Als mein Vater wusste, dass er nur noch wenige Tage zu leben hatte, lud er seine Kinder und seine engsten Mitarbeiter ein, machte ein paar Flaschen Champagner auf und nahm Abschied. "Auf ein heiteres Ende", sagte er und hob das Glas. Ich kann mir diese Szene immer wieder ansehen, denn ich habe die Abschiedsgesellschaft auf Video aufgenommen. Als Erinnerung an meinen Vater. Und immer sagt er zum Schluss: "Auf ein heiteres Ende." Dann bricht der Film ab.

Mein Vater war ein Pfarrer und ein frommer Mann. Deshalb starb er ruhigen Herzens, fast guter Dinge, obwohl er zuletzt viel hat leiden müssen. Die Zeit, in der wir auf den Tod warteten, war die beste Zeit, die ich mit ihm hatte. Nie habe ich vertrauter und inniger mit ihm gesprochen. Die Kunst, den Tod zu bestehen, ist der Ernstfall für einen gläubigen Menschen. Irgendwann hebt sich der Vorhang vor dem Wert und der Glaubhaftigkeit der eigenen Biografie, und dementsprechend gestaltet sich der Abgang. "Wo geh ich jetzt wohl hin?", fragte sich mein Vater, damals, als er starb. "Wo bin ich gewesen, bevor ich zu dir gekommen bin?", fragt mich meine kleine Tochter heute. Das sind Fragen, die kein Wissenschaftler beantworten kann, die sich die Wissenschaft auch gar nicht stellt. Es sind aber fundamentale Fragen für jedes Menschenleben, und allein die Religion versucht Antworten darauf.

Wenn ich mich recht erinnere, war es ungefähr zu dieser Zeit, als mein Vater starb, dass ich anfing, an Gott zu glauben. Vielleicht habe ich es auch schon vorher getan und es bloß nicht gemerkt. Aber wenn man erwachsen wird und auf einmal persönliche und berufliche Entscheidungen treffen muss, dann taucht die Frage auf: Woran glaube ich, weshalb entscheide ich mich so und nicht anders? Und ich merkte plötzlich, dass ich viele Dinge gar nicht mehr zu entscheiden brauchte, weil die Entscheidungen für mich als Christin längst gefallen waren. Jeder Mensch glaubt an irgendetwas – es geht nicht ohne Glauben. Hinter allem, was die Leute tun, steckt ein Glaube, der Glaube an das Recht vielleicht oder an die Liebe, an den Ruhm oder das Geld oder an das Ich oder an die gewaltsame Weltverbesserung oder daran, dass es keinen Gott gibt… Der Glaube – an was auch immer – ist die Steuerungssoftware eines Lebens. Jeder braucht, um ein Mensch zu sein, so ein Deutungsmuster von dem, was richtig ist und was falsch. Dafür hat er seine Vernunft. Meine Software ist der christliche Glaube. Er dient mir als Programm, mit dem ich alles bearbeiten kann, also deuten kann, was mich betrifft. Und mich betrifft alles.

Ich habe dieses Programm von meinen Eltern mitbekommen, aber aktiviert habe ich es selber – ganz bewusst, als ich erwachsen wurde. Vielleicht auch, weil ich da begriffen habe, wie ohnmächtig die Menschen sind – ich und die anderen –, voller Furcht und angewiesen auf etwas, worauf sie sich verlassen können. Wie wenig haben sie selbst in der Hand. Die wichtigsten Dinge hat ihnen das Schicksal aufgezwungen. Ihre gesamte Hardware zum Beispiel: Mich hat niemand gefragt, ob ich eine Frau sein will; ob ich gesund bleibe, kann ich nicht selbst beschließen; weder Augenfarbe noch IQ, noch Charakter durfte ich mir aussuchen; meine Hautfarbe, mein Elternhaus, der Kontinent, auf dem ich wohne – all das habe nicht ich für mich bestimmt. Und in meiner Todesstunde wird mich niemand fragen: Darf’s noch ein Tag mehr sein?

Auch die entscheidenden Güter im Leben kann ich mir nicht selber herstellen: Liebe, Anerkennung, Freundschaft, Kinder, Glück. Ich kann dazu beitragen, daran arbeiten und mich mühen, aber letztlich ist es ein Geschenk anderer und meinem Willen entzogen. Das ist für mich eine Grunderkenntnis der Religion: Ich habe nur sehr wenig, fast gar nichts in der Hand, ich muss auf eine Macht außerhalb meiner selbst bauen, um mich mit meiner eigenen Ohnmacht abfinden zu können – ja vielleicht sogar versuchen, ein fröhliches Einverständnis mit dieser Ohnmacht zustande zu bringen. Andernfalls droht ein Ende im Dauerhader oder als Sauertopf.

Auch das Scheitern ist dann nicht mehr so schmerzlich. Dieses ewige An-seine-Grenzen-Stoßen ist ja eine immer wiederkehrende Verletzung und hört leider nie auf. Alles steht im Weg: die vermaledeiten Umstände, meine persönlichen Beschränkungen und – natürlich! – die anderen Menschen, die nie so wollen, wie ich will. Warum ist es mir nicht möglich, mit einer bestimmten Person zusammenzuleben? Warum ist mein Kind nicht so einsichtig, wie ich das gerne hätte? Warum sind meine Texte nicht so überragend, wie ich mir das wünsche? Überhaupt bin ich nicht so, wie ich finde, dass ich sein sollte: nicht so brillant, nicht so mutig, nicht so herzlich, nicht so schön. Gottlob geht es nicht nur mir so – wie ich von anderen höre, scheint diese Vergeblichkeit ein Grundzug vieler Leben, wenn nicht des Menschseins an sich zu sein.