Wenn einer das beichtet und sich total damit konfrontiert, dann ist er schon sehr weit. Die sind ja auch schon mittendrin in dem Prozess.«

Und lassen sich dann auch behandeln?

»Ja. Meistens wird das ja im Vorfeld beredet. Die Beichte ist da nur so ein ganz minimaler Bestandteil. Eine Hilfe, aber die inneren Probleme dieser Menschen sind ja damit noch nicht behoben.«

Und zu welchen Schritten rät man so jemandem?

»Zu allem, was nur möglich ist. Professionelle Hilfe. Die Lebensgestaltung: Die wissen ganz genau, die dürfen sich manchen Situationen nicht aussetzen, wo sie allein sind mit einem Kind, das wissen die genau, dass das verhängnisvoll ist.«

Belastet ihn das?

»Das frag ich mich auch manchmal. Man merkt’s an den Träumen. Im wachen Zustand sagt man, okay, das lass ich hinter mir, und in der Nacht träumt man davon. Das heißt, es arbeitet doch in einem.

Und wenn er dann jemanden auf der Straße trifft, der eine schwere Sünde gebeichtet hat? Ist dann alles vergessen?

Ja. Weil man den wieder so annimmt. Das ist ja Vergebung.

Und Gott vergibt absolut alles?

»›Du musst es beichten. Auch wenn die Menschen dich verurteilen, ich verurteile dich nicht.‹ Im Allgemeinen machen die Menschen diese Erfahrung ja nicht. Von den Menschen bist du stigmatisiert, wenn du schwere Fehler begangen hast. Aber das Wunder des Glaubens – und das ist ein Wunder – bedeutet eben, dass der Makel weg ist. Dass du wieder als aufrechter Mensch durchs Leben gehst. Das ist ja das Unvorstellbare.«

Und die Menschen sind danach erleichtert?

»Die Menschen sind danach befreit, es hilft ihnen manchmal, Dinge abzuschließen.«

So ist das mit den Sünden und Sorgen in einem katholischen Alpental. Sie bleiben für lange Zeit im Dorf und in den Köpfen der Leute. Und wenn man sie lange genug mit sich umhergeschleppt hat, wenn man sie besprochen oder bereut hat, dann geht man an einem Samstag, vor dem Abendgottesdienst, die Treppe zur Kirche hinauf, man muss fast klettern, so steil ist sie. Zum Beichten, was ja ein bisschen wie beten und entweichen klingt. Und während auf den Bänken die blaulippigen alten Großmütter den Rosenkranz murmeln, zwängt man sich in die Holzzelle und spricht den Satz: »Ich bekenne vor Gott meine Sünden.« Und dann, in der Dunkelheit des Beichtstuhls, der in diesem Dorf schon ganz wurmstichig und schwarz ist, passiert diese chemische Reaktion, die etwas Schweres, Bedrückendes verwandelt und auflöst und in den Himmel entlässt. Und was passiert dort mit den Sünden?

»Gott vergibt sie. Das spielt dann keine Rolle mehr«, sagt der Pfarrer.

Die Formel selbst ist so schön, dass einem dabei fast die Tränen kommen, wenn der Pfarrer sie vorbetet, er singt jetzt fast: »Gott, der himmlische Vater, hat durch seinen geliebten Sohn, Jesus Christus, die Welt mit sich versöhnt und den Heiligen Geist gesandt zur Vergebung unserer Sünden. Durch den Dienst der Kirche schenke er dir Verzeihung und seinen Frieden. So spreche ich dich los von deinen Sünden, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.« Vielen Menschen wird dadurch leichter ums Herz, und das ist auf jeden Fall ein Wunder, kein ganz kleines.

 
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