GOTT ODER NICHT GOTT? Ich glaubeSeite 2/2
Und da verleiht die Vorstellung, dass man sich nicht pausenlos aufreiben und in Szene setzen muss, durchaus eine Gelassenheit: Man ist sowieso ohnmächtig, zum Scheitern verurteilt – und doch geliebt. Als sein Geschöpf von Gott geliebt und angenommen zu sein, ohne den geringsten Aufwand treiben zu müssen – mich stimmt dieser Gedanke heiter. »Weil ich Jesu Schäflein bin…«, bete ich abends mit meiner kleinen Tochter.
Natürlich frisst an mir auch der Zweifel. Häufig und heftig. Sicher gibt es keine gläubige Existenz ohne die intellektuelle Skepsis und ohne den maßlosen Zorn auf Gott. Wie sollte sich auch ein Schicksal wie das der kleinen Levke aus Cuxhaven, die – alle Zeitungen sind voll davon – mit acht Jahren einem Mörder in die Hände fiel, mit dem Glauben an den lieben Gott vereinbaren lassen? Die Schrecken der Welt waren und sind immer das beste Argument gegen die Existenz Gottes, und ich kann daran auch nicht vorbei. Gleichzeitig war das Unglück auch immer der brennendste Grund für die Menschen, sich auf Gott zu stürzen. Not lehrt beten, heißt es. Wer will darüber lachen? Sind alle jene, die aus tiefster Not – aus den Krebsstationen, aus den Schützengräben und den Gefängniszellen – zu Gott schreien und all ihre Hoffnung auf ihn werfen, bloß Narren? Es gibt kein Buch, das so voll ist mit Trauer und Zorn auf Gott wie die Bibel. Die Beschimpfungen, denen er dort ausgesetzt ist, sind manchmal am Rande der Blasphemie. Wut und Verzweiflung sind von jeher Geschwister des Glaubens und natürlich der bohrende Zweifel, dass gar nicht vorhanden sein könnte, woran man sich klammert, und die Angst, dass die Flüche und Gottesbeschimpfungen keine Adresse haben könnten, sondern in der eisigen Kälte des Alls verhallen.
Das Mathematik- und Physikgenie Blaise Pascal, das im 17. Jahrhundert lebte, wettete mit einem Freund, ob es Gott gebe oder nicht. Der Freund wettete, es gebe keinen: »Was bekomme ich, wenn ich gewinne«, fragte er. »Nichts«, antwortete Pascal, »du magst dann zwar Recht haben, aber du hast trotzdem verloren. Und ich auch. Wenn es keinen Gott gibt, ist das Leben sinnlos und leer.« – »Und wenn du gewinnst?«, fragte der Freund. »Dann haben wir beide gewonnen«, sagte Pascal. Das, meinte der Freund, beantworte aber nicht die Frage nach der Existenz Gottes. »Stimmt«, sagte Pascal, »aber es macht klar, dass du dich entscheiden musst und dass die Entscheidung für dein Leben Folgen hat: Du musst zwischen zwei Antworten wählen, die mit gleicher Wahrscheinlichkeit richtig sind: Die eine Antwort hat gute Folgen, die andere schreckliche. Wie kannst du da zögern?« Der Freund fragte: »Und wenn ich mich irre?«– »Macht nichts«, versetzte Pascal, »dann hast du eine schöne Illusion gehabt. Andernfalls hättest du das Nichts gewählt. Das macht nicht glücklich.« Der Freund fragte: »Ich muss also an Gott glauben?«– »Du musst nicht«, antwortete Pascal, »aber es ist deine einzige Chance.«
Ich muss nicht beweisen, dass es Gott gibt (für viele Menschen ist die Schönheit und Ordnung der Natur oder ein Säugling auf dem Arm seiner Mutter schon Beweis genug), und ich kann es auch nicht. Ich weiß nicht, ob es Gott gibt, aber ich glaube an die schöne Illusion, von der Pascal spricht. Ich hoffe, dass das oft elende Menschenwerk um mich herum nicht die letzte Wahrheit ist und der amerikanische Präsident nicht der höchste Machthaber.
Es fällt mir nicht leicht zu glauben; das Christentum ist verrückt und voller Paradoxien. So entwirft es zum Beispiel eine Zukunft nach dem Ende. Es könnte eine neue Schöpfung sein, die da wartet, oder eine ausgleichende Gerechtigkeit. Das sind zwar Vorstellungen, die weit über meinen Horizont reichen, aber sie haben Auswirkungen auf mein Leben. Meistens tröstliche. Besonders die biblische Vorstellung vom Jüngsten Gericht. Darunter stelle ich mir keine gigantische Strafaktion vor, sondern eine göttliche Maßnahme, die vielleicht all das lösen könnte, was in dieser Welt ungerecht und ungelöst geblieben ist. Und wenn mein Glaube bloß eine Einbildung war? Dann ist es eben so! Ich habe dann ein getröstetes Leben geführt und mich wenigstens bemüht, ein halbwegs guter Mensch zu sein. Vielleicht hilft mir das Glauben dereinst auch dabei, ein bisschen leichter zu sterben. Dann werde ich erkennen, ob ich mich geirrt habe. Nach meinem Ende. Meinem hoffentlich heiteren Ende.
- Datum 22.12.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 22.12.2004 Nr.53
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