Keine moralische Anstalt
Aber auch hier kann man etwas lernen. Frank Castorf frisst sich durch Hans Christian Andersens Märchen
Auch die Coolen können dieses Jahr ins Weihnachtsmärchen gehen, Frank Castorf hat in seiner Berliner Volksbühne nach Motiven Hans Christian Andersens inszeniert – Andersens, dieses traurigen, von Liebessehnsucht zerfressenen Seelenkundlers, dieses gerissenen Sprachmagnetiseurs der Kindlichkeit.
Weil alle Märchen naiv und pathetisch sind und in ihnen die Dinge handeln, als wären sie beseelt, muss hier das Castorfsche Theater der Blitzfermentation alles Bedeutungsvollen zu großer Form auflaufen. Es muss sich des Märchenhaften entledigen, weil das Lüge ist, und zugleich zeigen, dass die Märchen so etwas wie den obsessiven Grund des Theaters bilden – in diesem Stück und in Wahrheit immer. Herbert Fritsch ist also der Kragen, der von Volker Spengler als Bügeleisen gedampfbügelt wird, er ist auch die Kanne, die voller Wehmut von ihrem Sprung im Deckel erzählt, er kriegt am Anfang die Spiegelsplitter ins Herz, die den kleinen Kay aus der Schneekönigin seiner Gerda entfremden. Fritsch spielt die Qual der lebendig gewordenen Dinge.
Im Russennutten-Outfit, mit Pumps, Höschen und Anorak drüber, macht sich Gerda (Birgit Minichmayr) auf die Suche nach ihrem Kay. Kay (Alexander Scheer) ist der platinblonden Schneekönigin (Jeanette Spassova) verfallen. Das Räubermädchen (Irina Kastrinidis) hilft Gerda. Bizarre Suche: viel Kunstschnee und Nebel, Nacktschneckenkostüme, Slapstick und Splatter. Der kleine Kay ist ein Szenetyp, der einfach raus will aus der Beziehung – mal was Reifes, Kühles. So einer kommt nicht ohne weiteres zurück.
Castorf lässt das in der Welt derer spielen, die durch eigene Schuld heillos verarschlocht sind, unter tätiger Mithilfe ihres Mundwerkes und ihrer Gedankenlosigkeit, also hier und jetzt. Ja, es ist etwas Kindliches in ihnen allen, warum auch nicht, Hoffnung auf Liebe und Beständigkeit, auf ernsthafte Gefühle und auf einen Ausbruch aus dem unernsten Selbst. Und dann, als Kay und Gerda sich endlich wiederhaben und das Eisherz schmilzt, ist das Stück naturgemäß nicht zu Ende. Kindlich sein, das heißt eben doch nur: infantil sein, und so dreht sich alles weiter um die Sehnsucht nach dem Naiven und um seine zwanghafte Verplauderung.
Aus Kay und Gerda werden irgendwann Rudi und Babette, dann der grausame Prinz und die treuherzige Prinzessin. Andersen selbst spukt als augenloser »Meister« herum. Castorfs Stück frisst sich hungrig durch Andersens Märchen, Eisjungfrau, Des Kaisers neue Kleider, Der Schatten. Lange Sequenzen aus den Tagebüchern des Dänen werden rezitiert. Ganz am Schluss ein Eintrag von 1866: In Paris besucht er ein Bordell, wählt ein Mädchen aus, zahlt seine fünf Francs – und macht nichts. Wäre das nun ein Ausdruck von Herzenskälte oder von Herzenswärme?
Das Ganze ist ein dreistündiger Klamauk über die Unfähigkeit, ein Leben zu führen. Und das Einfachste ist, diese Nummernrevue aus Andersen-Zitaten und selbstironischem Theaterspielen blöd zu finden. Ganz am Anfang sagt die Schneekönigin zu den Zuschauern, das Spiel werde lange dauern, aber hinterher sei man klüger. Wieso soll das nicht stimmen? Auch in einer nicht-moralischen Anstalt kann man etwas lernen. Sex könnte immerhin die Lösung sein, für die Kaltherzigen ebenso wie für die Romantiker: die Märchenorgie. So leicht macht es sich Castorf jedoch nicht. Er weiß, dass seine Theatermaschine dann aus Mangel an Energiezufuhr stillstehen würde.
Castorf tut stattdessen etwas anderes: Er lauscht Andersen, dem Hässlichen, der fast barst vor erotischem Begehren, den Bekenntniszwang ab. Diese übersexualisierten Märchen, sie sind ja auch eine maßlose Rede von sich selbst. Und dieses zwanghafte Reden von der eigenen Unerfülltheit verkabelt Castorf mit dem Gebrabbel eines zeitgenössischen Kollektiv-Ichs, mit dem Redekontinuum einer ebenso coolen wie gefühlsduseligen Gesellschaft, die auch unerfüllt ist, die vor ihrer eigenen Kälte erschrickt, Fantasien des Kindlichen am Fließband produziert, um sich vor ihnen doch nur wieder in Sarkasmus zu retten. Das hört in der Tat nie auf. Es ist eine kolossale Rede, die da durch die Märchen hindurch zu vernehmen ist. Sie ist unkontrolliert, formlos und imperialistisch. Sie spricht alles aus, bis zur Peinlichkeit. Deswegen ist sie Theater. Es ist eine Welt nur aus Sprechen, so flüchtig und so anziehend wie das Schloss der Königin, das aus tobendem Schnee besteht.
Das Märchen-Begehren-Theater ist also ein totalisiertes Theater. Aus ihm gibt es kein Entkommen, es ist körperlich erschöpfend und ohne Schluss. Die einzige Möglichkeit, ihm zu entkommen, besteht darin, sich müde abzuwenden. Am Ende war ja auch alles, wie man es erwartet hatte: das Wohnzimmer in Trümmer gelegt von einem sinnlosen Kindergeburtstag, die Schauspieler nackig, mit erbarmungswürdigen blauen Flecken von der Probenarbeit. Echte Ziegenböcke gab es zu sehen, eine Krähe, Seifenschneegestöber, Bäuche. Castorfs Theater ist eine kalte, gnadenlose Schneekönigin. Kein Zuschauer kann hoffen, dass seine Liebe hier erwidert würde. Doch kommt er, obwohl klüger geworden, nicht mehr davon los. Außerdem war es wirklich lustig. So wird es Weihnachten. Weihnachten ist auch nur ein Märchen.
- Datum 22.12.2004 - 13:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 22.12.2004 Nr.53
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