Religion Das Wort ist Fleisch gewordenSeite 4/4
Weil solche verbilligenden Rationalisierungen genau das beseitigen, worauf die Erzähler der Wundergeschichten hinauswollen, stoßen sie die Realpräsenz Gottes, die in diesen paradoxen Ereignissen enthalten war, ab wie ein fremdes Implantat. so lautete 2002 ein anderer Buchtitel Bergers. Dort redet er von der »Dimension der mystischen Fakten«.
Was ist ein mystisches Faktum? Im Unterschied zu dem, was wir sonst ein Faktum nennen, ist es nichts zum Anfassen. »Fass mich nicht an!«, sagt der Auferstandene zu Maria Magdalena am Ostermorgen. Was sich entzieht, kann dennoch Spuren hinterlassen. Dann ist es wirklich geworden. Berger: »Verklärung halte ich nicht für eine physikalische Realität, und ich mache nicht die potenzielle Fotografierbarkeit zum Maßstab dessen, was ich für wirklich halten darf. Es ist aus meiner Sicht eine Erfahrung in Raum und Zeit, aber an deren Rande, denn mit den Mitteln der Kausalität ist dieses Geschehen nicht zu erklären.«
Die Zeichenpraxis der christlichen Kirche hat als spezielle Antwort auf das Medienproblem des Monotheismus ein eigenes Alphabet ausgebildet. Es ist nach der Grammatik der Inkarnation konstruiert. Jesus, das Fleisch gewordene Wort, ist, anders als Schrift, das, was es bedeutet. Zeichen und Bedeutung fallen zusammen. Das ist die Definition des Sakraments. In diesem Sinn könnte die Art, wie Klaus Berger die Wirklichkeit der Wunder deutet, sakramental genannt werden.
Nicht der geringste Reiz der Lektüre besteht für den Leser in der Frage: Ist Berger ein Revisionist, einer, der das Entmythologisierungsprogramm Bultmanns mit einer Remythisierung kontert? Haben da nicht beide vor jenem Verständnis von Wirklichkeit kapituliert, das die Realität auf physische Fakten reduziert? Was unterscheidet den von einem Fundamentalisten, der von der objektiven Wirklichkeit der Wunder spricht und in dessen Universum Exorzismen, Dämonen und der Teufel passen? Schließlich gehören sie zur Welt der Bibel.
Was Drewermann und Küng für die Amtskirche, ist Klaus Berger für die Gemeinde der Betroffenen und die Theologen von der weichspülenden Observanz. Berger hat sichtlich Lust auf die Rolle des Aufmischers, und er ist aufmerksam darauf bedacht, keinen Fettnapf der theological correctness auszulassen. Dabei verlässt er aber nie im Ernst den Garten der Vernunft. Es macht ihm Spaß, auf der Mauer zu sitzen und dem Publikum Reden zu halten über die Wildnis außerhalb des Gartens und die verlockenden Fernen, damit seine Zuhörer den Garten nicht für die Welt halten.
Zwar dient das dem intellektuellen Vergnügen des Lesers, aber es führt auch zu einem völlig unnötigen Selbstmissverständnis. Berger hat den falschen Feind ausgemacht. Ist wirklich die Aufklärung am Siechtum des Christentums schuld? Das Gegenteil ist richtig. Gerade die Herausforderungen durch die Buchreligion des Islams zeigt, dass das Christentum die Religion der Moderne ist. Die Christen können sich eine harte Bibelkritik leisten. Denn das Wort ist Fleisch geworden.
JesusReligion | Christentum | JesusSachbuchKlaus BergerBuchPattloch Verlag2004München28704- Datum 22.12.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 22.12.2004 Nr.53
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