Warum ein Mensch nicht glaubt? Zum Beispiel, weil er irgendwann den Glauben verloren hat. Als Kind und Jugendlicher habe ich gebetet, hatte einen Weihwasserkessel im Zimmer, bin zur Kommunion gegangen, als junger Erwachsener dann nicht mehr. Wann dieser Wandel geschah und warum, weiß ich nicht. Ich weiß auch nicht, ob meine Entscheidung, falls es überhaupt eine bewusste Entscheidung war, endgültig sein wird. Fast jeder Gläubige kennt Momente des Zweifels. Solche Momente gibt es auch bei den Ungläubigen oder Skeptikern. Voltaire, der Titan der Kirchenkritik, hat es sich, wie so mancher, auf dem Totenbett noch schnell anders überlegt. Er ließ einen Priester kommen, beichtete und nahm die Absolution entgegen, Er, der die Kleriker immer bis aufs Blut verspottet hat. Ein Last-Minute-Ticket in den Himmel!

Ich gehe trotz allem hin und wieder in die Kirche, weil ich die pathetische Atmosphäre dieser Räume mag, weil das Zeremoniell und der Geruch nach Weihrauch Kindheitserinnerungen wecken, dann horche ich in mich hinein und finde den Zweifel. Alle Religionen versorgen ihre Gläubigen mit Handlungsanweisungen und Richtlinien – gut und böse, richtig und falsch. Der Ungläubige muss seine moralischen Maximen aus sich selbst schöpfen oder auf dem Markt der Möglichkeiten nach einer Moral suchen. An die Stelle Gottes, diese höchste Stelle in der Hierarchie der Werte, hat er den Menschen gesetzt. Ungläubige sind weder bessere noch schlechtere Menschen. Die Idee der universellen und unveräußerlichen Menschenrechte ist wohl der edelste Gedanke, den der religiöse Unglaube hervorgebracht hat. Er wurde im Jahrhundert der Aufklärung geboren, leider hat die Aufklärung auch ihre Nachtseite. Was hat es gebracht außer bedrucktem Papier? Immerhin den Milo∆eviƒ-Prozess, die Abschaffung der Sklaverei, das Ende der Prügelstrafe und noch ein paar Dinge. Sonderbar, dass die ähnlich schöne, ähnlich starke Idee der Nächstenliebe in all diesen Jahrhunderten nicht erfolgreicher war. Keine Unterschiede zu machen, die Menschen so zu nehmen, wie sie sind – dieser Gedanke fällt den Ungläubigen vielleicht leichter. Denn jeder Gläubige, mag er auch noch so duldsam sein, hat doch eine Vorstellung davon, wie die Menschen sein sollten und wie sie sich nach Gottes Willen zu verhalten haben. Für den Gläubigen gibt es immer ein "wir" – unsere Glaubensgemeinschaft – und ein "die anderen".

Etwa ein Drittel der Deutschen sind ungläubig. In den Städten sind es mehr. Während ein öffentliches Bekenntnis zum Glauben häufig als Bekehrungsversuch verstanden wird oder als allzu intim, zuckt das Publikum bei öffentlich bekundetem Unglauben eher mit den Achseln. Die Ungläubigen missionieren niemanden, sie verlangen keine Sitze in Gremien, bilden keine geschlossene Gruppe oder Seilschaft. Die meisten von uns akzeptieren ohne Murren die Symbole und Rituale der Gläubigen, im Gegenteil, wir mögen es sogar, wenn am Sonntag die Kirchenglocken läuten. Das klingt doch heimelig. Ungläubige führen keine Glaubenskriege, es sei denn, sie verfallen einer politischen Ersatzreligion, das sind dann allerdings die Schlimmsten. Ungläubige sind, alles in allem, als Mitbürger unproblematisch und unkompliziert.

Von ihrem spirituellen Leben kann man das nicht behaupten. Denn die meisten Ungläubigen haben durchaus ein Gespür dafür, dass es gut und böse gibt, richtig und falsch, manche sehnen sich nach Handlungsrichtlinien, viele nach Werten, aber etwas Besseres als Kants Kategorischen Imperativ, den es so ähnlich auch schon bei Konfuzius gibt, hat der Unglaube bis heute nicht anzubieten. Was du nicht willst, dass man dir tu… Wer erkennt, dass der Egoismus auch in einer Welt ohne Gott nicht das Maß aller Dinge sein kann, wird von Kant also mit ironischem Augenzwinkern wieder an sich selbst zurückverwiesen. Statt Gott: ein Teufelskreis.

So gehen wir Ungläubigen in moralischen Fragen immer wieder mit uns selbst zurate, sozusagen in göttlicher Einsamkeit, oder aber wir wildern bei den Zehn Geboten, diesem, wie auch Ungläubige zugeben, unübertroffen klaren und eindringlichen Katalog wünschenswerter menschlicher Verhaltensweisen. Das Christentum ist, trotz einiger unschöner historischer Details, in den Augen der meisten Ungläubigen ein liebenswerter Glaube, dem man gerne Respekt erweist, einen Respekt, den man als Ungläubiger von den Christen allerdings nicht immer zurückbekommt. Denn der Glaube und das Eifern sind leider Geschwister.

Religion sagt nicht nur, was der Mensch tun soll, sie sagt auch, wo er herkommt und hingeht. Religion formuliert Antworten auf Fragen, die auch unreligiöse Menschen sich stellen. Wer der Religion den Rücken kehrt, sucht sich deshalb meistens einen Ersatz. Zum Beispiel die Esoterik oder die Wissenschaft. Solche Leute sagen zum Beispiel: Eines Tages wird uns die Wissenschaft die so genannte Schöpfung bis ins letzte Detail erklären können, alles wird nachvollziehbar, rational und logisch sein! Aber es gelingt mir nicht einmal, an die Wissenschaft zu glauben, obwohl ich vermute, dass wir Menschen ganz und gar in unserer Biologie eingesperrt sind. Ein Hund oder eine Katze kann die Welt nicht verstehen, und auch wir können die Welt nicht verstehen, weil unsere Intelligenz und unsere Sinnesorgane einfach nicht dazu gemacht sind, etwas wie die Unendlichkeit des Alls wirklich zu begreifen.