Ich habe einen Traum

Barbara Auer wurde 1959 in Konstanz geboren. Sie studierte an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Hamburg. Seit 1981 spielte sie am Theater. Bekannt wurde sie Ende der achtziger Jahre durch ihre Rollen in Fernsehfilmen. Ihr jüngster Kinofilm ist »Sergeant Pepper«. Barbara Auer hat zwei Söhne und lebt mit dem Kameramann Martin Langer in Hamburg. Hier träumt sie von einer Großfamilie

Eigentlich müsste ich in Weihnachtsvorbereitungen ersticken, aber ich komme einfach zu nichts. Wir haben gerade ein altes Haus gekauft, das darauf wartet, von uns renoviert zu werden. Bis letzte Woche habe ich gedreht, dann habe ich mir die Bänder überdehnt, als ich, mit meinem zweijährigen Sohn auf dem Arm, umgeknickt bin. Inzwischen ist so viel schief gegangen, dass ich mich im Stadium verzweifelter Gelassenheit befinde. Ich bin sicher, einen Teil der Geschenke werde ich erst im Januar verschicken.

Früher lehnte ich wie die meisten Jugendlichen Weihnachten in der Familie ab. Wenn, dann wollte ich diesen Tag mit Freunden teilen. Inzwischen empfinde ich Weihnachten als wahres Familienfest und besonders schön, wenn man es durch die Augen von Kindern sehen kann, egal, ob es die eigenen sind, die von Freunden oder die aus der Familie. In diesem Jahr werden wir mit meinen beiden Stiefkindern, meinen eigenen beiden Kindern und meinen Geschwistern zu fünfzehnt in den Schweizer Bergen feiern. Für mich hat es als Fest der Ankunft von Jesus Christus viel von Nach-Hause-Kommen, von Zu-Hause-Sein.

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Ich habe früher nie von Familie geträumt, aber stets von den Kindern, die ich haben wollte. Auch nach der Geburt meines ersten Sohnes Samuel habe ich mich lange nicht als Bestandteil einer Familie begriffen; so wichtig mein Sohn mir vom ersten Tag an war und so innig ich ihn liebte. Erst seit ich erkenne, dass alles andere, auch meine Arbeit, meine Seele nicht wirklich nähren kann, ist mir Familie immer wichtiger geworden. Das erstaunt mich sehr. Damit habe ich nicht gerechnet, das ist zu mir gekommen. Die tiefe Liebe, die man für seine Kinder empfindet, die eine völlig andere ist als die, die man für einen Geliebten fühlt.

Mit Mitte 30 begann ich davon zu träumen, noch ein Kind zu bekommen. Samuel kam relativ früh, da war ich gerade 27. Als sich zwei Jahre später bei allen Frauen um mich herum das zweite Kind ankündigte, war ich irritiert und wütend und dachte, wie langweilig, dieses spießig-bürgerliche Modell »Mama, Papa, zwei Kinder« zu imitieren.

Was darauf folgte, waren sehr schwierige und schmerzhafte Jahre. Ich hatte mehrere Fehlgeburten hintereinander und begann meine Gedanken zu bereuen. Wie konnte ich so anmaßend und überheblich sein, mich über den Kinderwunsch von anderen Frauen auszulassen? Drei Jahre lang war es mir unmöglich spazieren zu gehen, weil ich bei jedem Kinderwagen, der mir entgegenkam, in Tränen ausbrach. Wir hatten jahrelang vergeblich versucht, ein Kind zu bekommen, und fingen an, uns mit Adoption zu beschäftigen. Als ich nach Jahren mein Trauma überwunden und auf meine Art endlich Frieden mit meinem Schicksal gemacht hatte, wollten wir schließlich ein etwas älteres Kind aus Äthiopien in unsere Familie aufnehmen. Auf einmal, als wir den Gedanken längst aufgegeben hatten, wurde ich plötzlich wieder schwanger. Mit 43. Wir stoppten die Adoption, weil ich befürchtete, ich könnte beiden Kindern nicht gerecht werden.

Heute träume ich von meiner eigenen Großfamilie. Ich träume, dass alle Kinder, die ich in meinem Herzen trage, auch Teil meines aktiven täglichen Lebens sind; sowohl mein äthiopisches Adoptivkind als auch die drei Kinder, die ich verloren habe. Mein Leben wäre das, das ich heute führe, und es wäre doch ein anderes. Wenn es etwas gibt, von dem ich glaube, dass es mir leid tut, dann dies: Nicht noch mehr Kinder bekommen zu haben.

Neben meinem Traum vom Gebrauchtwerden als Mutter in einer erweiterten Großfamilie hatte ich, seit ich denken kann, immer das Bedürfnis nach dem absoluten Gegensatz, nach der totalen Einsamkeit. Der Gedanke, mutterseelenallein auf der Welt zu sein, hat mich schon als Kind fasziniert und ebenso verängstigt. Seit ich wie alle Kinder in den Märchen lebte, die ich las, träume ich von der Verlassenheit düsterer Tannenwälder. Was mich am meisten berührte und anzog, löste in mir zugleich immer auch die größte Angst aus. So sehr ich mir meine Kinder wünschte – auch der Gedanke, Kinder zu haben, ängstigte mich lange.

Diese Zerrissenheit ist symptomatisch für mich und mein Leben. Schon zu Schulzeiten wollte ich etwas Besonderes sein, aber selbst nie in Erscheinung treten. Wäre ich nicht so hübsch gewesen, wäre niemandem aufgefallen, dass ich im Klassenzimmer saß. Ich war furchtbar schüchtern und habe mich oft gefragt, warum ich Schauspielerin geworden bin. Noch heute, auf Elternabenden in der Schule, bin ich tief beeindruckt von den Redebeiträgen anderer, höre erstaunt, worüber Eltern alles informiert sind, und bleibe mit Vorliebe im Hintergrund.

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